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Staat gebe, müssen so viele tausende auf alle Ansprüche Verzicht tun, wozu sie ihre angestammte Menschenwürde berechtiget?

Sie müssen sich für bloss nutzbare Wesen halten, wie das Korn, das gemähet, und der Baum, der gefällt wird, damit der eine dem Menschen Wärme und Obdach, und das andre ihm Nahrung gebe.

Tausende müssen sich von Jugend auf gewöhnen, zu denken, dass sie nur um andrer willen, keiner aber um ihrentwillen da ist, und dass sie keinen eignen für sich bestehenden Wert haben. O wenn einst alle dieser willkürlich angenommener Unterschied verschwunden ist, und nun wieder jene allgemeine natürliche Gleichheit herrscht, wodurch ein jeder in seinem wahren Lichte erscheint, nachdem aller Flitterstaat von Titeln und Ordensbändern hinweggenommen ist; wie wird alsdann der Gastwirt Knapp, unter vielen tausenden hervorleuchten!

Wer wird dann wohl zweifeln, dass dieser getreue Knecht über vieles wird gesetzt werden, nachdem er hier über weniges getreu gewesen ist. –

Dazu war Knapp ein Pädagoge, wie es wohl weniges auf Erden gibtohne den Emil und Basedows Elementarwerk gelesen zu haben, war er auf gewisse Geheimnisse in der Erziehungskunst gefallen, welche dicke Bünde von Erziehungsteorien unnötig machen würden, wenn sie bekannt wärenaber sie lassen sich eben so wenig vollkommen beschreiben, als seine Metode, einen eingewurzelten Schaden der Seele zu heilenKnapps zehnjähriger Sohn aber wird einmal aufstehen, und wirken, und alle Philantropine beschämen, wenn er anfangen wird, das im Grossen auszuüben, was sein Vater im Kleinen tatKnapps Sohn wird einst seines Vaters Andenken durch seine Taten auf die Nachwelt fortpflanzen, wenn es schon längst in Gellenhausen verloschen ist.

Des Gastwirt Knapps Pädagogik.

Knapp erzog seinen Sohn auf seine eigne Weise, und nicht nach der Weise Hagebucks des Weltreformators.

Sobald er gehen konnte, setzte er ihm ein Ziel, und setzte ihm allerlei Hindernisse, als Blöcke, Stühle, und dergleichen, in den Weg, wodurch er sich den kürzesten Weg zum Ziele durcharbeiten musste.

Wenn er ein Kartenhäuschen bauete, so hielt er ihn an, es immer wieder zu bauen, wenn es auch zehnmal umfiel, und am Ende belohnte er ihm seine Geduld mit einem wurmstichigen Apfel.

Als er etwas mehr heranwuchs lehrte er ihn die grosse Kunst, nicht zwei Wege nach etwas zu tun, das man auf einem Wege hohlen kann; oder, was man mit einem grausamen Sprüchworte nennt, mit einer Klappe zwei Fliegen schlagen.

Er lehrte ihn fünf Weingläser in der Hand zwischen den Fingern tragen, und beim An- und Ausziehen lehrte er ihn zu gleicher Zeit beide hände brauchen, so dass er sich mit einemmal beide Schuh aufschnallen konnte.

Sein Haar musste er zuweilen lange unausgekämmt lassen, und es sich denn am Ende selbst auskämmen, wenn es ganz ineinander geraten warsobald er dann ungeduldig wurde, riss er sich und verursachte sich selber Schmerzen; wenn er aber geduldig einen Schopf Haar nach dem andern vornahm, und das Verwirrte auseinander zu bringen suchte, so konnte er den Schmerz vermeidenauf die Weise musste er sich in der Geduld üben.

Er lehrte ihn bei jeder gelegenheit die Kürze des Lebens empfinden, und machte ihn aufmerksam auf den SeigerschlagEr machte ihn allmälig mit dem tod in der ganzen natur bekannt, von dem kleinsten verwelken Grashalm, bis zum verdorrten Eichbaum, und von dem zertretnen Wurme, bis zu den ehrwürdigen Ueberresten des zerstörten Bau's menschlicher Körper.

Und wie oft hat dieser Sohn seinem Vater diese Lehre nicht verdankt! Diesem von Kindheit auf seiner Seele fest eingeprägten Bilde des Todes, verdankt er den sichern und ruhigen Genuss, aller der Freuden seines Lebensdiess ist es allein, was ihn standhaft in Gefahren, mutig und unerschrocken bei allen Vorfallenheiten seines Lebens gemacht hat. – Diess ist die ursache, warum er auch nie eine Viertelstunde lang den quälenden Ueberdruss der Langenweile schmeckteWie kann ein Mensch Langeweile haben, dem der Tod zur Seite steht?

Dieser feste Gedanke heiterte ihm die trübsten Stunden seines Lebens aufdenn wenn kein Wechsel ihm mehr bevorzustehen schien, so blieb ihm doch diese einzige grosse Veränderung gewiss.

Der feste Gedanke an den Tod war es, der ihm den Genuss jeder Freude verdoppelte, und jeden Kummer ihm versüsste. – Der wollustreiche Gedanke des Aufhörens drängte seine ganze Lebenskraft immer in den gegenwärtigen Augenblick zusammen, und machte, dass er in einzelnen Tagen mehr, als andre Menschen in Jahren, lebte. – –

Niemand hat wohl mehr in ihrer Fülle, und ungetrübter alle einzelne Vergnügungen des Lebens, die jedem Alter zukommen, genossen, als der Sohn des Gastwirts Knappweil er wusste, dass er keinen Augenblick zu versäumen hatte, weil ihm jeder Tag, jede Stunde, ein Ganzes war. –

Besonders war ihm immer die gegenwärtige Stunde lieb, und der Seigerschlag das angenehmste Getön in seinen Ohrendenn es wurde ihm dadurch merklich, wie er immer den Lebensstrom hinunterschifte, und alles in unaufhörlicher Bewegung bliebdurch jeden Seigerschlag wurde der Reiz des Lebens wieder aufgefrischtund wenn ein Tag, eine Woche, ein Jahr verflossen war, so empfand er die Wonne des Lebens in immer grösseren MasseEr kannte keinen Verlust der Zeit, denn für jede Minute seines Lebens hatte er Weisheit und Selbstzufriedenheit eingekauft. –

So wie ohne Tod kein Leben ist, so ist ohne wahres Gefühl des Todes auch kein wahres Gefühl des Lebensaus der dunkeln Mitternacht bricht das Morgenrot hervorund aus dem Schatten der