Direktionslinie nach Osten manche Abweichung machen, ehe er wieder in sein Gleis kam – dann schüttelte er den Staub von seinen Füssen über einer solchen Stadt, und freute sich, wenn er in irgend eine dürre sandigte Heide kam, wo keine Spur von Taschendurchsuchenden und Geheimnisseerforschenden Menschen zu sehen war, und er nun wieder freier atmen konnte.
Damit der Leser auch keinen Augenblick länger etwa den Gedanken hege, als habe sich Hartknopf von Westen gegen Osten hingebettelt – so muss ich versichern – denn ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass man diess auch nur von ihm denken könne – so muss ich den Leser versichern, dass Hartknopf sich lieber auf irgend einer Vestung oder in irgend einem Zuchtause würde von selbst angegeben haben, um zu karren oder zu raspeln, ehe er das getan hätte. – Auch brauchte er es nicht: denn er war seines Handwerks ein Grobschmidt und ein Priester, und konnte sich also mit seiner hände Arbeit sowohl, als vom Evangelium nähren, das er den Leuten gern verkündigte, die es hören wollten – aber von der Predigt des Evangeliums nährte er sich nicht, sondern vom Schmiedehammer; denn er dachte, umsonst habt ihrs empfangen, umsonst sollt ihr es auch wiedergeben. – Ein Arkanum für die Schwindsucht, welches er besass, will ich nicht einmal erwähnen; er besass ein noch weit grössres Arkanum, den Leib des Menschen durch die Seele zu heilen – wie oft hat er hiervon Gebrauch gemacht! er nährte sich aber eben so wenig davon als vom Evangelium, das er verkündigte – sondern der Schmiedehammer, den er mit seinem nervigten Arm wohl auf dem Ambos zu führen wusste, verschafte ihm Nahrung und Kleider; und wenn er dann mit dem Allernotwendigsten versehen war, so liess er eine Weile seinen Arm wieder ruhen, um seinen Lauf gegen Osten fortzusetzen, und seinen Weg, den er nahm, durch wohltätige Handlungen zu bezeichnen. Am heissen Mittage begegnete ihm dann die Sonne in ihrem Laufe, und schien, ihm, als ihrem grossen Nachahmer, Beifall zuzulächeln. Das geheimnis des Erdenlebens meines Hartknopfs ist mir heilig. Mit Ehrfurcht wage ich es, allmälig den Schleier wegzuziehen, der grosse, der Ewigkeit werte Taten vor dem Auge der Welt verhüllte, die dermaleinst im höchsten Glanze schimmern, und die Taten der Könige verdunkeln werden. –
Du hörest sein Säuseln wohl, aber du weissest nicht, von wannen er kommt, noch wohin er führet. – – Der Fromme geht seinen gang vor sich hin, so lange er hienieden wallet, ist in sich gekehrt, und merkt auf jeden seiner Schritte, die er tut – seine Blicke schweifen nicht umher auf den Töchtern des Landes – denn eine ist seine auserwählte Braut, die verlässt er und sie ihn in Ewigkeit nicht, sie reicht ihm noch ihre sanfte Hand im finstern Tal des Todes, und geleitet ihn in bessre Welten hinüber, wo kein Kosmopolit den müden Wandrer mehr in einen Graben stösst, und kein böser Geist mehr einen Stubben in Hartknopfs Gestalt verwandelt, um ihm von zwei Weltreformatoren eine Tracht Schläge zuzuziehen.
Wohin er eigentlich ginge? – fragten ihn also die beiden Weltreformatoren – eigentlich habe er sich kein festes Ziel gesetzt, gab er zur Antwort, aber er wolle mir ihnen in das nächste Städtchen gehen – und dort im Paradiese einkehren, wo der Gastwirt noch sein Herr Vetter sei –
Das Städtchen aber, auf welches sie nun zu gingen, hiess Gellenhausen, und war Andreas Hartknopfs Geburtsort – den er jetzt besuchte, weil er auf seiner Direktionslinie nach Osten lag – denn er kam aus dem äussersten Ende von Westphalen, und ging durch ganz Niedersachsen und Obersachsen immer auf das jetzige preussische Pohlen zu, und nun war er bis an Gellenhausen gekommen, ohne bis jetzt daran zu denken, dass er da gebohren war – bis er, noch den Abend vorher, ehe er an den breiten Graben kam, die hohe Turmspitze in der Ferne schimmern sah, welche die einzige in dem Städtchen war, und mit ihrer Pracht alle übrigen Häuser, die in einem Klümpchen zusammen gedrängt da lagen, verdunkelte und beschämte. –
Das Städtchen hatte sich auch in dem Turme ganz verbauet, und der Magistrat von Gellenhausen wäre beinahe darüber bei den höchsten Landesgerichten in Inquisition gekommen. – Das war aber nun einmal die Art dieses Städtchens, dass es schimmern wollte, von jeher – davon zeugten noch die Ueberreste eines alten Walles, worauf ein paar ungeheure Kanonen gepflanzt waren – und ein Prediger, der ein Buch geschrieben hatte unter dem Titel: die sich entknospende Frühlingsrose oder die Hoffnungen des Christen jenseit des Grabes, wo sie nicht eher ruhten, bis sie ihn in ihr Städtchen zogen, wo er auf dem Kirchhofe bei Mondschein Predigten hielt, und die Jünglinge und Mädchen des Ortes auf den Grabhügeln ihrer Väter um sich her versammelte, um ihnen die sich entknospende Frühlingsrose vorzupredigen.
Nun wird man sich auch leicht erklären können, wie sich in dem Städtchen eine Kosmopolitenbande einnisteln konnte – nachdem eine herumwandernde truppe Komödianten schon die Hälfte von dem Haab' und Gut der armen Einwohner mit sich hinweggenommen hatte.
Das Philantropin in Dessau existirte damals schon seit einigen Jahren, und hatte in den Köpfen der Deutschen einen Schwindel hervorgebracht, der sie damals noch in vollem Wirbel umherdrehte – und so wie bei der Teaterepoche, die sich nun auch allmälig ihrem Ende nähert, mancher ehrliche Handwerksmann sich mit in den Wirbel hineinziehen liess, und den Leisten mit dem tragischen Koturn verrauschte – so wären auch Hartknopfs beide Begleiter