Sauer gesehen hatte, sass ich an einem Sontagabend einmal oben am Steigerwalde, und las in Klopstocks Messiade – Der Steiger ist ein Wald nahe bei Erfurt, auf einer Anhöhe, von welcher man die ganze Stadt übersehen kann, die mit ihrer unbeschreiblichen Menge Gärten rund umher einen sehr schönen Prospekt macht – Hier lag ich also im Grase hingestreckt, und erwartete, indem ich in Klopstocks Messiade, die Erzählung von den beiden Jüngern von Emaulas, den Untergang der Sonne.
Indem kam Hartknopf den schrägen Abhang herausgegangen, seinen blauen Sontagsrock mit gelben Knöpfen und steifen Schössen von oben bis unten zugeknöpft, und seinen Dornstock in der Hand – grüsste mich, und setzte sich neben mich –
Und ich machte schnell mein Buch zu, und wollte es einstecken, denn es war mir, als ob ich mich, ich weiss selbst nicht aus was vor Ursachen, vor ihm schämte. – Ich fühlte mich auf einmal so klein, so schwach in seiner Gegenwart – da ich mir noch kurz vorher gar nicht so vorgekommen war – sein blick durchdrang mein Innerstes, und schlug mich nieder.
Aber heilig soll mir dieser Abend sein, so lang ich lebe –
Das Gespräch lenkte sich von der Schönheit des Abends, bald auf die Schönheit und Aufrichtigkeit der Seele, die einen solchen Abend nur allein empfinden kann, wenn sie von allen Schlacken der Eitelkeit und Selbsttäuschung gesäubert, die schöne natur wie ein reiner und heller Spiegel in sich darstellt.
Es war ja wohl recht schön am Steiger die Sonne untergehen zu sehen, und dabei in Klopstocks Messiade zu lesen – aber die Scene musste nicht gleichsam herbeigezwungen werden, bloss um denn nachher, auch nur zu sich selber, sagen zu können: ich habe am Steiger die Sonne untergehen sehen, und Klopstocks Messiade dabei gelesen – ich bin doch gewiss kein gemeiner Mensch – so etwas lässt doch schön im Leben, wenn man so zurückschaut. –
O unbegreifliche Eitelkeit! nicht genug dass du andre durch falschen Schimmer zu täuschen suchst, willst du vor dir selbst mit Zwang eine dir nicht abgemessene Rolle spielen – Die Sonne mit dem buch in der Hand untergehen zu sehen, ist dir Arbeit nicht Genuss – Du machst die Scene, sie fügt sich nicht von selbst; deine Seele ist nicht aufrichtig, deine Empfindungen sind erkünstelt, der Abdruck der schönen natur in dir ist verfälscht!
Diess ist ungefähr der Inhalt von dem, was ich an dem Abend von Hartknopfen gelernt habe. – Es ist ein sehr angenehmer Spaziergang bei Erfurt nach den sogenannten drei Brunnen, wo sich der Weg zwischen Gärten und Gebüschen in mancherlei Krümmungen hinschlängelt, indess sich von allen Seiten her kleine Bäche ergiessen, an deren schmalen Ufern man hinwandelt – Hinter sich sieht man denn die alten hohen Klöster und Türme der Stadt, die mit der erstaunlichen Menge blühender Gärten umher einen so angenehmen Kontrast machen –
Hier trafen wir uns einmal um Mitternacht, da der Vollmond am Himmel stand – und Hartknopf war doch gewiss keiner der empfindsamen Nachtwandler, die über dem Anschauen des Mondes ihr Tagewerk versäumen. – Er hatte seit einiger Zeit angefangen, die Kunst des grossen Saumeisters in dem gestirnten Himmel bewundern zu lernen.
Er hatte sich wirklich astronomische Kenntnisse erworben, und kam jetzt, mit einem kleinen Tubus in der Hand, eine Anhöhe herunter, auf welcher er einige Stunden zugebracht hatte. – Er hatte eine besondre Gabe, dergleichen Kenntnisse mitzuteilen – Seine Astronomie war keine leere Nahmenkenntniss von Sternbildern – Es war ein mächtiges Eingreifen der Gedanken in den grossen Weltplan, wovon nur so ein kleiner teil von unsern Sinnen gefasst wird.
Ich sitze im Zimmer – ein Strahl der Sonne fällt hinein, und macht einen Strich der Staubwolke sichtbar, die sich auf und nieder wälzt – in dem erleuchteten Striche schwimmen unzählige Sonnenstäubchen, und drehen sich teils umeinander, teils ein jedes um seine eigne Axe – der Bewohner eines solchen Sonnenstäubchens schaut über sich, und sieht eine unzählbare Menge ähnlicher kleiner Körper, die sich alle in einem und ebendemselben Lichtstrahl drehen, und ruft mit Verwunderung und Erstaunen aus: o du unendliches Weltgebäude, wer misset dich?
Ich eröfne das Fenster, und sehe den Himmel an, der nächtlich mit Millionen Sternen besäet ist, die sich alle, wie unser Erdball in einem, grossen Lichtmeer wälzen; und rufe mit Verwunderung und Erstaunen aus: o du unendliches Weltgebäude, wer misset dich – Und ein höheres Wesen lächelt vielleicht, indem es alle diese Welten mit einer Hand zusammenfasst, über meinen Ausruf; so wie ich über den Ausruf des Weltbürgers auf einem Sonnenstäubchen. –
Man denke nicht dass Hartknopf lehrte, wenn er so sprach – nein, Lehren, das war gewiss seine Sache nicht – er warf nur Vermutungen hin, gab Winke – hüllte die herrlichen Wahrheiten in demütige Zweifel ein – liess aus der Dunkelheit der Zweifel allmälich das Licht hervorbrechen – und wusste Empfindung und Gedanken auf eine so wunderbare Art zu verflechten, dass man kaum mehr zu unterscheiden wusste, ob man die Wahrheit aus Liebe zu ihr, oder aus fester überzeugung annahm.
War ich je in einem Augenblick meines Lebens fest und unerschütterlich von der Fortdauer meines Geistes überzeugt, so war ich es in jener Nacht, wo ich mit Hartknopfen spazieren ging – Und oft habe ich mich noch nachher an der Erinnerung von jener überzeugung, die ich doch damals wirklich hatte, festgehalten, wenn meine Zuversicht wieder wanken wollte.
Ich habe oft Youngs Nachtgedanken gelesen, aber keinen Schatten von her Empfindung haben sie in meiner Seele hervorgebracht