auf das Auswendiglernen und die Vokabeln; wenn dieser seinen undankbaren Zeitgenossen fluchte, dass sie ihn nicht zum allgemeinen Weltreformator mit einem Gehalt ernennen wollten, so seufzte er über das undankbare Gellenhausen, welches doch, wie ich vorher bemerkt habe, was Viktualien anbetraf, sich nichts weniger, als undankbar bewiess; wenn Hagebuck mit dem höchsten Patos eine Rede über Menschenglück und Menschenwohlfahrt hielt, und seine hände fochten, und alle seine Muskeln angestrengt waren; so sah Küster wie das Amen zu der Predigt dazu aus – und er war auch wirklich das Ja und Amen von allen Reden, die Hagebuck je in seiner Gegenwart gehalten hat.
Man wundre sich nicht, dass dieser Küster, da er noch wirklicher Küster war, sich gegen seinen Pastor so übermütig betrug – das Herz des Pastors war ein noch stolzeres und verzagteres Ding, als das Herz seines Küsters – aber Hagebucks Genius war stärker als Küsters Genius – und sein Uebermut verwandelte sich gegen diesen in Ehrfurcht und anhänglichkeit, welche immer bei dem Schwächern gegen den Stärkern statt findet, wenn der Stärkere einmal sein Herr geworden ist.
Diese beiden Leute wurden nun, wie gesagt, im Triumph in Hartknopfs Vaterstadt eingehohlt, und um Hartknopfen bekümmerte sich keine Seele, als ein alter Pudel, der seinem Herrn Vetter dem Gastwirt Knapp im Paradiese gehörte, und auch vor Alter schon auf einem Auge blind, und auf zwei Füssen lahm war. – Dieser sprang auf, und liebkosete Hartknopfen, da er vor der tür des Gastofes stand, und das uralte Schild besahe, wo noch der Cherubim mit dem flammenden Schwerdte stand, und unsre beiden ersten Eltern nakt und bloss dem schönen Paradiese den rücken zukehrten. Hier stand Hartknopf – denn die beiden Weltbürger mit denen er gewandert war, hatten nicht zu ihm gesagt: bleibe bei uns, denn es will Mittag werden, und dich wird wohl hungern; sondern sie sagten: behüt' ihn Gott, mein Freund! da sie von ihm Abschied nahmen, und gaben ihm nicht die Hand vor den Leuten, sondern nickten ihm nur ein wenig mit dem kopf, und Hagebuck nickte ihm bloss mit seinen schwarzen Augenbraunen zu. Und Hartknopf kehrte nun nach einer langen mühseligen Wanderschaft in seinem Geburtsorte im Paradiese ein. Hier fand er doch Freunde und Bekannte wieder – erstlich den alten lahmen Pudel, und dann seinen Herrn Vetter Knapp, die ihn beide herzlich bewillkommten.
Der Herr Vetter Knapp war ein Mann von kurzen Antworten, und seine Rede war im eigentlichen verstand Ja! Ja! Nein! Nein! – wenn man ihn aber auf den rechten Punkt brachte, wo er zu haus war, und wo ihm eine Sache am Herzen lag, so sprach er mit einem Fluss der Rede, wo er kein Aufhören finden konnte. Also:
H. Lieber Herr Vetter Knapp kennt er mich noch?
K. Ja! Ja! (indem er ihm die Hand-schüttelte.)
H. Lebt seine Frau noch?
K. Nein! Nein! (indem er sich die Augen wischte.).
H. Kann ich die Nacht hier herbergen?
K. Ja! Ja! (indem er ihn in seine beste stube führte.)
Knapp besorgte zu essen und zu trinken für seinen Vetter, und beide setzten sich nun zu Tisch, und sprachen in zwei Stunden kein Wort miteinander, denn Hartknopf kannte seinen Vetter noch voll Alters her. – Endlich fing Hartknopf an:
Lieber Vetter, wer sind denn eigentlich die beiden, die mich da unterweges begleitet haben, der Hagebuck und der Küster, und was machen diese Leute hier?
K. Ja! Ja! mein Freund, da liesse sich viel von reden – aber er weiss, das ist nun einmal meine Sache nicht – es tut einem in der Seele weh, wenn man der Narretei und dem Unwesen so zusieht! – Erst hat sich der Magistrat in dem grossen spitzen Turm verbauet – was die Feldschlangen auf dem Walle sollen, das weiss der liebe Gott – und nun lässt er da ein paar Landläufer herüber kommen, die uns allen den Kopf toll machen – sehe er einmal meine beiden Nachbarsjungen: – die Jungen sehen aus, wie die Narren, mit ihrem rochen Ordensbände, das sie um ihre schäbichten Kamisöhler hängen haben – der eine hat einmal einen gefangnen Vogel wieder fliegen lassen, und der andre hat für einen Hund gebeten, der Prügel haben sollte, dafür haben sie nun beide den Orden gekriegt – alles wohl gut – aber die Jungen wissen nun einmal, was für ein Aufhebens davon gemacht wird, wenn sie so etwas tun; da werden ihnen nichts als kleine Geschichten erzählt, wo dergleichen edle Handlungen zu Dutzenden darin vorkommen; anstatt dass sie nun denken sollten, das müsste schon so sein, das verstünde sich schon von selbst, lernen sie etwas ganz besonderes daraus machen, und tun vor ihren Eltern und erwachsenen Leuten gross damit – Lieber Vetter, was soll das? – Die alten Tafeln, worauf die zehn Gebote standen, haben sie in unsrer Kirche abgenommen, und dafür eine Tafel mit Punkten hingehängt – sehe er nur, das heisst eine Meritentafel, da stehen die Nahmen der Jungen oben angeschrieben, und wer die meisten Meriten hat, der hat auch die meisten goldnen Punkte, nun sag' er mir, was kann so ein Junge wohl für Meriten haben? Wenn wir von Moral reden wollen, so sind doch die zehn Gebote auch eine recht kurze und nachdrückliche Moral – warum sollen wir