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, der eine zur Rechten Nahmens Küster, wirklich ein Küster, und der borstige zur Linken Nahmens Hagebuck, ein ehrsamer Schuster gewesen, der eine höhere Flamme in sich lodern fühlte, und glaubte, dass er gar wohl fähig sei, in den Köpfen der Menschen ein Licht anzuzänden, deren Füssen er jetzt Schuhe anmessen musste.

Denn er hatte seines grossen Handwerksgenossen Jakob Böhmens Schriften gelesen, dadurch war zuerst der Funke in ihm angefacht wordendenn es war ihm einmal, da er gerade den Pechdrat zog, als ob ihm eine stimme vom Himmel zuriefe: Hagebuck! und er sagte: Herr, was ist es? – Da rief ihm die stimme weiter zu: Lass deinen Pechdrat liegen, und wirf deinen Pfriemen von dir, und gehe hin in ein Land, dass ich dir zeigen will!

Er nahm drauf plötzlich von seinem Meister Abschied, welcher seinen verstörten Minen nach zu urteilen, glaubte, er sei toll im kopf geworden, ihm seinen Lohn auszahlte, und froh war, dass er ihm loss wurdedenn er war manchmal des Nachts bei Mondschein auf dem dach herumgeklettert, und hätte das Haue beinahe wegen eines Spuckes in üblen Ruf gebracht; diess war aber ein Fehler, der ihm noch aus seiner Kindheit anklebte; denn er war einer der unheilbarsten Nachtwandler, die es je gegeben hat, und auch einer der geschicktesten: so dass er, wenn man ihn nicht bei seinem Taufnahmen rief, auf einer Dachspitze tanzen konnte. –

Hans Hagebuck schnürte also sein Bündel, steckte seinen Jakob Böhme in die tasche, und wanderte auf Dessau zu. – Hier verkannte man seine Talente nicht, und er fand gelegenheit, den Unterricht des Philantropins zu geniessen, und studirte Basedows Elementarwerk in der deutschen Uebersetzung, dass ihm der Kopf rauchte; der Erfolg davon war, dass er binnen einem Jahre, sich schon stark genug fühlte wieder ein Lehrer der Menschen zu werden, und in dem Städtchen Gellenhausen, wohin er berufen wurde, ein Philantropin nach dem Muster des Dessauischen zu errichten.

Sein Mitgehülfe war, wie schon gesagt, ein Küster, welcher zugleich Küster hiessEr war aber wegen seines tumultuarischen Charakters seines Dienstes entsetzt wordendenn er wollte sich nicht in die gewöhnliche Ordnung der Dinge fügen, seinem Pastor nachzutreten, sondern er wollte ihm an der Seite gehen, und den Pastor, wie seinen Freund und Kollegen betrachtener meinte, sie wollten zusammen in brüderlicher Eintracht auf ihr Zeitalter wirken, und dem alten Vorurteil entgegen kämpfen. – Der Herr Pastor verstund aber keinen Spass, und verbat sich dergleichen Familiaritäten von seinem Untergebnen; und da der Küster einmal andre Lieder in der Kirche anschlug, als der Pastor ihm gesagt hatte, so machte dieser einen Bericht aus Konsistorium, worin er diese nebst mehrern gröblichen Vergehungen gegen die Subordination anzeigteund wovon die Folge war, dass dieser Küster, welcher zugleich Küster hiess, seines Dienstes entsetzt wurdeer hatte die Basedowschen Schriften gelesen, und die Weltreformirsucht spückte ihm auch im kopfer reiste also geradesweges nach Dessau, und machte Bekanntschaft mit dem Schuknecht Hagebuck, der so eben nach Gellenhausen abreisen wollteihre Seelen begegneten sich schon in ihren Blicken; sie umarmten sich schon, da sie kaum einander nennen konntenund ihr Freundschaftsbündniss war auf ewig geschlossen; um es aber noch fester und feierlicher zu machen, liessen sie sich im Gastofe zum goldnen Scepter, eine Bouteille Pontak geben, und tranken Brüderschaftnachdem sie vorher aus dem Basedowischen Liederbuche das Lied über die Freundschaft gesungen hatten.

Und nun ging es denn geradesweges auf Gellenhausen zuDa war nun viel aufzuräumenda herrschte noch recht der alte Schlendrian im Schulwesenda regierte noch der Stock und die Ruteda wurden noch Vokabeln auswendig gelernt – – Aber wie bald war das alles ganz anders! und Stock und Rute wie weggeblasen!

Bald wurde eine Meritentafel in der Kirche mit dem hohen Turme aufgehängt, und jeder Junge in Gellenhausen, mochte er auch sein, wer er wollte, bekam für jede edle Tat, die er getan hatte, einen goldnen Punkt daraufund es kamen plötzlich so viel edle Taten zum Vorschein, dass ganz Gellenhausen darüber erstaunte. –

Wer erst eine gewisse Anzahl solcher goldnen Punkte hatte, der bekam ein Ordensband, und da galt, wie billig, kein Ansehen der person; mochte der Junge auch barfuss gehen, und die Schweine hüten, so bekam er ein Ordensband. –

Der Rektor des Städtchens nannte zwar die Hagebuck- und Küstersche Anstalt eine Klippschule, weil kein Latein darin gelehrt wurde, und schlug ein Schnippchen dazu, allein sein Beutel und seine Küche empfanden esdass diese neue Klippschule in Gellenhausen etwas mehr sagen wolleda flogen Braten und Weinflaschen, und Zuckerhüte den beiden Weltreformatoren ins Haus, als ob sie mit dem leidigen Drachen ein Bündniss gehabt hätten. –

Aber machten denn diese beiden allein die ganze Kosmopolitenbande aus? – nein, es gehörte noch ein Schneider und ein Friseur dazu, die sie unterweges aufgerafft hattender Friseur musste ihnen alle Morgen auf philantropinische Art ihr abgeschnittenes Haar im Nacken in runde Locken kräuseln, um der natur getreu zu bleiben, und dann erklärte er zugleich den kleinsten Kindern die Kupfer des Basedowischen Elementarwerksder Schneider flickte ihnen ihre Kleider mit seiner Nadel, und ihre Reden mit seinem Witz auser war zugleich ein grosser Kinderfreund, und lehrte Kinder von vier Jahren lesen, ohne, dass sie erst buchstabiren lernten.

Es