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Alten Horaz sein Lieblingsdichter, weil er mit wohl abgemessnen, reizenden Silbenfall den rechten Takt des Lebens lehrtund sein Lieblinsgedicht unter den Neuern warWielands Musarion.

Hartknopf machte zwar selbst auch Verseallein er tat es nur, um irgend eine Pflicht zu erfüllen, wie Sokrates einst kurz vor seinem tod sich noch durch den Genius, der ihm immer zur Seite war, gedrungen fühlte, einige Aesopische Fabeln in Verse zu bringen.

Seine grösste Stärke aber bestand in der Deklamation; diese hatte er so in seiner Gewalt, dass er sich des Fremden, was er vorlass, gleichsam bemächtigte, und es sich zu eigen machte.

Es war ihm auch im grund nichts fremd, was irgend ein unverfälschtes Produkt des Geistes warsondern so wie die Strahlen der Sonne ein gemeinschaftliches Gut sind, dessen sich alle Sterblichen freuen, so schienen ihm auch die Strahlen des Geistes, sie mögen sich nun ausbreiten, wie und wo sie wollen, ein gemeinschaftliches Gut denkender und vernünftiger Wesen zu sein, dessen sie alle ohne Rückhalt froh werden sollenDieser Gedanke machte, dass Hartknopf auch nie einen Funken von Neid empfand, so oft er etwas las, was ihm Bewunderung und Erstaunen einflösste, indem er sich nicht zutrauere, dass er es selbst würde haben hervorbringen können.

Er nahm demohngeachtet an der Ehre des menschlichen Geistes teil, und vergass, wie ein achter Republikaner, sein eigenes Individuum, in der Vorstellung von der grossen Geisterrepublik, mit welcher verbunden er nur sich selber schätzte, und seiner eignen Existenz einen Wert beilegte.

Denn unter allen sogenannten philosophischen Systemen, war ihm das der Egoisten das abgeschmackteste von der Weltob er gleich als Knabe einigemal Anfälle von dieser subtilen Raserei gehabt hatteda es ihm einfiel, alle die Wesen ausser ihm, wären eigentlich nur Traumbilder, die in ihm da wären, und er wäre das einzige einsame Wesen in dieser weiten öden Welt; die denn, wie eine Schaumblase mit ihm aufgestiegen sei, und auch mit ihm wieder in ihr Nichts versinken würde.

Wie gesagt, er hatte nur als Knabe diese Anfälle, und da er ein Mann geworden war, dachte er wie ein Mann, und drückte seinem Nachbar freundschaftlich die Hand, und blickte seinem Freunde getrost ins Auge, ohne sie nur eine Minute lang für Traumbilder oder Wesen seiner Einbildungskraft zu halten.

Ich begreife auch kaum, wie man den Gedanken des eigentlichen Egoismus nur einen Augenblick lang, ohne sich der Raserei zu nähern, ertragen kann. – Es ist das allerfürchterlichste und schrecklichste; ohne hülfe, ohne Rettung bin ich mir selbst, als einem sich verzehrenden, sich selbst mit tausend Gefahren und dem Untergang drohenden Ungeheuer, überlassen. – Ich kann mir selbst nicht mehr in den Arm eines Freundes entfliehendenn der Arm des Freundes ist eine Täuschung meiner Sinne, ein mir verhasstes Selbstund dochwer rettet mich von den fürchterlichen Gedanken? – Doch kann ich in alle Ewigkeit von dem wirklichen Dasein irgend eines Wesens überzeugt werden, so wie ich es von meinem eignen binkeinen Augenblick lang kann ich das Ich eines Wesens ausser mir seinwie kann ich da wissen, ob diess Wesen auch ein Ich ist, ob es je den Gedanken Ich gehabt hat

Das waren die Anfälle von Egoismus in Hartknopfs KnabenalterSeit jenem feierlichen Tage aber, da er sich in die grosse Republik der Geister aufgenommen fühlte, verschwanden alle diese Zweifel, wie Nebel vor der SonneEs war ein Geist, der durch ihn, und den Emeritus, und Knapp auf die Menschen wirkte, eine reine Flamme, die den Erdkreis erleuchtet, aber verschieden in tausend Farben und Gestalten der Dinge, die unter ihrem wohltätigen ununterbrochnen Einfluss erst Bildung und Form erhalten

Diesen seinen eignen Geist fand Hartknopf im Emeritus, und dem Gastwirt Knapp, nicht aber in Hagebuck und Küster wiederdiese reine Flamme, die ihn selbst durchglühte, grüsste er in Wielands Musarion, in Homers Gesängen, in Horazens Briefen, in Rousseau's Emil, in Mendelsohns Phädon, und würde sie in Lessings Natan den Weisen gegrüsst haben, hätte er ihn je gelesen. – In Youngs Nachtgedanken hatte er sie nicht gefunden; auch würde er sie nicht in dem buch über Irrtümer und Wahrheit gefunden haben, wenn es ihm je zu gesicht gekommen wäre.

Diess Wiederfinden desselben Geistes, der ihn durchwehte, in andern, war der erhabne Egoismus zu welchem er sich emporschwang, der die Seele seiner Freundschaft war, und ihm zugleich seine Unsterblichkeit sichern half: denn er fühlte, dass er sich nie selbst verlieren konnteEr fand sich wieder, wohin er blickte.

Meine Zusammenkunft mit Hartknopfen in

einem Kartäuserkloster.

Das war das letztemal, dass ich ihn in Erfurt sah, und hier war es, wo er mir das letzte memento mori in die Seele rief, das seitdem nie wieder durch irgend einen Freudenschall daraus verdrängt ist.

Ob es denn etwa Kartäuser in der Welt geben mag, damit wir, weil doch alles vollständig sein soll, auch ein lebendiges Bild des Todes vor uns haben, woran wir uns spiegeln sollen? – denn ein solches Bild ist ein Kartäusermönch, so wie sein Kloster das klare Bild des Grabes.

Es war am Festtage des heiligen Bruno, da wir uns von ungefähr und doch auch nicht von ungefähr, so wie die Nacht in den grünen Gängen nach den drei Brunnen, hier zusammentrafen. – Es war des Nachmittagsdie Sonne schien