denn die nun wegen der goldnen Punkte abschaffen? Der Mensch behält alles so leicht an den Zahlen, er zählt sich so gern etwas an den Fingern ab – Mit den zehn Geboten war man nun einmal so schön eingerichtet – man durfte nur sagen, du musst nicht wider das siebente, wider das sechste, wider das achte Gebot, sündigen, und jedermann verstand einen gleich – die neue Moral ist zu weitläuftig, Herr! für uns gemeines Volk! Wir müssen etwas Kurzes und Bündiges haben, das wir auf den Fingern abzählen können, und das uns immer zu rechter Zeit wieder einfällt, wenn wirs brauchen. – Wer die fünf Species rechnen kann, der hat so viel rechnen gelernt, als er fürs Haus braucht, und wer die fünf Hauptstücke von Luters Katechismus im kopf und im Herzen hat, der hat auch so viel Christentum und Moral gelernt, als er fürs Haus braucht – Was die drei Glaubensartikel anbetrift, so ist mir der von Gott den Vater immer der erbaulichste gewesen, der mich erschaffen hat, und noch erhält, der mir Vernunft, Augen, Ohren, und alle Sinne gegeben hat, und der ein Schöpfer himmels und der Erden ist – die andern beiden Glaubensartikel lasse ich aber auch in ihren Würden, ob ich sie gleich nicht so ganz verstehe, wie den ersten.
Hier hatte nun Herr Knapp eine Saite auf Hartknopfs Seele berührt, die sogleich einen hellen und sanften Ton von sich gab, welcher den, der ihn hörte, auf eine Weile in angenehme Schwärmereien einwiegte; bis auf einmal seine trockne Laune wieder da war, die den horchenden Träumer aus seinem Schlummer weckte, und ihn wieder auf den gegenwärtigen Lebensfleck zurückbrachte.
Was die Glaubensartikel anbetrift, mein lieber Vetter – sagte Hartknopf – was die anbetrift, so scheint er mir darin auf einem recht guten Wege zu sein, dass er den von Gott dem Vater für den erbaulichsten hält, und die andern beiden doch auch in ihren Würden lässt. – Lieber Vetter! der Vater wäre nicht Vater, wenn der Sohn nicht wäre – der Vater muss durch den Sohn erkannt werden, wie der Gedanke durch das Wort – Das Wort ist das Kleid, das den Gedanken umhüllet – aber ohne das Wort wäre der Gedanke nichts – das Wort ist allmächtig – es war im Anfange, und war bei Gott, und Gott war das Wort, und durch das Wort ist alles gemacht, was gemacht ist – Lieber Vetter, unser ganzes Leben und Sein drängt sich in ein grosses Wort zusammen, aber ich kann es nicht buchstabieren – diess Wort hat den Himmel gewölbet, es hat aus der dunkeln Mitternacht die Morgensterne hervorgerufen – Es gehet aus vom Vater, Sohn, und Geist, so wie der Geist vom Vater und Sohn, und der Sohn vom Vater allein ausgehet – Viere sind, die da zeugen im Himmel: der Vater, der Sohn, der Geist, und das Wort, und diese viere sind eins – Das Wort aber ist Fleisch geworden, und hat unter uns gewohnet, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, als eine Herrlichkeit des eingebohrnen Sohnes Gottes, und – Vetter, wir können sie noch alle Tage sehen, und dürfen sie nicht weit suchen. – Die Weisheit stehet auf den Gassen und spricht: kommet her zu mir, und lernet von mir; ich will euch Worte des Lebens sagen! Die Worte des Lebens aber tönen sanft und voll, und wer sie einmal gehört und sein Ohr daran gewöhnet hat, dem tönen sie sein ganzes Leben hindurch in einem fort, und sind der harmonische Takt zu allem, was er denkt, und spricht, und tut. – – Wer auf diesen Takt horcht, dessen Blut fliesst leicht in seinen Adern, seine Seel' ist immer heiter, sein Auge beständig offen für den Lichtstrom, der sich aus Gottes Schöpfung hinein ergiesst; sein Schlummer ist sanft, sein Erwachen froh – sein Tod wie erwünschter Schlaf in der schwülen Mittagshitze – Vetter, wir sind ist das höchste, was wir sagen können – die Welt um uns her ist unendlich gross, und uns ist doch hier so wohl zwischen seinen vier Pfählen – nun lass' er uns auch eine Pfeiffe Toback stopfen, und hört er nicht, sein Junge schreit!
Hartknopf hatte gleichsam den ersten Buchstaben von dem grossen Worte gesagt, und glaubte, sein Vetter würde vielleicht mit dem zweiten Buchstaben einfallen – weil er aber diess nicht tat, so lenkte er bald wieder ein, und sagte: lass er uns doch eine Pfeiffe Toback stopfen, und: hört er nicht wie sein Junge schreit?
Der Junge schrie aber erbärmlich, weil ihn einer von den barfüssigen philantropinischen Buben, der aber schon ein Ordensband trug, bei den Haaren herumzausste. Er hatte diesen Burschen mit seinem Ordensbande ausgehöhnet, und der veestand keinen Spass, sondern fing an von seinem gymnastischen Unterricht jetzt die praktische Anwendung zu machen, und baxte den kleinen zehnjährigen Knapp zur Erde nieder, welches ihm nicht schwer fiel, da er selbst schon ein grosser Tölpel von sechzehn Jahren war.
Vater Knapp lief hinaus, und rettete seinen Sohn aus den Fausten des grossen Hagebuckschen Zöglinges, den er mit einigen fühlbaren Verweisen entliess, und mit seinem zerzaussten und zerschlagnen Jungen zu seinem Vetter Hartknopf wieder in die stube trat. – Da haben wir nun die Früchte, sagte er; so muss mein armer Junge es oft entgelten, wenn ich mich über die Albernheiten aufhalte, und ihn nach meiner