nachdem ich ihn im Hafen nicht gefunden hatte. Es ist ein herrlicher Alter, in seinem Leben von mancherlei Schicksalen durchgearbeitet. Dreimal war er in Sklaverei, in Ägypten, Mauritanien und Griechenland; und sah Mekka und das Heilige Grab, zog mit seinen Patronen über den Kaukasus und Atlas und kam jedesmal wunderbar wieder los; führte nun ein Kauffahrteischiff und liess sich's wohl sein in seinen letzten Tagen. Was ist eines Königs Leben, der seine Zeit durchgähnt, gegen die Wanderungen und Gefühle eines solchen Erdensohns? O gütiger Himmel, lass mich nur nie auf einer Stelle klebenbleiben! Ich machte bald mit ihm Bekanntschaft, er liebte die lehrbegierige Jugend: wir setzten uns in einen Winkel allein, und ich sorgte dafür, dass wir nicht Durst litten.
Ich verschwieg im Anfange mein Geschäft, und wir kamen auf die ägyptischen Pyramiden zu sprechen. Er machte die gescheite Bemerkung dabei, dass die Leute damals entsetzlich unter der Zucht ihrer Könige müssten gestanden haben, um so ungeheure Steinhaufen aus ferner Gegend her zusammenzutragen, die am Ende doch nur eine Kleinigkeit gegen die vielen Felsen des Kaukasus, Atlas und der Alpen wären, welche die Regen des himmels binnen den Jahrtausenden zu ebensolcher unzerstörbaren Form gespült. Ich erzählte ihm dabei zum Scherz aus dem Herodot das Märchen von der reizenden Königstochter, die bloss durch ihre Liebhaber sich eine erbaut habe, der sie für jede Gunst doch nur einen Stein herbeischaffen durften; und dass folglich bei allen die Arbeit nicht gleich sauer gewesen sein möge. "Wer den letzten lieferte", antwortete er lachend, "und dem Werk die Krone aufsetzte, muss wenigstens guten Mut gehabt haben."
Er machte mir alsdenn eine angenehme Beschreibung von den Sitten mancher Länder, die er durchstrichen war. Zum Exempel von Georgien und Cirkassien, wo die schönsten Menschen leben, sagt' er, dass die Kinder da hervorkämen wie die Blumen und Früchte auf dem feld und man von keiner Eifersucht wisse. Die Männer hielten sich bloss für das Mittel ihrer Entstehung, und bildeten sich nicht ein, als ob sie dieselben etwa selbst verfertigten, wie ein Kunstwerk, und wären dabei eitel auf ihren Verstand oder ihre Geschicklichkeit wie bei uns; und alle Welt lebte glücklicher ohne die Ketten und Fesseln.
Von der Schönheit, besonders der Weiber dort, gingen wir auf unsre Landestöchter über; und von diesen behauptete er doch, dass sie mehr Geist und Form in ihrer Gestalt hätten, obgleich nicht die Zarteit und die Blüte des Fleisches jener. "Als hier in Genua", fügte er hinzu, "ist ein junges Frauenzimmer, Lucinde von Montefeltro, die ich allem Reiz vorziehe, den ich dort gesehen habe."
Diese Reden gingen mir, wie Du leicht denken kannst, gar süss vom Ohr zum Herzen durch all mein Wesen. Wir tranken dabei mit durstigern Zügen. Der Zaubertau des Weinstocks setzte ihn in meine Jugend zurück und durchglühte seine Adern wieder mit der ersten Lebenswärme. Ich fragte ihn darauf, ob er diese Lucinde von Montefeltro genau kenne.
"Wie oft hab ich den Engel als Kind auf meinen Armen getragen, und ihr Leibchen rundum bepatscht und gestreichelt, was ich noch immer tun möchte, ohn ihr mehr Schaden zuzufügen!" fuhr er lieblich zu sprechen fort. "Ihr Vater war ein heruntergekommener Edelmann, der, um sich wieder zu erholen, hernach Handlung trieb. Mit seiner ersten Frau zeugte er keine Kinder; alsdenn schon in die funfzig, vermählte er sich mit einer armen, aber jungen und äusserst schönen Anverwandtin der Mutter der Fulvia Fregosa, die nun in das Haus S*** getreten ist, bei welcher sich Lucinde aufhält. Sie hiess Sophia und lebte mit dem alten Montefeltro schier an die drei Jahr in Ehe, als sie wider Verhoffen schwanger wurde und mit Lucinden niederkam.
Jedoch unter den Rosen der Gastfreundschaft! Es hielt sich damals zu Nizza wegen des milden Winterklimas unter fremdem Namen ein wunderschöner und tapfrer portugiesischer Prinz auf, der eine Wunde im Krieg mit den Sarazenen bekommen hatte, die in seinem land nicht recht heilen wollte. Dieser mietete sich einen Garten neben dem des Montefeltro auf dem Weg über den Berg nach Villafranca; und wir alle haben nie anders gemeint, als er habe mit Fug und Recht getan, was der Alte nicht konnte. Und so ward ein süss verlassen Weib glücklich gemacht, und es lebt ein himmlisch geschöpf auf der Welt mehr, aller Augen zu entzücken.
Als Lucinde ungefähr zehn Jahr alt war, starb ihre Mutter, die sie als ihr einzig Kind mit aller Zärtlichkeit liebte; ihr Vater tat sie darauf zur Erziehung in ein adelig Nonnenkloster. nachher ward ich von einem schrecklichen Sturm verschlagen, zum drittenmal gefangen und diente bei einem reichen Kaufmann in Griechenland. Wie ich nach einigen Jahren wieder loskam, hatte sich alles verändert; dem Montefeltro waren etliche reiche Schiffe nacheinander teils weggenommen worden, teils zugrunde gegangen, zu gleicher Zeit brachen einige starke Bankerotte in Marseille aus, wobei er so viel einbüsste, dass die Gläubiger sich seines übrigen Vermögens bemächtigten. Er flüchtete zuvor mit wenigem hieher, da der Reichtum der Kaufleute mehr in Forderungen als barem Gelde besteht, und gab binnen kurzem vor Kummer seinen Geist auf. Lucinden nahmen aus dem Kloster ihre mütterlichen Anverwandten zu sich. Und so strahlt sie denn wie der Morgenstern, der bei einer Nacht ohne Mond aus den stürmischen Wellen der See aufgeht und Glanz von sich träufelt, am genuesischen Himmel.
Aber o wäre sie auch so glücklich, als