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sie schön ist und alle weibliche Tugenden besitzt! Sie könnt es sein, wenn das Schicksal ihr nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Florio Branca liebte sie und ihn Lucinde; und sie lebten schon in seliger Ehe miteinander, wenn er nicht in Sklaverei geraten wäre. Er wuchs an den Ufern des Varo auf, kam in das Haus ihres Vaters, ging alsdenn zur See und bildete sich zu einem Helden.

Im Dienste von Spanien lief er mit einem Geschwader nach der Neuen Welt aus und streifte in Mexiko und Peru herum. Kam wieder zurück mit Ruhm und Schätzen, und sah das edle Reis zu einem schönen Baum emporgeschossen in süsser Blüte stehen, und wollte sich unter dessen anmutigem Schatten letzen, als er unter dem Johann von Austria mit der Galeere, die er anführte, gegen die Ungläubigen musste. Die Flotte der Feinde von zweihundertundsechzig Schiffen wurde zwar geschlagen und von den Christen bei den Echinadischen Inseln der grösste Sieg seit langen zeiten erlangt, den sie sich nur jämmerlich zunutze machten: allein Ulazal, der tapfre Korsar, entkam, mit dreissig Dreiruderigen, und führte den Florio mit sich nach Konstantinopel gefangen; welcher unter dem Doria beim ersten Angriffe sich befand und nach vielen Wunden nicht mehr imstande war, von den Scharen umzingelt, sich durchzukämpfen. Sie kennen ihn dort wie die Reiger den schnellen gewandten Falken; und werden ihn nicht loslassen. Er dient als Sklave beim Grosswesir selbst; ich hab ihn gesprochen und ein Briefchen von ihm seiner traurigen Geliebten hier überbracht, worin er sie beschwört, ihn zu vergessen und einen Glücklichern zu wählen, wenn er noch ein Jahr lang ausbleibt."

Diese Nachricht wühlte mir das Herz auf, und Florio dauerte mich; ich seufzte heftig bewegt und im gesicht glühend: Armer Schelm!

Der Alte fuhr fort: "Wenn du ihn sähest, mein Sohn, du würdest ihn lieben; er ist ein gar guter junger Mann bei soviel rauher Tapferkeit. Wie oft haben wir vor wenigen Jahren zusammengesessen und einander erzählt! Wenn ich ihm vom Kaukasus und Atlas sprach, so beschrieb er mir, wieviel höher die Gebirge von Amerika wären; und wir gerieten dann in einen freundschaftlichen Streit. Ich hatte die unendlich schönern Weiber, Männer und Tiere von weit edlerer natur für mich: und er pries und rühmte zum Scherz die reichen Gold- und Silberminen, womit man die ganze Alte Welt erkaufen könnte, wenn man alle Beute herausholte."

Wir tranken alsdenn auf seine Gesundheit und baldige Befreiung.

Ich fragte den Gabriotto noch, ob er vielleicht den Ulazal von person kenne; und er sagte mir, dass er ihn einmal zu Rhodi gesehen habe, und schilderte mir ihn als einen andern Hannibal auf der See. Er machte hierbei die Beobachtung, würdig eines solchen Graubarts: "Colonna zog zu Rom im Triumph ein wegen seines Drittelsiegs; wenn einer aber die Taten beider in jenem Treffen genau abwiegen könnte, in welchem Glanze würde da noch der flüchtige Kalabreser vor ihm erscheinen! Ein solcher sichrer Rückzug eines einzelnen Mannes mit seinen Freunden, nachdem er Wunder des Verstandes und der Tapferkeit für die Flotte der andern Admirale getan hatte, aus der vollen Macht der Überwinder, bezeugt die grösste Unerschrockenheit, Übersicht und Erfahrung. Schade, und ewig schade, dass er unserm Glauben abtrünnig geworden ist."

"Zumal", setzt ich hinzu, "da ihn der Heilige Vater Pius wieder zu Gnaden annehmen wollte und Philippen beredete, alles anzuwenden, dem Helden Herrschaften und Reichtümer zu schenken, wo er sie nur immer haben möchte, in Spanien, seinem vaterland, oder Sizilien, wenn er die Heiden verliesse. Doch gefällt mir nicht, dass man denselben mit solchen Anträgen bei dem Sultan wenigstens verdächtig machen sollte, damit er ihn selbst aus der Welt schaffte: weil man keine andre Mittel dazu vor sich sähe. Ulazal aber war zu klug für solche Versprechungen, scheute überdies die künftige feige schale Rolle und trat folgenden Frühling nun selbst als Admiral auf, mit einer neuen Flotte.

Es ist närrisch, dass man von den Kalabresern verlangt, sie sollen nicht zu den Türken übergehn. Die Türken plündern ihre Gegenden und führen sie selbst in Sklaverei; und ihre Fürsten sehen gelassen zu, ohne sie zu verteidigen, und saugen sie noch obendrein mit allerlei Auflagen aus. Sie werden also mit doppelten Ruten gezüchtigt. Was hat ein Mann, der Kopf hat und Mut im Herzen, anders zu tun, da er allein sich nicht wehren kann gegen beide Feinde, die ihn berauben? Er schlägt sich zur Partei der Sieger."

"Ich will doch lieber in dem Glauben leben und sterben, worin ich geboren und erzogen bin, und ein wenig Unrecht leiden", erwiderte der Alte; "das Dulden ist auch süss, wenn man das Vermögen noch in sich fühlt, auszudauern, und grosse Belohnung dereinst unter seinen Geliebten dafür erwartet."

"Ein guter Glaube überwindet freilich alles", antwortet ich ihm darauf; und dachte im Herzen, wer damit nur immer in der glückseligen Dunkelheit herumtappen könnte!

Noch denselben Abend lief ein französisches Schiff im Hafen ein, mit dem neuen Gesandten und Konsul für Konstantinopel und Smyrna, das nur wasser einnahm und mit dem ersten guten Wind wieder absegeln wollte. Ich bediente mich der gelegenheit, eilte sogleich nach haus und schrieb an den Diagoras, so rein und frei, wie's in meinem geist lebte, frisch von der Hand weg; und bat hernach den edlen inständig