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seiner Beschäftigung gern zuzusehen, warf sogar unverstellte Blicke auf ihn, wie man auf Schönheit wirft, aber alles wie fremd und zum ersten Mal; und ihre Worte hatten immer etwas von dem vornehmern Ton gegen einen, den man für seine Arbeit bezahlt.

Die erste Sitzung geschah des Nachmittags gegen Abend. Nach wenig Umriss und Zeichnung fing er sogleich am Kopf an zu malen. Sie sass den andern Morgen beim Frühstück noch einmal; und dann wollt er sie nicht weiter plagen, ausser bei der Vollendung, um hier und da nachzuhelfen. Den Nachmittag und ganzen dritten Tag und vierten Morgen bracht er damit fast allein zu: und siehe da! sie kam heraus wie völlig lebendig. Alt und jung bewunderten die erstaunliche Gleichheit. Er hatte sie in einem leichten sömmerlichen Morgenanzuge vorgestellt, meist von grüner Seide, worunter die vollkommnen Formen ihrer jugendlichen Glieder reizend aufwallten und durchleuchteten. Sie stand in Lebensgrösse, nachdenkend, wie gerührt, in die Zukunft blickend, den Kopf in der Linken auf einen Pult gestützt, in einem Zimmer, wo durch ein ganz offnes Fenster die Aussicht auf den See ging, an welchem Sirmio in der Nähe und ein wenig blaue Ferne von den Gebirgen wohl angebracht waren. Ardinghello hatte im gesicht schon Züge von ihrem Charakter ausgespähet, die sich nachher erst entwickelten.

Den fünften Nachmittag gab er sich an den Bräutigam. Nach den ersten Umrissen gestand er ihm gleich, dass ihm sein Kopf sehr schwer vorkomme und dass er noch keine rechte idee von der ursprünglichen Einheit seines Charakters in der Einbildung habe. Mit allen grossen Männern müss' ein Künstler lange leben, um nur eine von ihren bedeutendsten Aussenseiten in täuschender Wahrheit fest zu haschen; und überhaupt sei es schier unmöglich, irgend jemand sicher darzustellen, den man nicht an Geist und Kraft gewissermassen übertreffe.

Es ging hierbei im Mark Anton eine gewaltige Veränderung vor, und er errötete und wurde wieder blass augenscheinlich, so dass er aufstehen und ans Fenster gehen und Ardinghello einhalten musste.

Dieser fasste darauf all sein Bewusstsein zusammen, und jener kam nach einer langen Pause wieder und setzte sich. Ardinghello zeichnete vom neuen, und ihre Blicke begegneten sich einander wunderbar: die des Ardinghello hell und durchdringend, doch von aufgewühltem Herzen, flammten in die seinigen wie in eine düstre Nacht voll Irrfeuer.

Mark Anton fragte ihn endlich, ob er sich schon lange in Venedig und der Gegend aufhalte. Ardinghello antwortete mit Besinnung: "Es ist noch nicht lange; die Werke des Tizian und Paul von Verona und Tintorett haben mich dahin gezogen; und auch am Johann Bellini ist noch zu studieren und andern; besonders aber an der herrlichen Menschenart zum Kolorit."

"Seid Ihr aus Florenz selbst?" verfolgte er ferner. "Ja", war die Antwort. "Und Euer Vater?" "Mein Vater ist tot, und meine Mutter ist tot, ich ohne Geschwister bin allein übrig."

"Wer war er, was trieb er?" Diese Frage machte Ardinghellon endlich ungeduldig, er schnickte den Pinsel aus und antwortete: "Er war ein Schwertfeger und machte gute Klingen."

Bei diesen Worten trat Cäcilia herein und hemmte das Gespräch; denn sie waren vorher ganz allein. "Nun, geht's gut?" fragte sie lächelnd. "Es würde besser gehen," antwortete Ardinghello, "wenn ich das Glück gehabt hätte, ihr Exzellenz länger zu kennen." "An mir ist nicht soviel gelegen", erwiderte der Bräutigam; "wisst Ihr was, lasst es für jetzt gut mit mir sein und macht die Signora vollends fertig. Wir werden näher bekannt werden, und künftigen Winter einmal ist's bessere Zeit."

"Wie Sie befehlen", versetzte Ardinghello und rückte die Staffelei weg.

"O nein," sprach heftig Cäcilia, "im Winter gibt's lauter Nebel und Regen und keine gute Luft zum Malen!"

"Nun gut," sagte der Bräutigam, "da kann es ja noch nach unsrer Vermählung hier geschehen. Jetzt bin ich ohnedies zu sehr beschäftigt; und kann nicht so ruhig sein wie Sie, mein Herz."

Sie nahm ihn bei der Hand, und sah ihn zärtlich an, und führte ihn fort. Ardinghello gab seiner Zeichnung einen Nasenstüber, brachte die Sachen in Ordnung, und ging darauf von ihrem Gut, und kam zu mir nach haus.

Er erzählte mir, was vorgegangen sei: und mir wurde darüber warm im kopf. Ich konnte nicht anders glauben, als Mark Anton habe Lunte gerochen; und warnte und beschwur ihn mit Bitten inständig, äusserst auf seiner Hut zu sein und für jetzt sich ganz stille zu halten. Er aber meinte, seine Art, rot und blass zu werden, müsse von etwas anderm herrühren als Eifersucht; soviel er sich selbst fühle und an andern beobachtet habe, offenbare sich dieselbe auf eine andre Weise. Jedoch sei wahr, dass die Grundverschiedenheit der Menschen hierin sonderbare Abweichungen mache. Inzwischen hätt er sich noch nirgend so betrogen, wenn dies Eifersucht sein solle; auch reime sich dies nicht zu seinem übrigen Charakter, wie er ihn aus Hörensagen und den wenigen Augenblicken kenne. Dass er auf seiner Hut sein würde, dafür brauch ich nicht zu sorgen; aber ein Feiger nur flieh alle Gefahr. Man müsse standhalten, mit unerschrocknem Mut, solange das Verderben nicht unüberwindlich einbräche; dies allein rette und beglücke den Mann.

Sein Verdacht ging' auf etwas anders;