1787_Heinse_035_2.txt

Welt verlangen, dass er ein Schmierer wie sie sein soll, eh er über ein Gemälde urteilen will. Das komische Approbatum sogar, welches die deutschen Rosstäuscher an die Pferde vor der Markuskirche mit ihren Namen schrieben, gilt mir zum Exempel mehr hier als jener ganze Tross; in Stutereien geboren und erzogen, fühlten sie die herrliche lebendige Pferdsnatur und wie jeder von den vier jungen mutigen Hengsten seinen eigenen Charakter hat. Die Vortrefflichkeit ihrer Köpfe und wie sie schnauben und ungeduldig sind, dass sie im Zügel gehalten werden, lernt man durch kein blosses Gekritzel von Zeichnung. Selbst der grösste Maler, der immer auf festem land lebte, kann über kein Seestück urteilen; und der erste beste Sultan, der liebt und noch Kraft in den Adern hat, darf eher sprechen aus seinem Serail über eine nackende Venus von unserm Alten als der fromme Fra Bartolommeo."

"Wahr!" versetzte ein andrer, der deutlichen hellen und volltönigen Aussprache nach ein Römer; aber der Geschmack kommt nicht von selbst. Man muss erst wissen, was Kunst ist, und den Vorrat der Kunstwerke mit naturerfahrnem Sinn geprüft haben, sonst geht man der Prozession mit der Madonna von Cimabue hinterdrein und bejubelt sie als das Non plus ultra. Die Leute glauben, es wäre nicht möglich, etwas Bessers zu machen, weil sie nichts Bessers gesehen haben; und denken, wie ihnen zumute wäre, wenn sie den Pinsel in die Hand nehmen sollten. Daher alle die albernen Urteile von sonst sehr gescheiten und gelehrten Männern über die Künstler der vorigen Zeit; sie schwatzten gleich vom Zeuxis und Apelles, weil sie platterdings von diesen Namen keinen sinnlichen Begriff hatten. Und so wird's bei den Ausländern, wo die Kunst anfängt und die Meisterstücke nicht vorhanden sind, mit euch und dem Tizian und Raffael ergehen; ihr werdet ebenso gemissbraucht werden.

Und dann muss man gewiss mehr als ein Werk und viel von einem Meister gesehen haben, ehe man nur ihn recht kennenlernt. So geht's auch mit den Menschen überhaupt; die trefflichen muss man studieren. Es ist nichts eitler und törichter als die Reisenden und Hofschranzen, die einen wichtigen Mann gleich beim ersten Besuch und Gespräch weghaben wollen.

Doch um nicht auszuschweifen: "Keiner kann einen teil vollkommen verstehen, ohne vorher einen Begriff vom Ganzen zu haben, und so wieder umgekehrt. Jedes einzelne Gemälde zum Beispiel macht folglich einen teil von der gesamten Malerei, so wie sie gegenwärtig in der Welt ist; und man muss wenigstens ihr Bestes überhaupt kennen, ehe man dem einzelnen seinen Rang anweisen will."

Mein junger Mann erwiderte jetzt mit Feuer:

"Ich mag nicht bestimmen, inwiefern der Herr recht hat. Das Geräusch der Messe um uns erlaubt keine nüchterne Beratschlagung; ich glaube, Meister Paul hat das Seinige gesagt, damit, dass ein befugter Richter noch die Grenzen der Kunst kennen muss.

Allein, ihr Lieben, jede Form ist individuell, und es gibt keine abstrakte; eine bloss ideale Menschengestalt lässt sich weder von Mann noch Weib und Kind und Greis denken. Eine junge Aspasia, Phryne lässt sich bis zur Liebesgöttin oder Pallas erheben, wenn man die gehörigen Züge mit voller Phantasie in ihre Bildungen zaubert: aber ein abstraktes bloss vollkommnes Weib, das von keinem Klima, keiner Volkssitte etwas an sich hätte, ist und bleibt meiner Meinung nach ein Hirngespinst, ärger als die abenteuerlichste Romanheldin, die doch wenigstens irgendeine Sprache reden muss, deren Worte man versteht.

Und solche unerträglich leere Gesichter und Gestalten nennen die armseligen Schelme, die weiter nichts als ihr Handwerk nach Gipsen erlernt haben und treiben, wahre hohe Kunst; und wollen mit Verachtung auf die Kernmenschen herunterschauen, die die Schönheiten, welche in ihrem Jahrhundert aufblühten, mit lebendigen Herzen in sich erbeutet haben.

"Dies ist der wahre Weg", beschloss der Römer. "Inzwischen kann man über nichts urteilen, wovon man kein Ideal hat; und dies entwirft der Verstand mit der Wahl aus vielem."

Hier trennte sich die Gesellschaft; Paul ging weg und nahm den Jüngling in Arm. Ich folgte nach. Sie zogen den Platz ein paarmal herum und hörten da und dort der Musik und den Scherzen lustiger Truppen zu. Beim Eingang in die Merceria verliess ihn endlich Paul; ich nahm meine Maske ab und machte mich an ihn.

Er erkannte mich gleich und freute sich, dass mein Zufall keine schlimme Folgen gehabt hätte. Ich bezeugte ihm vom neuen meine Dankbarkeit und wünschte ihm irgendworin für seine edle Tat Dienste leisten zu können.

Dies setzte ihn in Verlegenheit. "Was hab ich getan," erwiderte er, "das ich nicht bei jedem andern Erdensohn getan hätte? hätte tun müssen? Wie mancher Bube holt ein Stück Geld vom Sand aus der Tiefe und stürzt sich noch obendrein von Höhen in die Flut. Übertriebnes Lob für Schuldigkeit macht die Menschen feig und eitel. Das ist ein elendes Volk an Heldenmut und Verstand, wo bei jeder Kleinigkeit eine Ehrensäule muss aufgerichtet werden. Was geschehen ist, sei geschehen!"

"Gross auf Ihrer Seite," verfügt ich, "und gewiss ist der Rettende schon in sich der Göttliche. Inzwischen glaube ich aber doch, dass die Dankbarkeit das festeste und sanfteste Band der Gesellschaft sei, und auch ein wenig Ausschweifung darin eine Nation immer liebenswürdig und den wackern Männern derselben das Leben froher mache."

Er sah mich hierbei mit einem neuen seelenvollen blick an, und wir fassten uns traulicher. Ich bat ihn