nicht geschieht, so kann vielleicht ein andrer ihn frei machen; und was schenkst du mir, Englische, wenn ich es wäre?" drückt ich ihr mit der Rechten in die Hand und mit der Linken ins Herz; "und ich will es dir fast so gut als gewiss versprechen; ich hab einen Freund am türkischen hof selbst, der alles kann." Sie verbarg ihr Gesicht noch tiefer und sagte gebrochen unten hervor: "Ach, mein Bestes! aber du bist grausam!" "Und die Versicherung?" redt ich ausser mir ihr zu. "Gib dort mir her Feder, Papier und Tinte, und leuchte!" Dies war nun mein Wille nicht, aber ich verlangte zu wissen, was das schwärmende Mädchen begänne; und nahm die Lampe von der Magdalena, Feder, Tinte und Papier, und den Petrarca zur Unterlage; und die Fromme schrieb, und lächelte unter Tränen:
'Wenn Ardinghello mir meinen Bräutigam Florio Branca aus der Sklaverei erlöst und frei wieder herstellt, und zärtlich liebt und schweigt, so soll er meine erste höchste Gunst haben mit diesen Zeilen oder Madonna mich nie zu Gnaden annehmen, aber eher auch nicht einen gütigen blick verlangen.
Lucinde'
Darauf gab sie mir das Zettelchen mit einem strengen blick voll Bedachtsamkeit und sagte: "Nun gehorche, und verwahr es sorgfältiglich, wenn ich so viel über dich vermag, als du sprichst. Und noch eins: wer hat dich hiehergebracht?"
Hier musste mir nun platterdings eine Lüge aus der Not helfen; ich sagte, ich sei ihr nachgegangen und habe mich dort hinter den Schrank versteckt, ohne von ihr bemerkt zu werden. "Bist du so ein Tausendkünstler?" sagte sie spottend.
Der Morgen brach an; ich wollt ihr einen Kuss zum Abschied geben, aber er ward mir nicht verstattet. Ich kleidete mich geschwind wieder zurecht und verliess sie, machte für Fulvien auf der Treppe das verabredete Zeichen, dass nichts geschehen sei und sie schweigen sollte, eröffnete sachte die Tür des Palastes und schlich in meine wohnung.
Den ganzen Morgen konnte ich kein Auge zutun; und als ich des Nachmittags ein paar Stunden geschlummert hatte, dünkte mich alles ein Traum.
Als es dunkel wurde, ging ich zu Fulvien in Gesellschaft: sie und ihr Gemahl hatten mir ein- für allemal Erlaubnis gegeben, zu kommen, wenn ich wollte. Es befanden sich mehrere Personen vom gestrigen Ball da; man sprach darüber und spielte hernach. Lucinde sass unterdessen für sich am Fenster, mit dem Kopf in der Hand, und blickte mich nicht an, und war in geheimer Betrachtung verloren. Ich machte mich alsdenn zu ihr; sie schlug die grossen schönen feuchten Augen nieder und seufzte und errötete über und über. Ich getraute mich kein Wort zu reden. Endlich legte sie den andern Arm auch ins Fenster und betrachtete mich still mit einer gewissen Wehmut voll Empfindung; wir sassen allein, und sie sagte nun leise mit Engeltönen zu mir: "Was hab ich getan! was hast du getan die vorige Nacht!"
Inzwischen holt ich einen Ring hervor mit dem grössten strahlendsten Diamant unter denen vom Diagoras und schob ihn ihr unbemerkt an den vorletzten Finger ihrer linken leichten Charitinnenhand, und antwortete auge und auge in süssem Liebesgenuss: "Nimm hin, du Braut meiner Seele!" Sie erschrak und war zwischen Weigern und Zärtlichkeit, und blickte darauf und um sich; und verbarg dann die Hand im Schoss, und zitterte und glühte.
"Sag mir nur noch, mein Leben," fragt ich sie flisternd, "ob der alte Schiffer aus Antibes hier ist und wie er heisst, damit ich ihn ausfragen kann, wo man den Florio in Konstantinopel findet."
"Er heisst Gabriotto", versetzte sie hastig, "und liegt mit seinem Schiff im Hafen." Dabei stand sie behend auf, trat zu Fulvien an deren Spieltisch, die eben einen feinen Streich machte, worüber gelacht wurde, und verlor sich dann aus dem saal und kam nicht wieder zum Vorschein.
Mit Fulvien hatte ich noch vor Mitternacht eine kurze Zusammenkunft, die sich den ganzen Tag bedachtsam aufführte und nichts merken liess, und erzählte ihr, dass ich nicht übers Herz habe bringen können, Lucinden Gewalt anzutun, und es auch vergebens gewesen sein würde. Machte ihr eine ganz andre Beschreibung, wie sie mir ihren Geliebten entdeckt hätte, der in der Sklaverei lebe; und, mit einem Wort, dass ich das himmlische Mädchen zu hoch schätze, um es zu verführen und unglücklich zu machen. Ich bat sie ihrer selbst wegen, von diesem allen stille zu sein.
Sie war's gar wohl zufrieden und antwortete, dass sie die geschichte wisse. Auch sie woll ihr möglichstes beitragen, dass der Armen geholfen werde; sie liebe sie als ihre beste Freundin und eine der vollkommensten Personen ihres Geschlechts: nur könne sie ihre allzugrosse Frömmigkeit, Eingezogenheit und Kälte nicht vertragen; die Jugend unsers Lebens, besonders beim Frauenzimmer, sei zu kurz, um sie so ungenossen wegstreichen zu lassen, und in diesem Punkt Lucinde gewiss immer albern.
Darauf ging es an das Catullische Da mihi basia mille, wovon ich mich bald losmachte. In solche nekkende Händel geraten wir Liebesritter! Aber ich stelle mich auch auf keinen philosophischen Lehrstuhl, wo man zu sein befiehlt, was der Mensch nie war.
Den andern Morgen sucht ich den Gabriotto auf, und traf ihn endlich gegen Mittag in einem Weinhause,