Gesang der Nachtigall davor verschwindet und zu geschwätzigem und unaufhörlichem Getön wird. Die meisten lässt sie wild fliegen; sie kennen das Plätzchen und kommen immer wieder.
Morgen geht die Woche schon zu Ende, seitdem wir hier sind; Himmel, wie schnell! Wir wollten nur einen oder zwei Tage haltmachen, aber es war gar zu erfreulich. Sie lässt alles zurück, und die Mohrin, und begleitet mich allein. Übermorgen in der Nacht brechen wir heimlich auf und streichen weiter; im haus glaubt man, dass sie nach Rom reise.
Terni, Mai.
Ich bin im Himmelreiche! Wie ein paar kühne Adler jagen wir durch die weiten Lustreviere! Freiheit, Quellenjugend und feurige Liebe und Zärtlichkeit!
Gestern abend kamen wir durch den rauhen Wald und das wilde Gebirg von Spoleto hier an, und diesen Morgen sind wir gleich nach dem neuen Sturz des Velino in aller Frühe ausgezogen. Wir wollten ihn zuerst von oben betrachten.
Der Weg dahin ist voll reizender Aussichten; die Berge wölben sich immer einer höher als der andre weiter fort gegen Himmel, um gleichsam dieses Paradies ganz von der irdischen Welt abzusondern. Die Sonne ging eben auf, als wir nach der Höhe zu ritten, gerade über dem Gebirg den Felsenriss hinein, worin eine herrliche See von befruchtendem Taunebel in der Mitte schwamm.
Der Wasserfall ist nun eine entzückende Vollkommenheit in seiner Art, und es mangelt nichts, ihn feindselig gegen ein unschuldiges Völkchen handelte, muss sich, gebändigt durch einen tiefen Kanal stürmend, in wilden Wogen wälzen, mit allerlei süssem lieblichen Gesträuch umpflanzt, als hohen grünen Eichen, Ahornen, Pappeln, Zypressen, Buchen, Eschen, Ulmen, Seekirschen, und in die greuliche Tiefe senkelrecht an die zweihundert Fuss hinabstürzen, dass der Wasserstaub davon noch höher von unten heraufschlägt. Alsdenn tobt er schäumend über Felsen fort, breitet sich aus, rauscht zürnend um grüne Bauminseln, und hastig schiesst er in den Grund von dannen, zwischen zauberischen Gärten von selbstgewachsnen Pomeranzen, Zitronen und andern Frucht- und Ölbäumen.
Sein Fall dauert sieben bis acht Sekunden oder neun meiner gewöhnlichen Pulsschläge von der Höhe zur Tiefe. Das Aufschlagen in den zurückspringenden Wasserstaub macht einen heroisch süssen Ton und erquickt mit nie gehörter donnernder Musik und Verändrung von Klang und Bewegung die Ohren, und das Auge kann sich nicht müde sehen.
Fiordimona jauchzte vor Freude in das allgewaltige Leben hinein und rief ausser sich unter dem brausenden Ungestüm: "Es ist ein Kunstwerk so vollkommen in seiner Art als irgend eins vom Homer, Pindar oder Sophokles, Praxiteles und Apelles, wozu Mutter natur Stoff und Hand lieh."
Gewiss aber lässt es sich mit keinem andern vergleichen und ist einzig in seiner Art; die grosse natur der herrlichen Gebirge herum, der frische Reiz und die liebliche Zierde der den Sturz vor dem Fall umfassenden Bäume, das einfache Ganze, was das Auge so entzückt, auf einmal ohne alle Zerstreuung, so wollüstig verziert und doch so völlig wie kunstlos, nährt des Menschen Geist wie lauter kräftiger Kern.
Wir sassen alsdenn wieder auf und ritten dem Velino oben weiter entgegen, bis wir eine kleine Stunde vor dem Sturz an seinen See kamen, worin er sich klarwäscht. Die Mannigfaltigkeit des Stroms von hier aus, der bald langsamere, bald schnellere Lauf, das mit schöner Waldung eingefasste Bett überall, der See in seiner Rundung von einem Amphiteater sich nacheinander verlierender höchster Gebirge umlagert; alles, das fruchtbare Tal der Szene, der ehemalige Streit der Nachbarn um ihn, macht diesen Wasserfall immer wunderbarer und ergreifender.
Man hat ihn schon abgemalt und zeigte mir gestern bei unsrer Ankunft die Kopie von dem Original. Aber gemalt bleibt er immer ein armseliges Fragment ohn alles Leben, weil kein Anschauer des Gemäldes, der die natur nicht sah, sich auch mit der blühendsten Phantasie das hinzuzudenken vermag, was man nicht andeuten kann. Und überhaupt ist es Frechheit von einem Künstler, das vorstellen zu wollen, dessen Wesentliches bloss in Bewegung besteht. Tizian zeigt klüglich allen Wasserfall nur in Fernen an, wo die Bewegung sich verliert und stillezustehen scheint.
Terni selbst, das Vaterland des Geschichtschreibers Tacitus, liegt äusserst angenehm zwischen lauter Gärten. An der Nordseite erhebt sich noch ein Bogen von Hügeln mit lustigen Landhäusern, meistens zwischen Ölbäumen, die einen kleinen Wald ausmachen.
Aus der Nera, worin der Velino seinen Namen verliert, werden eine Menge Kanäle abgeleitet, die die Stadt und alles Land herum, unter immer lebendigem Rauschen, zur höchsten Fruchtbarkeit bewässern.
Tivoli hatte einen so grossen Reiz für die alten Römer, weil es nahe an Rom lag, und wegen der weiten Aussicht in die Ebnen herum bis ans Meer. Es hat etwas Feierliches, was Terni nicht hat. Aber dies hat im grund grössere natur um sich her und lässt an Fruchtbarkeit mit Tivoli gar keine Vergleichung zu; dieses ist dürres und ödes Land meistens und Terni lauter Mark.
Die Römer verstunden zu leben! Sie genossen den wahren Reiz von jedem und wussten zu wählen aus tausenderlei Erfahrungen. Scipio der Jüngere wählte Terni, dessen Landsitz man noch zeigt, der Ältere Cajeta und seine erhabne Tochter Cornelia das Misenische Vorgebirg, welche letzteren Örter wegen des Meers freilich über alles gehen; denn nichts ist doch lebendiger als das Meer und hat mehr Mannigfaltigkeit und Bewegung. O wie freu ich mich, das alte glückselige Bajä bald zu finden!
Die Terner erweisen uns alle Ehre, und dies setzt Fiordimonen nicht wenig in Verlegenheit; sie befürchtet, erkannt zu werden; und