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von einer warmen Hand fest gefasst und auf ein Ruhebettchen gebracht, schüchtern erst und endlich inbrünstig umarmt und geküsst unter heissen Seufzern, ohne weiter nur ein Wort zu hören. Mein ganzes Blut geriet in Wallung an den in Liebe klopfenden Brüsten; ich glaubte, Lucinde sei plötzlich eine heitre Griechin geworden und wollt ihr himmelschönes junges Leben geniessen und mit mir den Anfang machen. Mir wich das Gewand unter immer mehr verführerischem Sträuben; und ich gelangte bei dem höchsten Reize, den junge zarte nackte vollkommne weibliche Formen in der Dunkelheit für unsern stärksten Sinn nur haben können, zum entzückendsten Ziel meiner entflammten Begierden.

Das bacchantische Leben, das endlich alle Verstellung vergass, brachte mich hernach doch etwas aus meiner Unüberlegung, obgleich noch ganz im Rausche. "Lucinde, Lucinde," rief ich, "welch eine glückliche Verwandlung! Lass mich deine stimme hören."

"O du mein alles!" hört ich nun Fulvien statt ihrer, "verzeihe mir diesen Betrug: was ich bin und habe, ist dein Eigentum, du bist mein Herr und Meister! Du hast mir das Leben errettet, und ich kann nichts weniger tun als dir wie Magd und Sklavin dienen, Engel, Gott! Wo find ich einen Namen, der alles das ausdrückt, was ich in dir umfasse? Auch Lucinde soll dir zuteil werden! Stolz und Eifersucht samt der person will ich deinem Vergnügen aufopfern." Hier umrang sie mich aufs heftigste und biss mich wie rasend in die Brust.

Ich musste mir's gefallen lassen; ich war angeführt

auf eine Weise, die mir hohe Lust gewährte. Wenn ich auch ein Joseph hätte sein wollen, so war die Flucht zu spät. Ihr Gemahl erzeigt mir Freundschaft; aber wer kann dafür, dass er einfältig ist und kein besser Schicksal verdient? Warum hat er so geheuratet? Dies sind natürliche Folgen, die selten ausbleiben. Fulvia hat ein heisses Temperament, und er ist schwach und kalt und träge: solch ein Paar tut kein gut zusammen, wie mancher wegen des Kontrastes sich wohl einbilden möchte.

Ich verwunderte mich über den Schritt, den sie

getan hätte; freute mich ihrer Liebe und pries ihre Reize; gestand ihr aber aufrichtig, wie närrisch der Mensch sei, und dass mein Herz auch beim lebendigsten Genuss der Wonne noch nach Lucinden schmachte.

"Und warum sollen wir dich nicht als Freundinnen

lieben können? O du bist ein so teuer Gut, dass wir beide an dir überflüssig genug haben; und ihrer mehrere, wenn du willst. Du sollst als der edelste Wein nur zum höchsten fest aufgespart werden, der mit seinem Balsam allen köstlichen Geschmack überflügelt. Warum sollen vernünftige Schwestern nicht friedlich miteinander an dir teil nehmen? Warum sollen wir uns von Gewohnheiten und Gesetzen im Zaum halten lassen, die bloss für den Pöbel sind, eben weil er Pöbel ist, der sich nicht selbst regieren kann?"

Du siehst hieraus, dass ich doch mit einem gutartigen Geschöpfe noch zu tun habe. Ich musste über ihre Aspasienberedsamkeit und feinen Lobsprüche lächeln; band ihr aber aufs Gewissen, behutsam zu sein; und so war der neue Liebeshandel fertig.

Es läuft mir heiss über den Leib, da ich mit Dir von Cäcilien sprechen will, und ich erröte wie ein Unheiliger; sie bleibt immer die Krone von Venedig. Möchte sie und Lucinde nur so Schwestern sein, wie Fulvia sagte! Aber ich bin ein Tor und unersättlich. Ach, die arme wird verlangen, Nachricht von mir zu hören; und dies ist noch nicht einzulenken. Wie, bin ich strafbar, dass ich mich mit dem Schönen zu vereinigen suche, wo ich's finde? Ist dies nicht der edelste Trieb unsers Geistes? Ist der nicht ein Elender, ein von Gott Verworfner, der diesen Trieb nicht hat, nicht ausübt? In was für einer Welt bin ich, wo dies Naturlaster sein soll? Den Menschen zerrüttende blosse bürgerliche Ordnung ist es. Komm, göttlicher Plato, und stürz alle die barbarische Gesetzgebung über den Haufen, und führe deine Republik ein, wo wenigstens Mann und Weib mit ihrer Liebe heilig und frei sind.

Ardinghello

Ich erhielt mit diesem Briefe fast zur selben Zeit ein Kästchen von Smyrna an Ardinghellon, und konnte es ihm sogleich durch einen Veroneser, einen alten Bekannten von unserm haus, welcher in Handlungsgeschäften nach Genua abreiste, übersenden. Dabei meldete ich ihm die völlige Befreiung seiner Cäcilia. Im Februar schrieb er mir wieder wie folgt, mit dem von Verona bei dessen Zurückkunft.

Genua, Februar.

Sieh, teurester Schatz meines Lebens, edles Herz, hoher Geist, gute Taten bleiben nicht unbelohnt! Lies dieses kostbare Zettelchen: für Dich hab ich kein Geheimnis. 'Du hast den Sohn des Kalabresers Ulazal gerettet, ein Kind der Liebe, das er mit einer Griechin aus Rhodos erzeugte. Nimm hier einen kleinen Dank dafür, und reiss Dich los und komm in meine arme. Du mich immer ausfinden; dahin richte auch Deine Antwort. Ich versichere Dich, dass kein besser Leben ist, als vom Archipelagus bis an die Säulen des Herkules auf den klaren Wassern in beständiger Bewegung zu sein und durch seine Tapferkeit die Schönheit aller der reizenden Küsten zu geniessen. Königlicher Jüngling, erquicke bald mit Deinem mutigen Anblick meine Seele!

Diagoras Ulazal'

In dem Kästchen sind Edelsteine und Ringe und einige andre orientalische Kostbarkeiten von grossem Wert.

Alle diejenigen, die wir ihm gefangennahmen, hat er schon frei gemacht und meistens mit