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hören.

Der andre Auftritt aber ist grässlich.

Don Paolo, der Gemahl der Isabella, kam vor wenig Tagen von Rom und nahm einen gewissen Scherz und Leichtsinn an über ihre vorige Aufführung, bis er sie täuschte und sie froh sich wieder mit ihm versöhnt glaubte.

Gerade dieselbe Nacht, wo Bianca ihre Farce spielte, so wunderbar fügen sich die begebenheiten! führte er sie nach seinem Schlafgemach; sie hatte zwar Anstand, ihn zu begleiten, und hielt einigemal ein; ihr Geist mochte ihr Schicksal vorausahnden! Doch folgte das ergiebige geschöpf endlich seinem Händedruck und hielt die racheheissen für liebewarme.

Im Zimmer umarmt er sie und küsst sie und sinkt wie unentaltsam mit ihr aufs Bett. Als sie auf der Breite desselben so hingestreckt liegt, wird ihr hinten ein Strick um den Hals geworfen von einem gedungnen Mörder und sie mit langer Marter erdrosselt. O du Elender! warum nicht kurz mit Gift, mit einem Dolchstich, wenn du sie doch aus der Welt schaffen wolltest?

Sie wurde die andre Nacht schon zu ihrer Familie in die Kirche San Lorenzo begraben; und man sprengte aus, sie sei plötzlich an einem Steckfluss gestorben. Allein ihr schwarzes Gesicht war jedem, der sie zu sehen bekam, ein unverwerflicher Zeuge der Tat.

Ihre Verwandten schweigen; aber Florenz murrt laut und bejammert das scheussliche Ende ihres noch so blühenden Lebens.32

März, bei Cortona.

Der Herzog hat mir erlaubt, den künftigen Frühling hier auf meinem Gute zu sein; doch unter der Bedingung, dass ich zuweilen nach Florenz komme und den schon angelegten Palast der Bianca besorge. übrigens hab ich dort eine gute Partei für mich zurückgelassen, und in manchem haus lebt die Hoffnung, mich zum Gemahl und Schwiegersohn zu erhalten.

Polybios und die Gegend ist nun mein Geschäft, und zur Abwechslung bau und pflanz ich. Der deutliche Sinn mancher Wörter in der Taktik der alten Griechen und Römer hat mir anfangs bei ihm zu schaffen gemacht; doch bin ich bald durchgedrungen und damit zu rand gekommen. Dies ist ein Geschichtschreiber, wie sie sein sollen; der das verstand, worüber er schrieb, noch zur rechten Zeit lebte und Menschen und Örter kannte.

Unter allen Heldenzügen ergreift mich keiner so wie der des Hannibal durch Italien; und es geschieht nicht bloss deswegen, weil ich Land und Boden und die geschichte der kriegenden Völker besser kenne. Der des Alexander durch Persien ist romantischer und hat mehr barbarisches Getümmel um sich; aber der natletengeist; und es ist ein ganz ander grosses Naturschauspiel, zwei solche Republiken sich in den Haaren liegen zu sehen als einen blossen Darius und Sohn Philipps.

Von seinem Satz an über den wilden schnellströmenden Rhodan unter Avignon und kühnem Marsch durch die reissenden Wetterbäche, über den hundertjährigen Schnee und das schneidende Eis der grässlichen tiefen Täler und himmelhohen Alpenklippen dünkt mich in jeder Schlacht nur ein olympisches Faustbalgerspiel zu sehen. In der bei der Trebbia, am Trasimenischen See, besonders am Aufidus, packt er überall mit seinem tapfer gebildeten Haufen so gewandt seinen starken ungelenken Gegner und wirft ihn zu Boden, und schlägt ihm Zahn und Nase und Ohren und Backen in einen blutigen Brei zusammen. Er verstand die Kunst zu siegen wie keiner, behandelte Armeen von Hunderttausenden vor und mitten und nach der Schlacht wie einen einzelnen Mann, an jedem Fleck, bei jeder Schwäche voll Vorsicht, Bewegsamkeit, Mut und Schlauheit und Gegenwart der Seele: bis auf so einfache Grundsätze hatte er das weitläuftige Kriegshandwerk von der ersten Jugend an gebracht. Halbgötter erkennt man erst recht bei wichtigen Zeitpunkten.

Welche Reihe Taten nacheinander! Was sind Millionen Menschen gegen diesen einen, die ihr Leben lang nicht eine einzige solche Stunde haben! Ein Heldengedicht möchte ich singen über ihn von den Pyrenäen an bis wo die Scylla um den Fuss des Apennin rauscht.

Wie ein echter unbezwinglicher rächerischer Löwe streift er Italien durch, reisst Rinder und blökende Herden nieder; und das vom Homer schon verbrauchte Gleichnis ist zum erstenmal wahr geworden.

Das römische Volk, das seine Bildsäulen in die Strassen stellte, wo sie am furchtbarsten gesehen wurden, und sich hernach seinetwegen noch an den Mauersteinen von Kartago ereiferte, zeigt den Mann auch bei dem Feind, und anders als die ungerechten Horaze und Liviusse; und Virgil krümmt dem Überwinder bei Cannä mit seiner Hofspötterei der Dido kein Haar.

Der Ausbund von Kartaginenser ging dem römischen Staatskörper auf das Herz los; und ausserdem kannt er die Menschen gut genug, um zu wissen, dass jeder seine grössten Feinde in der Nähe hat: und fand es so bei den welschen Galliern.

Die Schlacht an meinem See ziert mir hier die Gegend ganz anders aus als Konstantins Schlacht vom Raffael das Vatikan. Die furchtbaren Wörter, die wunderbar davon noch immer übriggeblieben sind, als Ponte Sanguinetto,33 Ossaja,34 Spelonca 35 gehen mir immer wie eine Brandfackel in die Seele, wenn ich da herumreite, so dass ich zuweilen vor Hitze und Ungeduld nicht auf dem Pferde bleiben kann und herunter in ein Wirtshaus muss, um einen frischen Zug zu tun von Römergrimm, der hier ins Gras biss und noch die Weinfelder düngt.

Treve, April.

Ich schreibe Dir im Fluge, weil ich Dich künftigen Sommer bei mir haben muss, um Dir die Schönheit und den Reiz auch meiner Gegenden zu zeigen und sie mit Dir zu geniessen, glücklicher noch, als ich mit Dir die Lombardei an Deinem Lago genoss. Mache Dich beizeiten auf und kehre bei meiner Tante zu Florenz ein, wo wir uns treffen werden.