schöne Form des Unterleibs, der vollen Hüften und Schenkel; das Gewand macht eine ungekünstelte Falte zwischen den Schenkeln und zieht sich im Knien an; das lüsterne Auge des Meisters sah diesen Reiz der natur ab. Die jungen Brüstchen schwellen lockend über dem Gürtel hervor. Die Kleidung von allen dreien ist rot, griechisch, wie leichte Hemder.
Die Gesichter sind voll Huld, und die Madonna hat besonders etwas mütterlich Süsses in auge und Mund und blickt in stiller Entzückung nieder.
Alle sind vertieft in die Kinder, die aufeinander kindlich zeigen und sich freuen. Der Kopf des heiligen Joseph ist zugleich gemalt wie vom Tizian nebst dem herrlichen Ausdruck. Der heilige Antonius allein weicht sehr von den andern ab und ist mittelmässig durchaus, als ob er ihn nur weggejagt hätte, um fertig zu werden. Alles andre ist mit Liebe entworfen, und es herrscht die stille Raffaelische Empfindung.
Nach Rom kann man Raffaelen zu Perugia am besten kennenlernen. Das meiste von ihm ist hier in der Kirche des heiligen Franziskus. Überhaupt will ich Dir in Perugia nur drei Stücke von ihm vorzüglich empfehlen, eins aus seinem Knabenalter, eins aus seiner Jünglingschaft und eins, das er wenig Jahre vor seinem tod vollendete, in einem Nonnenkloster vor der Stadt, welches zum teil alles übertrifft, was er je aus sich hervorgebracht hat; das übrige wirst Du leicht einmal selbst finden.
Die zwei erstern sind bei den Franziskanern; das jüngste, in der Capella degli Oddi, stellt vor die Himmelfahrt der Madonna. In der Luft empfängt sie der Heiland, ihr Sohn mit Engeln, die Musik machen, und krönt sie; unten stehen die zwölf Apostel an ihrem offnen Sarge. In der Einfassung, die auf dem Altar ruht, sind noch drei ganz kleine Gemäldchen angebracht: der Englische Gruss, die Anbetung der Heiligen drei Könige und die Beschneidung. Alles ein himmlischer Inbegriff einer Menge schöner Gestalten, die in seiner Seele aufblühten.
Der Kopf der Madonna ist heilig und selig im neuen Schauen; in einigen Engelsgestalten süsse Anmut, besonders der mit der Handtrommel eine wahre Volkslust. Aber das Wunderbarste sind die zwölf Apostel; welche Charakter schon Paulus, Petrus und Johannes! Paulus hat viel von seinem Aristoteles, Johannes von dem aufblickenden Jüngling beim Bramante.
In dem ersten Gemäldchen unten erscheint der Engel der Madonna in einem korintischen Tempel. Sie betet und blickt erhaben vor sich hin, ohne ihn anzusehen; in einem Landschäftchen davor zeigt sich Gott der Vater und der Heilige Geist als Taube.
In der Anbetung der Heiligen drei Könige sind eine Menge Figuren, worunter einige voll Ausdruck mit Erstaunen. Die Hütte in zerfallnen Ruinen und das Landschäftchen ist kindlich angenehm und erfreulich.
Die Beschneidung ist das beste unter den kleinen. Ein ionischer Tempel; die zwei Priester mit trefflichen Köpfen voll Charakter und Ausdruck, und die Seitenfiguren gefühlt und gedacht.
Das Ganze ist freilich äusserst hart und die Formen unausgebildet; alle natur arbeitet bei ihm nur auf das erste Bedürfnis: gestaltlos; aber das Wesentliche, wobei man das andre bei Anfängern übersehen soll.
Das zweite ist die Abnehmung vom Kreuze. Das Gemälde hat zehn Figuren, fünf Männer und fünf Weiber, mit dem toten Christus und der in Ohnmacht gesunknen Mutter, die viel grösser sind als im vorigen, ungefähr zwei Drittel Lebensgrösse.
Es ist in zwei Gruppen geordnet; die eine macht der von zweien getragne Tote, und Joseph von Arimatias, und Magdalena, und hinten vermutlich noch Johannes: und die andre die Mutter mit den Jungfrauen; der den Leichnam bei den Beinen hält, verbindet sie beide.
Die Hauptfiguren leuchten gleich hervor, der tote Jüngling, die schöne Magdalena voll Schmerz, und die Mutter. Besonders aber ist die Gruppe der letzteren das Vortrefflichste. Alle Gestalten sind voll Seele, jede lebt, und empfindet dabei nach ihrem Charakter. Die Mädchen, welche die Mutter fassen, sind wie die drei griechischen Grazien; vorzüglich hat das, welches den Kopf derselben hält, eine Gestalt so tiefen grossen Gefühls und hoher Schönheit durchaus in Formen und Bekleidung, dass man sie gleich zu einer Euripidischen Polixena brauchen könnte.
Über die ganze Szene verbreitet sich ein sanftes Abendlicht.
Dies war seine letzte Arbeit, bevor er nach Rom kam; und man sieht darin, wie sich seine Kunst schon ihrer Vollkommenheit nähert. Sie ist das Höchste aus dieser Zeit von ihm.
Ich kann hier nicht unterlassen, ein Gemälde von Correggio anzuführen, welches dieselbe Szene vorstellt und in der Johanniskirche zu Parma in einer Seitenkapelle befindlich ist. Nach meinem Gefühl hat er alle übertroffen und erhält den Preis wie ein Sophokles: so streng und einfach und rührend, mit Verleugnung seiner sonstigen blühenden Farbenpracht und lächelnden Manier behandelt er die Begebenheit.
Erblasst und ausgestreckt liegt der göttliche Jüngling da. Magdalena sitzt an seiner Seite und vergiesst für sich in Wehmut versunken heisse Tränen, wie eine untröstliche Geliebte; und der Schmerz der zärtlichen Mutter an seinem Haupt über das entsetzliche Schicksal grenzt an des Todes Bitterkeit. Ein trübes Regenlicht um sie her; alles in Lebensgrösse.
Man soll nie bei Bewunderung des einen schülerhaft gegen andre ungerecht sein. Raffael selbst Märtyrer für Amorn, hat ferner nie das Entzücken der Liebe, den höchsten Vorwurf vielleicht für alle bildende Kunst, mit so tiefem Seelenklang und heitrer Phantasie zugleich ausgedrückt als der bei seinen Lebenstagen unberühmte hohe Lombard, Ariosts Nachbar, in seiner Io; wenn ihm auch die antike kleine Leda, mit der im Stehen sich Zeus als Schwan begattet (welche treffliche wollüstige