1786_Moritz_073_25.txt

Mund schon lange im grab verschlossen ist – o, wie engst du den Geist ein, der sich dir hingiebt; der den zusammengedrängten Lichtstrahl schwächt, damit er sich weit umher verbreite!

Der Buchstabe tödtet, aber der Geist macht lebendig.

Hartknopf nahm seine Flöte aus der tasche, und begleitete das herrliche Recitativ seiner Lehren, mit angemessnen Akkordener übersetzte, indem er phantasierte, die Sprache des Verstandes in die Sprache der Empfindungen: denn dazu diente ihm

die Musik.

Oft, wenn er den Vordersatz gesprochen hatte, so bliess er den Nachsatz mit seiner Flöte dazu.

Er atmete die Gedanken, so wie er sie in die Töne der Flöte hauchte, aus dem verstand ins Herz hinein.

Bewafnetes Auge, bewafneter Mund, bewafnete Hand, pflegte er wohl zu sagen:

Der Tubus, die Flöte, und der Hammer.

Auf dem Klavier hat er sich manche verworrne idee herausgespielt, und ins klare gebracht

Sein Studium aber ging darauf, die Musik zur eigentlichen Sprache der Empfindungen zu machen, wozu sich die artikulirten Töne nicht so wohl schikken, als die unartikulirten, die das Ganze nicht erst zerstücken, um es dann wieder zusammenzufassen, sondern die es gleich, so wie es ist, ganz und in seiner Fülle lassen.

Er verstand die Kunst, durch die Musik auf die Leidenschaften zu wirkendarum trug er immer seine Flöte bei sich in der tascheund durch unablässige Uebung hatte er es so weit darin gebracht, dass er oft durch ein paar Griffe, die er, wie von ungefähr tat, aufgebrachte Gemüter besänftigen, Bekümmerte aufrichten, und den Verzagten neue Hoffnung einflössen konnte.

Es war weiter nichts künstliches bei der Sache, als dass der gewählte Ton grade eingreifen musste, wo er sollte. – Und denn war es oft eine sehr simple Kadanz, oder Tonfall, welche die wunderbare wirkung hervorbrachten.

Ein jeder wird einigemale wenigstens in seinem Leben die Bemerkung an sich gemacht haben, dass irgend ein sonst ganz unbedeutender Ton, den einer etwa in der Ferne hört, bei einer gewissen Stimmung der Seele, einen ganz wunderbaren Effekt auf die Seele tut; es ist, als ob auf einmal tausend Erinnerungen, tausend dunkle Vorstellungen mit diesem Tone erwachten, die das Herz in eine unbeschreibliche Wehmut versezzen. –

Da hatte nun Hartknopf der natur auf die Spur zu kommen, und das in Kunst zu verwandeln gesucht, was sich sonst nur zuweilen wie durch Zufall ereignet.

Freilich musste er den schon etwas kennen, auf welchen seine Töne dergleichen wirkung hervorbringen solltenaber er lernte auch wieder durch die wirkung, welche diese Töne machten, allmälig das Herz dessen immer besser kennen, mit dem er umging.

Das höchste in der Musik liegt in der Kenntniss ihrer einfachsten Elemente.

Hartknopf wäre ein grosser Musikus gewesen, wenn er gleich nie hätte die Flöte blasen, und das Klavier spielen lernen.

Er verband aber mit Fleiss ein Blaseninstrument, mit einem Seiteninstrumente. – Das Blaseninstrument ist ganz Ausdruck der Empfindung, das Seiteninstrument schon zum teil den Ideen geweihtdurch das Seiteninstrument entwickelte sich Hartknopf, was er durch Blaseninstrumente im Ganzen empfunden hatte.

Die Blaseninstrumente sind dem Herzen näher. –

Die Violine ahmet durch die geschleiften Töne die Blaseninstrumente nach, und macht gleichsam den Uebergang zwischen ihnen, und den mit immer wiederhohlten Unterbrechungen vibrirenden Seiteninstrumenten.

Dass durch gleiche Taktteile Ernst und Würdedurch ungleiche lebhafte Empfindungendurch drei oder vier kurze Töne zwischen zwei längern, Frölichkeitdurch einen oder zwei kurze Töne vor einem langen Wildheit, Ungestümdurch das Schwerfällige ausgedruckt wirdwie geht das zu? Worin liegt hier die Aehnlichkeit zwischen den Zeichen und der bezeichneten Sache?

Wer das herausbringt, der ist im stand ein Alphabet der Empfindungssprache zu verfertigen, woraus sich tausend herrliche Werke zusammen setzen lassen. – Ist nicht die Musik der Sterblichen eine Kinderklapper, sobald sie sich nicht an die grosse natur hält, sobald sie die nicht nachahmt?

Musik und Astronomie war Hartknopfen nahe miteinander verknüpftEr lehrte mich in jener Nacht einen teil der Astronomie bloss durch die unnachahmlichen Töne seiner Flötedie eines Kenners Ohren gewiss würden beleidigt haben, weil sie sogar einfach waren.

eigentlich geschahe diess aber nur, well er das Klavier nicht zur Hand hatte, durch das lehrte er sonst die meisten Wissenschaften und vorzüglich auch Lebensweissheit und Moral. Noch ein sehr merkwürdiger Gegenstand seiner Beobachtung, in Ansehung der Musik, waren die verschiedenen Veränderungen des Pulsschlages bei den verschiedenen Veränderungen der Leidenschaften.

Mit der Musik verband er aber auch

die Dichtkunst

im hohen Gradeund nahm seine Zuflucht oft zu ihr, wenn er kranke Seelen heilte. O dann flossen die Worte im metrischen Silbenfall, wie Balsam von seinen Lippen

Nicht, dass er so ein Wunderdichter gewesen wäre, der gleich aus dem Stegereif auf jeden Vorfall in Versen etwas Vortreffliches hätte sagen könnensondern alles, was er von andern vortrefflich gesagtes auswendig wusste, hatte er sich in seiner Seele so gemerkt, dass er es immer zur rechten Zeit in Bereitschaft hatte. –

Und so wie fleissigen Bibellesern manchmal ein auswendig gelernter Spruch, gerade zur rechten Zeit einfällt, wo er ihnen, mitten in der Verzweiflung Trost und neuen Mut einflösstso brauchte Hartknopf auch die Dichtkunst, wozu sie eigentlich da ist, zur Veredlung und Erhebung des Geistes, zur Beruhigung der Leidenschaftensie diente ihm oft nach vielen misslungenen Versuchen zu einer heilsamen Seelenarzenei, wo alles andre fehlschlug. –

Darum war auch unter den