befand, die wir mit Behutsamkeit in unsern Geheimnissen einweihten. Kriegerische Schiffahrt und Handlung zwischen Kleinasien, dem Schwarzen Meer und den westlichen Ländern, und höchste Freiheit, süsses Ergötzen und frohe Geschäftigkeit im inneren, darauf zweckte alles; durch jene erhielten wir Sicherheit und verdienten Schutz, und durch beides gewannen wir Sklaven und Sklavinnen und Überfluss an allen Bequemlichkeiten. Bei aller dieser Seligkeit glaube ich jedoch, dass auf dem ganzen Erdboden kein andrer Platz war, wo man sich so wenig vor dem tod scheute.
Jeden Frühling war allgemeine Versammlung, worin wir die nötigen neuen Einrichtungen oder Abänderungen für das ganze Jahr trafen; sie wurde mit feierlichen Spielen und Lustbarkeiten beschlossen.
Kurz, wir kamen beieinander, so verschieden auch mancher vorher dachte, in folgenden Grundbegriffen überein: Kraft zu geniessen, oder, welches einerlei ist, Bedürfnis, gibt jedem Dinge sein Recht, und Stärke und Verstand, Glück und Schönheit den Besitz. Deswegen ist der Stand der natur ein Stand des Krieges.
Das Interesse aller, die sich in eine Gesellschaft vereinigen, bildet darauf Ordnung, stiftet gesetz und innerlichen Frieden; alles richtet sich dabei, wie bei jedem andern lebendigen Ganzen, immer nach den Umständen.
Der beste Staat ist, wo alle vollkommne Menschen und Bürger sind; und diesem folgt, wo die mehrsten es sind. Hier wird kein Nero gedeihen! Derjenige Mensch und Bürger ist vollkommen, welcher seine und seines staates Rechte kennt und ausübt.
Jedes hat fürs erste das Bedürfnis zu essen, zu trinken, mit Kleidung und wohnung sich zu schützen und zu sichern, die Wahrheit von dem Notwendigen einzusehen und, wenn es mannbar ist, das der Liebe zu pflegen. vermag es nicht, sich dieses friedlich zu verschaffen, so darf es dazu die äussersten Mittel brauchen; denn ohne dasselbe erhält es weder sich noch sein Geschlecht.
Auf gleiche Weise geht es hernach mit den Bequemlichkeiten und Freuden des Lebens. Ein armer schwacher Staat mag sich an den ersten rohen begnügen; allein dieses ist zur Glückseligkeit nicht hinlänglich. Der starke und tapfre hat zu mehrerm Recht, eben weil er weitre Bedürfnisse hat. Das beste Instrument gehört dem besten Virtuosen, das königlichste Ross dem mutigsten und geübtesten Bereiter. Land für Temistoklesse und Scipionen, für Praxitelesse und Horaze keinen Mönchen und Barbaren.
Wirkliche (nicht bloss eingebildete und erträumte) Glückseligkeit besteht allezeit in einem unzertrennlichen drei: in Kraft zu geniessen, Gegenstand und Genuss. Regierung und Erziehung soll jedes verschaffen, verstärken und verschönern.
Der Krieg richtet greuliche Verwüstungen an, es ist wahr; bringt aber auch die wohltätigsten Früchte hervor. Er gleicht dem Elemente des Feuers. Es ist nichts, was den Menschen so zur Vollkommenheit treibt, deren er fähig ist. Das goldne Jahrhundert der Griechen kam nach den Schlachten gegen die Perser. Das goldne Jahrhundert der Römer war mitten unter ihren Bürgerkriegen, und ihr Geist fing an zu erschlaffen bei dem langen Frieden unter Augusten. Florenz ragt in den neuern zeiten hervor bei innerlichem Tumult und Aufruhr.
Die höchste Weisheit der Schöpfung ist vielleicht, dass alles in der natur seine Feinde hat; dies regt das Leben auf! Sterben ist nur ein scheinbares Aufhören und kommt beim Ganzen wenig in Betrachtung. Alles, was atmet, und wenn es auch Nestor wird, ist ohnedies in einer kurzen Reihe von Tagen nicht mehr dasselbe.
Ruh und Friede ist ein herrlicher Stand, zu geniessen und sich zu sammeln; aber der Mensch, ohne gereizt zu werden, träge, versinkt dabei in Untätigkeit. Besser, dass immer etwas da ist, das ihn aus seinem Schlummer weckt. Wir sollen einander bekriegen, weil kein höher geschöpf es kann.
Was das ganze menschliche Geschlecht betrifft, durch Meere und Gebirge und Klima, durch Sitten und Sprachen abgesondert, welcher Kopf will es in Ordnung bringen? Die natur scheint ewig wie ein Kind in das Mannigfaltige verliebt und will zu jeder Zeit deswegen rund um die Erdkugel Skyten, Perser, Aten und Sparta.
Das besondre Geheimnis unsrer Staatsverfassung, welches nur denen anvertraut ward, die sich durch Heldentaten und grossen Verstand ausgezeichnet hatten, bestand darin: der ganzen Regierung der Türken in diesem heitern Klima ein Ende zu machen und die Menschheit wieder zu ihrer Würde zu erheben. Doch vereitelte dies nach seligem Zeitraum das unerbittliche Schicksal.
Fussnoten
1 Es würde allzu weitläufig sein, die hier berührten Punkte der venezianischen geschichte im Zusammenhange zu erzählen; wer sie noch nicht wissen sollte, kann leicht anderswo davon Nachricht finden. 2 Man stosse sich nicht an diese jugendlichen Ausfälle auf die römischen und florentinischen schulen; in der Folge wird sich alles deutlicher entwickeln. Inzwischen liegt schon Wahres hier zum grund. Es ging dem jungen Mann wie allen, die in zu strenger Lehre standen: sobald sie in Freiheit kommen, verabscheuen sie das Joch. Allein treffliche Naturen bequemen sich nach und nach wieder zu dem Guten, was es mit sich brachte. 3 Sirmio, Augapfel aller Halbinseln und Inseln, die der Gott der Wasserwelt in süssen Seen und dem ungeheuren Meer umfasst. 4 Du wirst sagen, dass jene Menschen, diese Götter erbaut haben. 5 In der Folge wird man den Begriff von Schönheit allgemeiner und richtiger und nicht mehr so jugendlich sinnlich finden. 6 ... der wie ein Meer aufsteigt in rauschenden Fluten. 7 Bei unsern deutschen Übersetzungen ist dies jedoch der Fall nicht; und wir haben recht, einzelne Namen zum Beispiel so echt altgriechisch dem Laute nach zu übertragen, als wir zu bestimmen imstande