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sich mit dem einen Händchen an der rechten halb entblössten Brust unter dem rötlichten Gewand an, und lächelte von der offnen straff geschwellten jugendlichen linken ab mit seinem blonden Köpfchen in die schöne natur. Das braune Haar der Madonna war in ein rötlicht gestreiftes Netz gebunden, wovon noch einige Locken ins Gesicht und die Backen fielen; der blaue Mantel zerflossen, und die Beine und zarten Füsse ruhten in reizender Lage. Beider Augen, besonders der Madonna, blicken heiter schön, in Empfindung schwimmend. In den Zweigen des Ahorns schweben Engel wie junge Liebesgötter; abwärts weidet der Esel, und Joseph steht auf seinen Stab gelehnt, wie ein alter treuer Wärter, der sein Anvertrautes glücklich aus der Gefahr über die Grenze gebracht hat.

Form und Ausdruck und Kolorit in allen Teilen des Lebendigen, Bekleidung und Beleuchtung und Szene macht eine süsse Harmonie zusammen. Das Gemälde war gross, und die Figuren im Vordergrunde an die zwei Drittel in Lebensgrösse; jedoch ging ihm die Arbeit geschwind vonstatten, weil er die Studien zur Madonna und dem Kleinen mitgebracht hatte und nur zum Joseph und den Engeln einen Alten und Kinder aus der Nachbarschaft brauchte.

Meine Mutter konnte sich darüber nicht satt freuen und gewann ihn immer lieber.

Inzwischen bemerkt ich doch bei seinem fröhlichen und traulichen Wesen eine leidenschaftliche Hastigkeit an ihm und etwas Verborgnes in seinen Gesichtszügen, auch fiel mir endlich sein Ausbleiben auf. Er sagte zwar: "Ich bin ein Herumschweifer und kann nicht wohl an einer Stelle bleiben"; aber er nahm mich doch zu selten mit sich. Ich wollte wissen, was in ihm vorging; und dies klärte sich denn auf einmal in einer stillen Mitternacht auf, wo alle Winde schwiegen und kein laut sich regte.

Wir sassen am kühlsten Platz unsers Gartens auf einer Anhöhe, in einer Laube von Lorbeer und Myrtengesträuch, von einem alten Hain grüner Eichen umfasst; und hatten oft die Gläser ausgeleert, und gesungen und gesprochen; viel vom Menschen und den begebenheiten der Welt, jugendlich, erfahren und unerfahren. Mein Herz stand offen; und ich entdeckt ihm auf die letzt meine kleine Liebesgeschichten, womit ich hier den Lauf nicht unterbrechen will; gestand ihm aber, dass ich noch nicht alles fände, was ich verlangte. "Du wirst mir guten Unterricht geben können", fügt ich hinzu; "denn nach deinen Studien in der Malerei und Leibes- und Seelentugenden musst du schon ein Held unter Amors Fahne sein."

Er antwortete hierauf: "Ich spreche nicht gern von diesen Dingen; denn sie machen alle Menschen neidig, Freund und Feind. Aber weil du einmal angefangen hast, so will ich auch dir bekennen. Doch vorher den Todesbund ewiger Freundschaft feierlicher vom neuen; wir kennen uns nun vollkommen."

Hier zog er einen Dolch hervor, streifte sich den linken Arm auf, stach hinein und liess das Blut in den Becher rinnen; überreichte mir den Dolch: und ich tat, wie von einer furchtbaren Macht ergriffen, voll Glut und Rührung dasselbe. "Wie unser beider Blut hier im Weine vermischt ist", rief er aus, "und in unser Leben sich ergeusst: so sollen unsre Herzen und Seelen auf dieser Welt zusammenhalten; dies schwören wir dir, natur! und deiner Gotteit! Wer scheidet, fall in Elend und Verderben."

Wir tranken, umschlangen uns fester und inniger, stillten darauf die Wunden, und der eine verband mit lächelndem Ernst den andern.

Dies geschehen und aus dem Taumel uns wieder gefasst und in Ordnung, fing er an: "Das herrliche geschöpf, das ich liebe, bekränz als Priesterin unsern Bund! Cäcilia ist ihr Name, von der Heiligen, der himmlischen Musik, entlehnt. O du dort oben, walte über uns! Auch unser fest ist Saitenspiel und Gesang; und sind wir nicht so fromm als du, wozu nur Auserwählte gelangen: so ist doch unsre Liebe heilig; denn sie ist ganz natur und hat mit bürgerlichem Wesen nichts zu schaffen. Diese Cäcilia wohnt eine Stunde von hier, ist einzige Tochter bei zwei Brüdern, ihr Vater leider der grosse C***, und soll sich in kurzer Frist mit dem reichen Mark Anton vermählen; welches du schon alles weisst." Ich blieb hierbei stumm vor Erstaunen und hörte mit beiden Ohren.

"Wir wurden durch einen blossen Zufall näher bekannt", fuhr er fort; "denn schon vorher hatte ich sie als den schönsten weiblichen Kopf in Venedig einigemal in Kirchen auf den Raub abgezeichnet und ein paarmal in Gesellschaft gesehen. Nie aber wollt es mir gelingen, in ihrem haus Zutritt zu erhalten oder sie allein zu sprechen. Dieses geschah endlich beim Schlusse des letzten Karnevals, auf dem Markusplatz, in einer Ecke an der neuerbauten Kirche San Zeminiano, als es Nacht werden wollte. Ich trug schier eine Maske wie einer ihrer Brüder; sie sah mich im Getümmel für denselben an, ging auf mich zu, fasste mich bei der Hand und flisterte mir etwas freudig ins Ohr. Ob ich sie festielt und wie, kannst du denken; ich hatte sie schon auf den Platz hereinkommen sehen, auch war ihr lieblich Gesicht wenig verhüllt. Männer und Weiber, die sie begleiteten, mochten ebenfalls im Irrtume wie sie sein; denn sie liessen uns beisammen, gaukelten auf dem bunten Weltteater im kleinen ihre Mummereien fort und hatten keinen Argwohn. Ich gebrauchte die schnelle gelegenheit, so gut mir möglich war. Sie musste mich auch mit einem blick erkennen können: unsre Augen hatten sich