schon oft mit Seele begegnet. Ich verlangte zu wissen, ob ich etwas über sie vermöchte; hob ein wenig meine Maske vom Gesicht: und sie wollte sich, errötend von den ründlichen Wangen bis an den schneeweissen Hals, zurückziehen; allein ich hielt das warme Händchen fest.
Ich blickte rasch umher, und sie desgleichen; wir wurden in der Dämmerung nicht beobachtet, und ein Possenreisser hatte überdies aller Augen auf sich gezogen; und sagte ihr: aber wie kann ich genau die Worte wiederholen! dass ich sie liebte, anbetete; dass ich verschwiegen wäre wie ein Stein, eine Mauer, mich der geringsten Gunst nie rühmen würde; mich ihr in allem unterwerfen wollte, allen meinen Verstand zu unserm Vorteil anwenden wollte; wir seien füreinander geschaffen, und das Verhältnis mit andern Menschen solle uns nicht trennen. Alles dies und mehr ging aus meinem mund wie ein Lauffeuer, leis, aber mächtig ihr ins Ohr. Sie trat fort und hielt ein, zuckte mit der Hand und überliess sie wieder den heissen Wallungen meiner Liebespulse. Endlich riss sie sich los, sagte mir aber mit einer schüchternen gebrochnen stimme die Honigworte, die wie eiskühlend und brennendsüss erquickend Labsal durch Mark und Gebein rannen: 'Morgen früh zu Santi Giovanni e Paolo.'
Ich schwand von ihr weg wie der Blitz, zur ersten probe meiner Aufführung: und schlief die ganze Nacht nicht, war so wach und lebendig, als ob ich nie geschlafen hätte und nie wieder schlafen würde, durchaus Feuer und geistig Toben. Was hab ich da nicht für Plane gemacht!
Ich hielt schon lange vor der Zeit Wacht um die Kirche; und wie sie aufging, war ich der erste drinnen. Ich wartete und wartete und verging vor Ungeduld; so langweilig war mir das Messlesen der Priester noch nicht vorgekommen. Wie es allzu lange währte, so liess ich mir den Vorhang von dem göttlichen Tizian wegziehen, wo Peter, der Märtyrer, von einem Räuber erschlagen wird, sein Gefährte flüchtet und ein paar reizende Buben als Engel auf die Bäume der herrlichen Landschaft herabschweben. –
Welch ein Meisterstück! Die Szene schon äusserst lebendig; welche Lokalfarben haben nicht die schlanken Stämme der hohen Kastanienbäume! wie verliert sich das Land in ferne blaue Felsen! der Mörder voll räuberischem Wesen in Gestalt und Stellung und jeder Gebärde bis auf Kleidung und Kolorit! der Heilige hat ganz das Entsetzen eines Überfallnen und eines guten weichen Mannes, der sein Leben banditenmässig verliert: auf seinem gesicht ist die Blässe der Todesangst; und mit welcher natur in der Lage ist er niedergeworfen! der, welcher flieht, ebenso täuschend in allen Teilen. Die drei Figuren machen einen vortrefflichen Kontrast in Stellung, Charakter und Kolorit und den Gewändern von Mönchs- und Räubertracht. Welch ein trefflicher Ton im ganzen, und wie schön hält es die Beleuchtung zusammen!
Dies half etwas, aber wenig, ich hatte keine Ruhe. Endlich erschien sie doch, und armer Tizian, wie fielst du weg! O alle Kunst, neige dich vor der natur! Sie zog zur Pforte herein, den Kopf in eure Tracht versteckt, wie im dünnen Gewölk aufgehende Sonne; vor ihrem Glanz verschwand alles oder bekam Ansehen, Wesen, lenkte sich zu einem Ganzen.
Sie kam mit ihrer Mutter. Beide knieten erst vor dem Altare nieder, wo Messe gelesen werden sollte; und setzten sich hernach, sie mit abgeworfener Hülle vom haupt. Im Knien blickte sie einigemal gegen Himmel und seufzte; ich bemerkte alles. Sie wurde mich hernach im Sitzen gleich gewahr und mass mich mit einer Engelschönheit, ruhig dem Anschein nach, vom Wirbel bis zur Zehe, in tiefem Nachdenken. Was für Seele aus ihrem weitgewölbten schwarzen Auge blickte, ist nicht zu sagen; und um ihre Lippen regten sich bange Gefühle, die jedoch in Lächeln übergingen. Ach, dass ich nicht gleich mit ihr sprechen durfte!
Ich sass nicht weit von ihr rechter Hand, schräg auf der Seite, und verwandte, soviel ich unbemerkt sein konnte, kein Auge. Sie las hernach in ihrem buch, und nahm ein Zeichen heraus, und deutete mir mit einem Winke darauf.
Die Messe war vorbei, und man ging auseinander; ich folgte ihr auf dem fuss. Bei der Kirchtür hatte ich im Gedränge, mit der feinsten Wendung, die Karte unvermerkt in der Hand. Ich konnte nicht geschwind genug in einen Winkel kommen und lesen. 'Zwei Stunden nach Mitternacht an der Tür auf die Strasse hinter dem Kanale.' Weiter stand nichts darauf, und es war genug.
Nur dies und sie empfand und dachte ich den ganzen Tag. Gegen Abend ging ich schon dort einigemal auf und ab, und wusste alle Türen und Fenster und Gelegenheiten auswendig. Ich versah mich alsdenn auf allen Fall in meinem Quartiere mit Gewehr; meinen Gondelfahrer hatte ich ohnedies schon vorher immer bei der Hand.
Nach Mitternacht macht ich mich auf den Platz bei Maria Formosa. Wie wurde mir die Zeit so lang! Die Hoffnung hob mich vom Boden weg durch alle Himmel: die natur hingegen wollte gar nicht fort; Orion, Adler, Schwan und Wagen schienen mich zum besten zu haben, ich hätte sie gern himmelab aus Ungeduld mit den Händen gerückt und sprang oft närrisch in die Höhe, sie zu erreichen.
Endlich schlug die letzte Viertelstunde, und ich eilte an den bestimmten Ort. Alles war still auf den Wegen, und ich lief über die Brücken weg, und wartete in einer Ecke nahe bei