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, den Florio Branca zu befreien, wenn er könnte, oder mir wenigstens die Art zu melden, wie es möglich wäre, ohn ihm jedoch etwas von mir zu sagen; und dann nach Genua zu schicken.

Die Aufschrift macht ich an seine Mutter, damit der Brief desto sichrer möchte abgegeben werden. Der Patron des schiffes erhielt von mir schon zum voraus eine Belohnung; und ich versprach ihm mehr, wenn er mir gute Antwort bringen würde, und sagte ihm zugleich, was es beträfe. Er gelobte mir heilig an, ihn aufs beste zu besorgen.

Den andern Morgen gegen Mittag ging das Jagdboot auch wieder ab, und mir schwoll das Herz von verschiednen Leidenschaften, sowie der Wind die Segel schwellte. Ich muss selbst über das Gleichnis lächeln, und doch ist's wahr und gefällt mir; ach, unsre Gedanken und Empfindungen sind so zart und veränderlich, und heiter und wild und stürmisch wie die Lüfte.

Ardinghello

Hierauf gab ich dem Ardinghello keine Antwort und erhielt im März wieder folgenden Brief von ihm:

Genua, März.

Sie hat mich zum ersten Mal geküsst, freiwillig; und meine Lippen schmachten in einem fort nach ihrem süssen mund. Schüchtern, jungfräulich und doch naturnotwendig, wie der Magnet sich zieht, flog unerwartet plötzlich der himmlische Kuss auf mich. Wie selbst darein verwandelt schlief ich die Nacht, ein wollüstig stechend Feuer, und bin nun erwacht wie ein seliger Engel. O ein glücklicher Tag der gestrige! wie der neue Frühling ging die Sonne auf und unter. Wir sassen gegen Abend oben allein im Garten, unten hatte Fulvia und ihr Gemahl Gesellschaft; und die See spielte in kleinen Wellen, um, wie zärtliches Leben, sich in die Lüfte zu verbreiten. alsdenn sangen wir zusammen, und unsre Herzen ergossen sich endlich ineinander durch Gespräch und Blicke. "Ein Weib ist doch das armseligste Ding auf Erden!" seufzte sie auf die letzt wehmütig, nach mancherlei Reden über Welt und Dasein und Bestimmung, und kehrte die Augen von mir ab gegen Himmel; "gefesselt auf allen Seiten, dürfen wir keinen freien Schritt tun, wo uns der Geist hinleitet, ohne Schmach und Schande. Nicht über die Strasse können wir gehen allein und sonder Mama und Base, wenn man uns für wohlgebildet hält, ohne dass die Lästerzungen auf uns stechen. natur und Leben und Sitten und Gebräuche in andern Gegenden zu sehen und zu hören ist uns gänzlich versagt: wir müssen auf einer Stelle bleiben, wie die Pflanzen, und glauben, was man uns vorlügt, ohne sinnlichen Begriff; Wahn und Traum und Gehorsam unser Eigentum: kein Tropfen Wahrheit, die Seele zu erquicken.

Wenn eine schön ist, so legt man ihr überall Schlingen; und derjenige selbst, welchem sie in einer gewitterhaften Stunde gefällig war, verleumdet sie oft hernach am ärgsten, und tritt zum schimpfenden Pöbel über, wenn er einen andern vorgezogen glaubt; oder sie wird von unvernünftiger Eifersucht noch fester eingekerkert.

Sind wir nicht schön, so erwerben wir keine Liebe mit aller Weisheit und allen Künsten der Musen und der Minerva; und ausserdem heisst's immer noch: sie ist doch nur ein Weib, und kann und darf nichts recht sehen, wie es ist; Pedanterei und Ziererei ohne Zweck und Nutzen! Ein Weib hat weder Stärke noch Überlegung, etwas Grosses in irgendwo zu erlangen und zu fassen; die Guten und Verständigen haben Mitleiden mit dessen Schwäche, und die Boshaften verspotten es und suchen es mit ihrem Lobe vollends zur Närrin zu machen. So geht man mit uns um.

Am besten wär es, nie geboren worden zu sein; denn was wir wollen und lieben, dürfen wir doch nicht haben! oder, sobald diese Neigungen in unserm Herzen aufgehn, geschwind von der Erde weggenommen zu werden. Unser Los ist Traurigkeit und Leiden und wenig heitre Augenblicke; ein vergnügter sichrer Zustand ist uns nicht beschieden: unser Leben ein schwacher Kahn im stürmischen Meer, oft von Wellen überschlagen."

Aber warum schreibe ich Dir den toten Sinn und Buchstaben von dem, was sie so göttlich in bezaubernden Worten, Tönen und Gebärden sagte!

Ich hielt ihre Linke in meinen beiden Händen, und sie überliess die entzückenden Wallungen ihrer inneren Schönheit ruhig meinem heissen Gefühl.

"O Lucinde," antwortet ich ihr darauf, "du hast viel Wahres gesagt, wir sind ungerecht gegen euch! aber auch unser Los ist hart. Uns liegt die Arbeit ob, und ihr wirkt still wie die Sonne, und macht schon glücklich bloss durch eure Schönheit. Wir müssen alles erringen und erkämpfen; und ihr strahlt nur um euch: so liegt man euch zu Füssen.

Hohe Schönheit ist freilich äusserst selten; aber auch eine Jungfrau, die sie besitzt und zu gebrauchen weiss, ist, was bei uns Alexander und Cäsar mit Heeren von Helden; es kommt nur auf sie an, was sie erobern will! Das ewige Schicksal hat ihr alle Herzen unterworfen.

Liebe und Geist ist eins und dasselbe unter verschiednen Namen, nur dass man Überfluss von Geist Liebe nennt: hohe Schönheit beherrscht alle Geister. Sie vereinigt sich deswegen gern mit grosser Gewalt oder grossem verstand, weil da die Liebe am mächtigsten ist. Der Mensch für sich allein, überhaupt jedes Wesen, abgesondert, ist unglücklich. Was kümmert den Vortrefflichen im grund Wahn und bürgerliches Vorurteil? Das Gesetz ist toll und töricht, das ihm Eigentum und freien Gebrauch seiner person abspricht; und er tritt es mit