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es wegtut, als bei mati Auge, avti Ohr.

Die Evangelien und Episteln versteht man so ziemlich noch im Griechischen des Neuen Testaments, aber vom Xenophon und Plato wenig. Die Geistlichen, Vornehmern und Kaufleute reden, was man Schriftsprache nennen kann. Die grösste Barbarei ist eigentlich auf den Inseln, weil diese mehr als das feste Land von den Fremden überschwemmt wurden; auch weichen die Sitten hier mehr von den alten ab.

Der Mundarten sind vielleicht mehr als bei den Alten; und so geht's mit der Aussprache. Die jetzigen Spartaner sprechen zum Beispiel ch aus wie die Franzosen.

Überhaupt war die Aussprache schon bei den Alten verschieden nach Ort und Zeit, wie bei uns und überall. Die ersten Pelasger sprachen vermutlich ihr Griechisch anders aus als die Atenienser unter dem Perikles, und so Homer und seine Zeitverwandten. Plato beklagt sich im gespräche Kratylos, kurz nachher, als die zwei langen ionischen Vokalen zu Aten, unter dem Archon Euklid, im zweiten Jahre der vierundneunzigsten Olympiade in allgemeinen Gebrauch gekommen waren, dass man das Wort, welches den Tag ausdrückt, nicht mehr himera wie die Vorfahren ausspreche, sondern entweder hemera oder neuerdings ημερα, und dabei den schönen Ursprung nicht mehrfühle, dass es von himeros, das Verlangen, herkomme, weil man nämlich in der Nacht und Dunkelheit nach dem Licht und Aufgang der Sonne verlangt.

Aus diesem Beispiele dürfte man vielleicht schliessen, dass die neuern Griechen in manchem zur Aussprache der ältern und selbst Homers wieder zurückkehrten, und dass auch hier, wie sonst in der Welt, alles im Kreise herumgeht.

Am besten ist es, man richtet sich nach der jedesmaligen lebendigen Aussprache und dem grossen Haufen; und man muss es, wenn man verständlich sein will.7 Von den Alten lasen wir die Abende bald ein Stück aus dem Plato, bald aus dem Aristoteles oder Xenophon, kehrten aber von ihrem Scharfsinn und Adel, der reinsten Empfindung und ihren hohen Flügen oft zurück unter das ateniensische Volk zum Demostenes und Aristophanes.

Ardinghello hatte den letzteren nur dem Namen nach gekannt und weidete seine Seele nun an ihm leibhaftig mit Entzücken. Er brütete so recht über seinem Witze, seiner Laune, seinen kühnen Erdichtungen, und hielt seine Possenspiele für das allerhöchste Denkmal menschlicher Freiheit, welchem sich keins unter den Millionen andrer Schriften von weitem nähere. Wer mit den Griechen wetteifern wolle, müsse in beiden leben und weben. Hier erscheine der Mensch, wie er sei, mit allen seinen natürlichen Herrlichkeiten und Schlechtigkeiten. Hier entsprängen und rännen die lautersten Lebensbäche.

Mein Freund steckte mich mit seiner Meinung an, und Redner und Dichter wirkten mächtig auf uns: wir wurden selbst freier im Umgange, und unsre Sprachkenntnis wuchs wie eine üppige Pflanze. Wir hielten uns ganz an Aten vom Temistokles an bis zum Tod Alexanders; drangen immer tiefer ein in dessen Staatsverfassung, gesetz, Gerichte; ruhten im Schatten an den bemoosten Wurzeln des schönen lebendigen Baums, der seine Zweige über ganz Griechenland verbreitete; und gingen aus diesem Kreise, und was sich damit verband, selten heraus.

Dabei beschrieb ich ihm den gegenwärtigen Zustand der Inseln und des festen Landes; Gesellschaften, Sitten und Gebräuche, Feste und Spiele, Klima, Jahrszeiten, Wind und Wetter, Gewächse und Früchte, und was von den Alten noch übrig ist.

ungeachtet seiner Lust an dem Aristophanes, der glänzenden Satire der Wolken gegen den Dämon des Philosophen und des bittern Angriffs der Lehre desselben, dass kindliche Liebe und Verehrung der Eltern und Verwandten dem verstand nachstehen müsse: hielt er nichtsdestoweniger die Denkwürdigkeiten des Sokrates für das gediegenste Kleinod aller Weisheit und die Moral aller Moralen.

übrigens kamen wir darin überein, dass man die Wolken nach ihrer und nicht nach unserer Zeit beurteilen müsse. Die Menschen waren damals gewohnt, einander nackend zu sehen, und scherzten zur Ergötzlichkeit für den Augenblick über ihre Mängel und Gebrechen und vergassen es hernach bald wieder. Aristophanes war so wenig schuld an dem gewiss bis zum Vergessen seines Mutwillens lang hernach erfolgten tod des Sokrates als an dem des Euripides; und beide wurden im grund nicht minder hochgeschätzt, trotz aller Lächerlichkeiten, die er auf sie warf. Welche possierliche Rolle lässt er nicht den Weisen letzteren im Feste der Ceres und Proserpina spielen! Bei uns wäre freilich so etwas wie Mord und Totschlag. Und ausserdem war man es gewohnt, dass Philosophen und Dichter, und von diesen wieder die tragischen und komischen, sich zur Kurzweil des volkes einander zum besten hatten. Wer weiss, wie hart Sokrates und Euripides vorher dem Aristophanes begegneten? Das beste Zeugnis für das, was ich sage, ist, dass Plato nicht aufhörte, den komischen Dichter hochzuschätzen.

Dieser hohe Genius schien uns überhaupt einen viel weitern Gesichtskreis als Xenophon zu haben und selbst über seinen Lehrmeister hinauszugehen. Wir meinten, nicht wenige seiner gespräche müssten die Lieblingsschriften für jeden guten Kopf sein, der sie fertig in der bezaubernden Ursprache lesen kann; und dies zwar hauptsächlich deswegen, weil er selten seine Materie erschöpft, aber mit gewaltiger Hand in tiefe, reiche Fundgruben hineinführt. Wir bewunderten oft an ihm, diesen Tag, die allergewandteste attische Feinheit, die so edel kein Schriftsteller, unsers Wissens, weder seiner noch viel weniger irgendeiner andern Nation je erreicht hat; und den folgenden wieder die erhabensten Gedanken in der kühnsten Sprache.

Demostenes ist freilich gegen ihn, wie der noch junge, zu strenge Dionys von Halikarnass wahr spricht, Held im Streite, wo es das Leben gilt, und