denselben waren von Kanonenkugeln zerschmettert worden, die übrigen alle blieben unversehrt. Wir führten sie den Berg hinauf in das Städtchen, das hinten im Kessel unter dem gähen Felsen mit wenigen Häusern nur wie eine Einsiedelei liegt zwischen Ölbäumen. Ich nahm Lucinden in Arm, die auf dem festen Boden gleich wieder zu sich kam, und sprach ihr Mut ein nach überstandner Gefahr. "Ach," antwortete sie seufzend, "warum lebe ich noch, um auf immer unglücklich zu sein! Niemand weiss mein Leiden. O wär ich nur dort oben bei den Auserwählten unter den Heiligen und Engeln!" Und hier tat sie einen schmachtenden blick aus ihren grossen schwarzen Augen gegen Himmel und zerschmelzte mir ganz mein Herz damit. "So viel Schönheit ist nicht gemacht," versetzt ich ihr, "um hienieden sich zu quälen; wirf allen Kummer weg; und sei selbst so selig, als du andere selig machst." Sie schwieg, und neigte das Haupt wie eine welke Blume, und ging, ohne auf meine Reden achtzugeben, mit mir voran; ihre traurige Miene und blasse Farbe, ihr verwirrtes Haar und losgegangnes Gewand vollendeten das Bild einer bezaubernden Heiligen. Wir quartierten sie zusammen in ein Haus ein, und sie wurden gut verpflegt und gewartet. Ich selbst blieb in dem Städtchen und ruhte die Nacht aus; meine Streifwunde hatte zwar nichts zu bedeuten.
Den andern Morgen nach der Messe unterhielt ich mich noch ein paarmal auf den Raub wenige Augenblicke allein mit Lucinden, die nun wieder zu Kräften gekommen war; und erfuhr, dass der Anführer der Räubergaleeren, den ich niedergestossen hatte, ein Liebhaber von Fulvien gewesen sei, ein Genueser, der gefangen seinen Glauben verleugnete und alsdenn unter dem berühmten Ulazal diente, grösstem Seehelden unsrer zeiten. In sie entbrannt, ohne dass seine leidenschaft je ihr Ziel erreichte, unternahm er die Tat nach hinlänglich eingezogner Nachricht von allen Umständen der Hochzeit, und hätte sie bald glücklich ausgeführt. Er war Bastard von einem Adorno, und man nannte ihn zu Genua Biondello. Jungfräulich versicherte sie mir, dass die Braut noch ihre Ehre bewahrt hätte mit heissen Bitten und Beschwörungen, dass er sie nur so lange verschonen möchte, bis er ans Land käme, bei ihrem üblen Befinden; und sie sei rein bis auf einige Küsse, die sie dem Verdammten unterdessen habe gestatten müssen. Die andern wären meistens noch viel ärger als die Braut von der Seekrankheit befallen gewesen, so dass die Barbaren selbst Mitleiden und Barmherzigkeit gegen sie gehabt hätten, ohne sie weiter noch zu martern. Ausserdem habe die Not, in Sicherheit zu kommen, die Räuber zu äusserster Geschäftigkeit angetrieben, und die Menge die Begierden jedes einzelnen im Zaum gehalten; und so seien sie noch glücklich der Schand entrissen worden, und eine könne für die andre zeugen. Biondello habe denn in der Verzweiflung Fulvien aus Eifersucht niedersäbeln wollen, als ich sie errettet hätte. "Heilloses Geschenk der Schönheit," rief sie aus, "in wie viele Drangsale stürzest du uns! Und wenn wir andre damit glücklich machen, so geraten wir dadurch selbst in das äusserste Elend. Wie die Könige, die alles vermögen, nur dass unsre herrschaft kurze Zeit dauert, haben wir durch dich keinen Freund; und die vortrefflichsten Männer, mit allen Vollkommenheiten ausgerüstet, wie zum Exempel Ihr seid, legen uns hässliche Fallstricke."
Diese Apostrophe ging mir wie eine Kugel vor den Kopf, und ich fiel in Staub vor der Himmlischen nieder.
Nachmittags drehte sich der Wind, und wir fuhren mit Rudern und Segeln wieder ab. Auf unser Schiff war mit einigen andern Gefangnen der junge Held gebracht worden, der auf der zweiten eroberten Galeere so tapfer kämpfte, so dass wir unser drittes Fahrzeug darüber einbüssten. Ich hörte ihn hernach im Neugriechischen mit einem seiner gefährten sprechen; und er stampfte noch mit dem fuss vor Zorn, dass die zwei andern Galeeren sie im Stiche gelassen hatten; jedoch mit Unrecht: denn jene wurden gleich im Anfang des Gefechts von unserm Geschütz sehr übel zugerichtet. Er sprach inzwischen so frei und ohne Furcht in der Gefangenschaft, und seine Gestalt war so schlank und edel in der wilden Farbe von Meer und Sonnenbrand, dass mein Herz gegen ihn von Zuneigung wallte. Ich beschloss, alles mögliche anzuwenden, ihn von der Knechtschaft loszumachen, welches mir denn auch glückte; noch ehe wir zu Genua einliefen, schenkt' ihn mir Doria zur Belohnung. Ich nahm ihn zu mir, wie wir von Bord traten, erklärte ihm seine Freiheit, worüber er mir an die Brust flog, und liess ihn wenig Tage darauf mit einem venezianischen Schiffe nach Konstantinopel abfahren. Er bat mich vorher um meine Zuschrift, die ich ihm denn an Dich gab.
"Du sollst dich nicht in mir betrogen haben", sprach er zu mir beim Abschied; "solche Menschen wie wir müssen einander ihr Leben lang helfen."
Die Männer, die ihre schönen jungen Weiber wiederbekamen, freuten sich wenigstens, dass ihnen Grund und Boden geblieben war; und die Väter und Mütter hofften bei ihren Töchtern das Beste. Wegen der Braut wurden insgeheim von der Familie des noch verwundet darniederliegenden Bräutigams verschiedne Personen besonders in Verhör genommen; und als ihre Aussagen übereinstimmten und derselben Unschuld bekräftigten, so überliess man sich wieder ganz der Freude.
Der Himmel beschere mir nur immer so fort ein Leben und lasse mich nie in Untätigkeit schmachten; von Cäcilien und Dir geschieden zu sein aber tut mir weh im Herzen. Wenn wird