Wilhelm Heinse
Ardinghello und die glückseligen
Inseln
Erster Band
Vorbericht zur ersten Auflage
Es ist eine Lust, in den italienischen Biblioteken herumzuwühlen: man spürt auch in den geringern zuweilen unbekannte Handschriften auf. Ob ich an dieser, von welcher ich hier die getreue Übersetzung liefre, einen guten oder schlechten Fund getan habe, mag jeder Leser für sich bestimmen. Ich entdeckte sie bei Cajeta in einer verfallnen Villa, die auf einer reizenden Anhöhe den zaubrischen Meerbusen beherrscht, unter alten Büchern und Papieren, als ich mit einem jungen Römer, während er die Verlassenschaft seines Oheims in Besitz nahm, einen glücklichen Herbst dort zubrachte.
Sollte verschiednen, wegen Ferne des Landes und der Zeit, einiges dunkel oder zu gelehrt vorkommen, so können sie solches bequem überschlagen und sich bloss an den Faden der begebenheiten halten; in der natur selbst müssen die Weisesten manches so vorbeigehn.
Vielleicht findet mein Freund noch anderswo das übrige der geschichte; aus Familiennachrichten scheint hier Fiordimona, die man darin kennenlernen wird, ihre Tage beschlossen zu haben.
Der Verfasser setzt seiner Schrift folgende Fabel vor, um sinnlich zu machen, dass auch das Nützlichste unschuldigerweise schädlich sein kann: 'Ein wächserner Hausgötze, den man ausser acht gelassen hatte, stand neben einem Feuer, worin edle campanische Gefässe gehärtet wurden, und fing an zu schmelzen.' Er beklagte sich bitterlich bei dem Elemente. 'Sieh,' sprach er, 'wie grausam du gegen mich verfährst! Jenen gibst du Dauer, und mich zerstörst du!' Das Feuer aber antwortete: 'Beklage dich vielmehr über deine natur; denn ich, was mich betrifft, bin überall Feuer.'
Geschrieben im Dezember 1785.
Bei der neuen Auflage dieses Werks ist zu erinnern, dass es 1785 fertig war. Einige Jahre nach Erscheinung desselben haben sich begebenheiten zugetragen, die der Herausgeber, so plötzlich, nicht ahnden konnte. Man betrachte also manches nicht gegen ihn aus dem verrückten Gesichtspunkte. Auch hat er Gedanken, darin zerstreut, in spätern berühmten Schriften angetroffen; einen und den andern, seiner Meinung nach, zu weit getrieben.
Er will sich hiermit nur von dem vielleicht sonst künftigen Vorwurfe befreien, dass er sie daraus genommen habe; und weiss wohl, dass mehrere über gleiche Gegenstände ähnlich und gleich empfinden und urteilen können.
Eine Menge Druckfehler, die ein Nachdrucker hässlich vermehrte, sind ausgemerzt und einige Stellen ergänzt und berichtigt worden.
Und nun, Ardinghello, überlass ich dich deinem Schicksal. Unter welschem Himmel erzeugt und in teutschem Wind und Wetter aufgewachsen, magst du darin bestehen oder vergehen.
Erster teil
Wir fuhren an einem türkischen Schiffe vorbei, sie brannten ihre Kanonen los: die Gondel wankte, worin ich aufgerichtet stand; ich verlor das Gleichgewicht und stürzte in die See, verwickelte mich in meinen Mantel, arbeitete vergebens und sank unter.
Als ich wieder zu mir gekommen war, befand ich mich bei einem jungen Menschen, welcher mich gerettet hatte; seine Kleider lagen von Nässe an, und aus den Haaren troff das wasser. "Wir haben uns nur ein wenig abgekühlt!" sprach er freundlich mir Mut ein; ich drückte ihm die hände.
Das fest war für uns verdorben. Meine vorigen Begleiter eilten nun von dannen. Wir liessen den Bucentoro zwischen tausend Fahrzeugen, unter dem Donner des Geschützes von allen Schiffen aus den Häfen, in die offne See stechen und den Dogen sich mit dem Meere vermählen; und er brachte mich mit seinem Führer nach meiner wohnung.
Hier schied er von mir, ohne dass er mir weder sein Quartier noch seinen Namen sagen wollte; bloss aus der Mundart bemerkte ich, dass er ein Fremder war; jedoch versprach er, mich bald zu besuchen. Wir umarmten uns, und mir wallte das Herz, es regte sich eine Glut darinnen. Seine Jugend stand eben in schöner Blüte, um Mund und Kinn flog stark der liebliche Bart an; seine frischen Lippen bezauberten im Reden, und die Augen sprühten Licht und Feuer; gross und wohlgebildet am ganzen Körper, mit einer kühnen Wildheit, erschien er mir ein höheres Wesen.
Sein Bild wich den ganzen Tag nicht aus meiner Seele; ich konnte weder essen noch trinken und vor Ungeduld nicht bleiben.
Abends war Gondelrennen, das auf der See, was Wettlauf auf dem land; wodurch unsre Leute zu mutigen Schiffern sich bilden: ein Spiel, wo Stärke, Gewandteit und Führung des Ruders den Preis davonträgt und welchem nur ein Pindar fehlt, es wie die olympischen zu verherrlichen. Der ganze Grosse Kanal schäumte und war Getümmel von schönem Leben; die Fenster der Paläste prangten mit ihren Tapeten, und die untergehende Sonne glänzte daraus wider in unzählbaren frohlockenden Gestalten.
Ich fuhr an den Markusplatz und ging darauf in Gedanken herum, bis die Nacht einsank und ihre Kühle verbreitete; die Erleuchtung der Buden mit den Kostbarkeiten der Messe gab eine neue Augenweide. Ich blickte in verschiedene Weinschenken unter den Hallen; in einer dünkte mich, den jungen Mann gesehen zu haben, der mich so grossmütig der Gefahr entzog. Ich kehrte sogleich um und ging in meiner Maske hinein.
Es war der Versammlungsort der Künstler, und ich hatte recht gesehen. Sie schienen im Streite zu sein. Paul von Verona führte das Wort und sagte:
"Wer über ein Kunstwerk am richtigsten urteilen kann? Ich glaube, wer die natur am besten kennt, die vorgestellt ist, und die Schranken der Kunst weiss. Ich verachte die Elenden, die von einem mann von Geist und