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im Pindar, der seine Seele vom neuen mit hohem Taumel schwellte und in etwas seinen Sinn von der Gegenwart wegwandt. Die Romanze aller Romanzen auf die Insel Rhodos besonders entzückte ihn so, dass er sie bald auswendig konnte. Seine Phantasie kam wieder ganz in das Götterreich der Poesie hinein, die Spiele griechischer Jugend rissen sein Herz dahin, süsse Liebe und solche Taten pries er allein ein würdig Frühlingsleben; alle seine Kräfte tobten und wurden ungestüm: er wollte fort in die Welt, in Bewegung, auf eine neue Bühne, und war nicht mehr zu halten.

Keine volle zwei Wochen nach Cäciliens Abreise brach er auf. Er schrieb vorher an seine Tante um einen Wechsel nach Genua; er gedachte von dort nach Frankreich zu schiffen und dadurch nach Spanien zu wandern, bis an die letzten Küsten von Portugal. Mir band er unterdessen Cäcilien aufs Herz und dass ich ihm von ihr bei jeder guten gelegenheit Nachricht geben sollte. Sobald sie frei wäre, müsste vermittelt werden, dass wir alle drei zusammen eine Freundschaft ausmachten. Für unsre Heimlichkeiten bildeten wir uns eine jedem andern unergründliche Schrift und wollten bei den Hauptpunkten das Neugriechische gebrauchen. Seine Wiederkunft würde alsdenn von den fernern Umständen abhangen.

Seine Reise nach Genua nahm er sich vor zu fuss zu tun, und so sollt es sein Leben lang durch alle schöne Gegenden geschehen; er hielt es für Torheit, sie anders zu machen, wenn man gesund und stark wäre und keine notwendige Eile hätte: die natur von Land und Leuten könne man auf keine andre Weise so gut kennenlernen; und was die Strassenräuber beträfe, so sei man im Wagen der Gefahr weit eher ausgesetzt, und die ärgsten würden von Billigkeit zurückgehalten gegen ein harmloses geschöpf, das ohne bürgerlichen Reichtum, wie sie, bloss menschlich einherschreitet.

Er liess mir alle seine Habseligkeiten zurück und nahm nichts mit sich als einen wohlgespickten Beutel und Hemder und Strümpfe.

An einem Abend beurlaubte er sich von meiner Mutter, die Tränen vergoss und ihn an ihre Brust drückte; er wurde von ihr geliebt wie mein Zwillingsbruder. Sie gab ihm ihren reinsten Segen und bat zu Gott, dass er sie erhören möchte, da er nicht länger bleiben wollte; und sagte ihm zuletzt, dass sie sich oft nach seinem Umgang sehnen würde. Ihr machten wir weis, dass er wieder in seine Heimat zöge.

Wir brachten die Nacht alsdenn beisammen zu, so recht wie klare Quellen von Leben, wo alle Blicke durchgehen; ich wünsche mir nie eine grössre Seligkeit. Aber ach! was ist der Mensch? ein Punkt, zerfetzt und zerrissen vom Schicksal auf allen Seiten, und unaufhaltbar fortgetragen in den wilden Fluten der Dinge, wo er weder Anfang noch Ende sieht.

Gegen Morgen fuhr er auf, steckte die alte Handschrift von den Denkwürdigkeiten des Sokrates in die tasche, die ich ihm fein und wohlgeschrieben mit auf den Weg gab, und die griechischen lyrischen Dichter von Heinrich Stephan; warf seine Ziter über die Schulter, dass sie stürmisch erklang, drückte mich noch einmal an sein Herz und küsste seine ganze Seele auf meine Lippen, und schoss von dannen. Ich erbebte wie von einem Todesschauer und sank wie ins Grab. O Elend und Jammer, hienieden ohne Freund zu sein! und Stolz und jubel und Kühnheit, wo zwei ihr Wesen verdoppeln!

Meine Mutter und ich gingen darauf zu Ende Oktobers wieder nach Venedig, wo mein Vater aus Dalmatien schon angekommen war. Der Weg dahin erfüllte mich mit Traurigkeit. Gegend und Menschen und Gebäude hatten den vorigen Reiz verloren und standen da wie Schatten. Ich erkannte innig, dass zu allem Genuss zwei Herzen notwendig sind, die sich lieben.

Die Zärtlichkeit meines Vaters, meiner ältern Brüder und verwittibten Schwester, die ihn begleitet hatten, linderten und versüssten allein meinen Gram zu haus. Cäcilia sass noch in strenger Verwahrung: doch war jedermann für sie, wegen ihrer ehemaligen klugen und bescheidnen Aufführung bei aller ihrer Schönheit. Auch ich tat unter der Hand mein Bestes; das zärtliche geschöpf hatte sich von dem zug der natur überwältigen lassen und konnte hernach nicht anders handeln.

Verschiedne junge Leute, alle von grossem Talent und genaue Bekannten von Ardinghello, kamen zu mir, seinen gegenwärtigen Aufentalt zu erfahren, welchen ich ihnen aber nicht entdeckte, mit Vorspiegelung, er habe in seine Heimat gewollt.

Zu Anfang Novembers erhielt ich folgenden Brief von meinem Freunde:

Genua, November.

Wie ich aus dem fruchtbaren grossen Tale der Lombardei, von hundert Flüssen durchströmt, das seinesgleichen in der Welt nicht hat, durch die wilden kahlen Felsenkrümmen des Apennin hinauftrat und endlich aus der Bocchetta hervor, von heitern Lüften umspielt, dass die Locken um meine heissen Schläfe flatterten, oben auf der Höhe das tiefe breite Meer unter Abends umlagert: Gott, wie ergriff das mein Herz und alle Sinne! Wie die Tetis Homers mit einem Sprung vom Olymp hätt ich mich in die ewige Lebensfülle hineinstürzen und wie ein Walfisch darin herumtaumeln und alle meine Leiden abkühlen mögen.

Ich blieb hier die Nacht bei einem alten Schäfer, der Chronik der Gegend, und sah die Sterne auf- und untergehen und das Weltlicht wieder erscheinen, und tronte so über Italien, dies Paradies mit allen seinen Bewohnern von Anbeginn der Zeit, Menschen und Tieren und Pflanzen und Bäumen, und ich, machten ein friedliches Eins, so rein und heilig zerflossen war meine Seele.

Den Morgen schritt ich hinab und schlief des Nachmittags in einem reizenden Dorf an der Küste nicht weit von der Stadt.