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wurden nun Spatziergänge, Wettrennen, gymnastische Uebungen angestelltWie stauntest du Gellenhausen, da du zuerst deine hoffnungsvolle Jugend, unter den Augen ihrer vier Lehrer sich öffentlich balgen sahest! – da du sie zum erstenmal mit Knüppeln vor den Toren exerzieren, und mit klingendem Spiel in deine Tore einziehen sahest! – Da du zuerst den Knaben mit dem Ordensbande auf der Brust hinter den Schweinen hergehen, und sie nun menschenfreundlich und liebevoll von ihm behandelt sahest! –

Aber wie stauntest du, mein Hartknopf, da du mit deinen beiden gefährten in die Tore deiner Geburtsstadt eingingest, und die ganze nunmehr philantropinisch gewordne Jugend deiner Vaterstadt, angeführt von ihren andern beiden Lehrern, dem Schneider und Friseur, in bester Ordnung dir entgegen kam, und deine beiden besoffnen gefährten, mit einem lautgellenden Freudengeschrei bewillkommte; und wie deine beiden gefährten umhalset und geliebkoset, und im Triumph durch die Strassen der Stadt, bis nach ihrer wohnung in dem neuen Erziehungshause geführt wurden; das eines der ansehnlichsten Gebäude in der Stadt war.

Der Triumph, womit Hagebuck und Küster eingehohlt wurden, bezog sich auf eine Wette, die sie angestellt hatten, dass sie in Zeit von vier und zwanzig Stunden sieben Meilen zu fuss hin und her gehen wollten. – Diese Wette hatten sie nun gewonnen, indem sie von dem Orte, der sieben Meilen weit von Gellenhausen lag, Brief und Siegel mitbrachten, dass sie da gewesen waren. – Solche Wetten wurden öfter angestellt, um dadurch einen edlen Wetteifer zu befördernUnd Hagebuck und Küster glaubten auch, schon des Beispiels wegen, solche Touren machen zu müssen, damit es nicht schiene, als ob sie selbst ihren Körper nicht abzuhärten, und das nicht auszuüben suchten, was sie doch andern predigten. – Nun schien aber vorzüglich das zu Fuss reisen, so etwas philantropinisches Weltbürgermässiges zu sein, dass sie nicht mit Unrecht glaubten, es verdiene wohl durch ihr eigenes Beispiel den Menschen angepriesen zu werden. – Hagebuck hatte von seiner Wanderschaft als Schuhknecht her noch eine grosse Geläufigkeit in seinen Füssen, ob er gleich mit den Knieen etwas einwärts ging, dass er noch ziemlich munter auf den Beinen war, da Küster schon anfing ziemlich schachmatt zu werdenendlich aber da es gegen Abend ging, konnten sie beide nicht mehr fortund hatten doch noch beinahe fünf Meilen vor sich; war es nun diesen Leuten, die es sich um das Beste der Menschheit so sauer werden liessen, wohl zu verdenken, wenn sie, da sie sich mit ein wenig Wein erquicken wollten, des Guten zuviel taten, und nun die übrigen fünf Meilen in einem weg auf die lustigste Art hintaumelten, die sie sonst auf die langweiligste Art hätten gehen müssen.

Und hatten sie gleich im betrunknen Mute den armen Hartknopf in einen Graben geworfen, so hatten sie ihm doch nachher brüderlich wieder unter die arme gegriffenund hatten sie ihm gleich für sein Mitleid gegen den Gefallnen mit Schlägen gelohnt; so hatten sie ihm doch auch wieder verziehen, da er ihnen doppelt und dreifach vergalt, was ihre blinde Nachsucht an ihm ausübte. –

Und Hagebuckdenn man muss doch auch dem Teufel Gerechtigkeit wiederfahren lassenwar, seine Heuchelei und Verstellung, und seine menschenfeindliche Gemütsart abgerechnet, die aus seinen schwarzen Augenbraunen hervorleuchtete, ein Mensch, der niemanden leicht etwas zu leide tat; ausgenommen wenn es ihm Nutzen brachte, oder er sich etwa einmal einen kleinen Spass machen wollte, wie mit Hartknopfen, den er in den Graben stiess! –

Der einzelne Mensch war ihm, wie nichtsden unversehens in einen Graben zu stossen, und in den Arm zu kneifen, indem er sich stellte, als ob er ihn brüderlich unterfasste, daraus machte er sich nichtsaber die ganze Menschheit konnte er liebevoll umfassengegen die schlug sein Herz, wie er sagte, mit mächtigen Schlägen; für die opferte er, indem er in vier und zwanzig Stunden sieben Meilen hin und zurück ging, seine Kräfte auf.

Demohngeachtet aber fehlte es ihm nicht an einem wirklich unternehmenden geist; und er pflegte sich deswegen auch oft mit Lutern, und seinen Kollegen Küster mit Melanchton zu vergleichen; und als er auf der Reise nach Gellenhausen begriffen war, so dachte er sich alle die Schwierigkeiten, die dort seinem grossen Reformationsgeschäfte von der Geistlichkeit des Orts würden entgegengesetzt werden, und konnte sich nicht entalten, seinem grossen Vorgänger Luter die merkwürdigen Worte nachzusprechen: wenn auch in Gellenhausen so viel Teufel als Ziegel auf den Dächern wären, so wolle er doch den Sieg behalten; er verstand aber unter den kleinen Teufeln, die Menge der Vorurteile, die er nun in Gellenhausen besiegen, und was er sonst noch alles ausrichten würde, so dass sein Angedenken noch nach Jahrhunderten nicht verloschen sein sollte.

Küster war eine gute schwache Seele, der allem Beifall gab, und alles für Orakelsprüche hielt, was sein Herr und Meister, Hagebuck nur über seine weisen Lippen strömen liess. – Wenn Hagebuck diktirte, so fasste Küsters Feder seine Worte, wie die Worte eines Heiligen auf, und brachte sie mit zitternder Hand zu Papier, dass ja nicht eine Silbe davon verloren gingdenn brach er oft in laute, freudige Ausrufungen über die hohe Weissheit aus, die in Hagebucks Worten lag, welche er das Glück hatte niederzuschreiben

Er war Hagebucks getreues Echowenn dieser diktirte, so schrieb er, und las ihm seine Worte wieder vor; wann dieser auf den Stock und die Rute schimpfte, so schalt er