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und ein wahrsagerischer Geist geb ihm ein, der Stattalter von Kandia sei bei Ermordung seines Vaters nicht ganz ausser Spiele gewesen und die Ähnlichkeit seiner Gestalt ihm aufgeschossen.

Mir fiel heiss hierbei ein, dass Mark Anton, vor seiner Stattalterschaft von der Republik abgeschickt, einige Zeit zu Florenz gestanden und mit dem Grossherzog auf einem so guten Fuss umgegangen sei, dass er seinen schwierigen Auftrag glücklich ausgeführt habe; ich schwieg jedoch hiervon stille, um nicht Öl ins Feuer zu giessen, und sagte im Gegenteil: dies käme mir nicht wahrscheinlich vor, er solle sich deswegen nichts in Kopf setzen.

Den folgenden Morgen bracht er das Bild dahin, dass es im Rahmen konnte aufgespannt werden; und bekam für seine Arbeit von Cäcilien selbst einen schönen goldnen Ring mit einem kostbaren Rubin zum Geschenk, der gerad an den Herzensfinger seiner linken Hand passte. Dies gefiel ihm denn; und er freute sich und lachte darüber, wie die Dinge dieser Welt so sonderbar untereinander laufen. Am dritten Tag hierauf sollte das Beilager gehalten werden; alle Anstalten dazu waren schon gemacht und die Nachbarschaft zu einem festlichen Ball eingeladen.

Ardinghello ging inzwischen tiefsinnig herum, ass wenig und trank viel, und konnte es nicht länger verbergen, dass er vom Stempel der Liebe mächtig gezeichnet war; er mied alle Gesellschaft. Morgens, abends und des Nachts kam er nie auf sein Zimmer und schlief nur des Mittags. Ich hatte mit dem Armen Mitleiden: aber da war nicht zu raten; er hörte wie ein Meersturm. Die ersten Stunden der Nacht am Tage vor der Hochzeit trat er auf einmal plötzlich hastig auf mein Zimmer, blass und fürchterlich; ich schrieb eben an einem Briefe. Wie ich ihn aber so erscheinen sah, fiel mir die Feder aus der Hand, und ich sprang auf: "Was gibt's, was hast du?"

"Mein Argwohn war nur zu gut gegründet; höre!" sprach er und ging mit mir zum äussersten Ende von der Tür weg.

"Du kennst den schönen einsamen Platz, wo die grossen babylonischen Weiden vom hohen Felsengestad herunter nach dem See hangen und das Ganze zu einer stillen melancholischen Vertiefung sich einschliesst: dahin war die letzte Zeit immer mein liebster Spaziergang; schon vorher sind wir dort beisammen gewesen. Auch diesen Abend ging ich dahin und nahm ein Instrument mit. Es fing an zu dämmern, als ich noch auf der entblössten Wurzel der vordersten Weide nach dem Tale zu sass und meine Leiden sang. Der Inhalt von meinem lied war: 'Ach, mein Vater tot, meine Mutter tot, meines Lebens Lust in fremder Gewalt! Ist dies nicht, ein junges Herz zu brechen? Saitenspiel, klag's mit mir!' Und bei den Worten, nach dem blick und der Empfindung: 'Flisterst du Lüftchen in den Blättern mir Trost zu?', kam's über mich, als ob ich meinen Vater vor mir und mir winken sähe. 'Warum erscheinst du, was verlangst du von mir?' rief ich und sprang auf. Zugleich erblickt ich nicht weit von mir einen Kerl mit dem Messer in der Hand, welcher alsbald davonging mit diesen Worten: 'Flieh, junger Mensch, du dauerst mich, ich sollte dich ermorden! Flieh, so geschwind du kannst, so weit dich deine Beine tragen, und meide den Mark Anton. Schon wurde durch ihn dein Vater umgebracht. Meide das Gebiet des Grossherzogs.'

Mir wurde dabei das Herz im leib umgekehrt; aber ich besann mich doch nicht lange, sondern riss meine Pistole hervor (er ging auf seinen Wegen nie ohne Gewehr aus) und jagte ihm von der Seite eine Kugel durch die Brust, dass er auf der Stelle stürzte. 'Stirb, Elender, für deine Schlechtigkeit in der Schlechtigkeit, und bereite das Quartier deinem Patron in der Unterwelt!' vernahm er noch die Antwort. Darauf gab ich ihm noch einen sichern Stoss mit seinem eignen Messer und wälzte den Körper in die Dornen und das Gesträuch hinein, den Felsen hinunter. Niemand war schon längst mehr auf dem feld und es schon finster; und der Ort ist überhaupt, wie du weisst, völlig abgelegen. Den Kerl erkannt ich noch, wie ich ihn näher besah; ich habe vor kurzem in einem wirtshaus zum Zeitvertreib mit ihm a la Mora gespielt und ihm nicht allein seinen Verlust geschenkt, sondern die Zeche obendrein bezahlt."

Dies entsetzte mich; ich sah die grässlichen Folgen bei seiner kühnen Entschlossenheit voraus und wusste nichts zu antworten als: "Es ist ungeheuer!"

"Du sollst nichts dabei zu tun und nichts dabei zu verantworten haben", fuhr er fort; "nur beschwör ich dich beim Himmel und deinem letzten Tropfen Liebe zu mir, lass mich's ausführen, einen hässlichen politischen Meuchelmörder mehr aus der Welt zu schaffen. O Vernunft, breit allen deinen heitern Äter in meinem Verstand aus, dass ich kalt genug zu Werke schreite! Wenn er morgen auf der Hochzeit mit dir von mir sprechen sollte, so sage nur, du habest mich die letzteren Tage nicht gesehen, ich streiche so oft im land herum und suche Schönheit in Gegenden und unter Menschen; und gib im übrigen auf alles acht, was vorgeht, besonders auf dem Ball in der Nacht."

Ich war betäubt von allen diesen Dingen und wusste mir nicht zu helfen. Es war da kein Rat, als entweder ihn oder den andern aufzuopfern; und vor dem ersten