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einem grossen Feste, das die ganze Woche fortdauerte.

Marchese S*** vermählte sich mit einer jungen Fregosa in allem ersinnlichen Pomp; der Bräutigam sei wohl jetzt einer der reichsten Privatedelleute von Europa. Diesen Abend würde Wettrennen gehalten, darauf Schmaus und Ball; morgen Stierhetze, und so weiter fort, jeden Tag eine andre Lustbarkeit; Komödie, Seiltänzereien und allerlei Künste sollten sich auf dem Land und wasser zeigen. Er wäre aufgefordert, zwischen andrer Musik bei der Tafel zu singen, und er bäte inständig, auch mich darauf vorzubereiten; wir könnten unterwegs ein hübsches Tema zum Wechselgesang ausdenken. Der Palast läge wenige Miglien weit von der Stadt auf der andern Seite der See; ein paar Knechte von seinem Schwiegersohne würden uns mit ihm selbst und seiner Tochter auf einer Barke dahin fahren. Doch er glaube, dass ich dieses alles schon wisse und vermutlich eben deswegen hier eingetroffen sei.

Ich versicherte ihn, dass ich heruntergekommen wäre, ohne das mindeste von dieser Hochzeitfeier zu wissen. Aus dem Stegreife könnt ich in so hoher Gesellschaft nicht singen; und ausserdem müsst ich immer erst ein wenig die Art meiner Zuhörer kennen, um leicht den Eingang in ihr Herz und ihre Phantasie zu finden: sonst tue überhaupt das Vortrefflichste oft nicht seine wirkung. Doch woll ich ihn begleiten; sein Epitalamium zu hören schon allein reize mich. Er könne mich als Stimmer seiner Ziter beim Schmause mit einführen.

Ich lernte nun seine Tochter kennen, eine erzgute frohe junge Hausmutter; und ihren Mann, einen muntern trefflichen Wirtschafter; und einen kleinen Engel von Söhnchen: so dass ein schönes Ganzes in lebendiger Ordnung war. Das alte mit Efeu bewachsne Gemäuer der kleinen Landburg fand ich innen bequem eingerichtet. Ich nahm gegen Mittag bei ihnen ein gesundes köstliches einfaches Mahl ein. Nach Tische schlummerten wir alle ein paar Stunden; und dann fuhren wir ab, und mich ergötzten unendlich die Seewellen, so grünlicht klar und weich und furchtbar lieblich schroff über den Abgründen, wo jede auch in ihrer Kleinheit sich majestätisch als Tochter des unermesslichen Ozeans zeigte.

Wir langten gerad auf den Rennplatz an, als die Pferde schon vorgeführt wurden. Die Sitze waren lauter Licht und Glanz von schönen und prächtig gekleideten Herren und Damen, mit einer Menge volkes überall. Der Pferde waren nur drei; aber alle drei mutschnaubende königliche Tiere, so dass es schwer war, vorauszubestimmen, welches den Preis davontragen würde. Man hatte deswegen grosse Wetten angestellt; die mehrsten waren für einen göttlich schönen Rappen, der sich an den Schranken gar nicht wollte halten lassen. Ein Falk stand dagegen still da: doch brach der blick seines Augs in die Bahn wie ein Sonnenstrahl, und sein Fuss hob sich leicht wie lauter volle Nerve. Wie das Seil fiel, tat auch der Rapp einen Vorschuss; in der Mitte der Bahn aber zog der Falk so aus und überholte die andern, dass sein gang schneller war als die Geschwindigkeit eines Sturmwinds über gelbe Saaten; er flog dahin, und seine Bewegung war das Entzücken aller Augen, selbst derer, die gegen ihn gewettet hatten. Kurz, er gewann den Preis, jedoch mit Not, und ward hernach erst unbändig.

Nach dem Wettrennen war Komödie und nach der Komödie der nächtliche Schmaus. Gegen Ende desselben, als Wein und Gespräch die Lebensgeister in stärkre Wallung gebracht hatten, fing Boccadoro an sein Saitenspiel zu rühren. Es entstand eine allgemeine Stille: und die Töne seiner Griffe waren wie ein leises Flistern am heissen Mittag in kühlen Wäldern von den Seelüften. Sein Geist taumelte darauf durch die alten zeiten der griechischen Heroen; und er sang die Hochzeit des Peleus und der Tetis, schmückte die Fabel aus mit lieblichen Worten und ging davon auf die Gegenwart über, schilderte den Bräutigam als einen neuen Peleus, ebenso von den Göttern beglückt, und seine Braut als die jüngre Tetis.

Auf einmal wendete sich dann der alte Schalk an mich, der ich hinter ihm unter den andern Spielleuten in der Ecke stand, und zog mich hervor als einen andern Apollo, wenn ich seine Worte wiederholen darf, der plötzlich den Apennin herabgekommen sei, dies fest noch zu verherrlichen: und überreichte mir die Ziter.

Ich ward überrascht und glühte vor Scham auf in der fremden glänzenden Gesellschaft. Ein freudiges Murmeln lief durch den ganzen Saal, und aller Blicke flogen auf mich. Es half hier keine Weigerung, wenn ich nicht wollte zum Gespött und zuschanden werden. Ich entschloss mich also kurz, die Sache so gut abzumachen, als mir möglich war, und wählte die mir leichteste Versart, nach der Melodie, die den immer stärker einschlagenden anapästischen Rhytmus hat und Dich so oft ergötzte.

Nach wenig einfachen Akkorden sang ich geradeso, wie es war, meine Überraschung und Verwirrung, und dass ich Boccadoren hieher folgte, die Pracht und Schönheit des Festes zu sehen, ganz fremd und unbekannt, ein blosser Wandrer hier, seit wenig Stunden. Doch Euer Ruhm, fuhr ich fort, geht über Meer und Alpen; und wer ist der kalte neidische Mensch, den Eure glückliche Liebe nicht begeistern sollte? Nehmt gefällig die wenigen Blumen an, die ich mit geschwindem Raub über Eure Tafel streue.

Der Sohn der Tetis strahlt nun durch alle Nachwelt, weil er einen Homer zum Sänger hatte: wieviel grösser aber waren Kolumb und Doria? und wie weit kann die Frucht Eurer Liebe an edlern Taten über ihn hervorragen, als wegen eines verblühten durchgegangnen Weibes von einem mann, den die natur zum Hahnrei bestimmte und der weder