Schweitz, unten an, wenn ihr wirken wollt – das sinkende Gebäude braucht Stützen, und nicht Statüen. – Wollt ihr anders wirken, so ist es um den wahren Frieden eurer Seele, und den schönen Takt eures Lebens, wodurch ihr allein in das grosse Ganze eingreift – es ist um euren ächten inneren Wert geschehen! –
Knapp hatte sich in dieser Welt unten an gestellt, und es wird ihm in jener Welt gewiss nicht gereuen.
Er hat hier unten im Paradiese manchen Hungrigen umsonst gespeiset, manchen Durstigen umsonst getränket, und manchen Bekümmerten getröstet und aufgerichtet; dafür wird er einst in jenem Paradiese dort oben wieder getröstet werden. –
Durch die tägliche Uebung hatte sich Knapp eine solche Fertigkeit in der Beurteilung der Menschen erworben, dass er immer nach wenigen Minuten mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit schliessen konnte, ob an einem Menschen noch was zu tun sei oder nicht – aber wie ungern, gab er dennoch gänzlich alle Hoffnung zur Bessrung auf – musste er sie aufgeben, so machte ihn das auf viele Tage traurig und niedergeschlagen; er schob die Schuld immer mehr auf den Arzt, als auf die Krankheit. – Er verzweifelte nicht daran, selbst für den Seelenschaden, der am unheilbarsten scheint, noch ein bewährtes Heilungsmittel zu finden. –
Darauf ging sein Tichten und Trachten sein ganzes Leben lang – denn er fühlte es nur allzuwohl, dass nicht Hunger und Durst, nicht Lahmheit oder Blindheit, die wahren Uebel des Lebens ausmachen; sondern dass eingewurzelter Neid, eingewurzelter Eigennutz, die eigentlichen Flecken sind, welche diese schöne Schöpfung Gottes entstellten. –
Diese Flecken, wo er nur konnte, auszutilgen, dass war ihm mehr wert, als grosse Schätze zu gewinnen. – Und unter lausenden ist es ihm bei zwei Menschen gelungen, wovon der eine taub und stumm, und der andre ein verarmter holländischer Seelenverkäufer war, der in seinem Alter in Deutschland sein Brodt betteln musste, und nun auch nach Gellenhausen kam, wo er im Paradiese einkehrte, und der Gastwirt Knapp seine Seele vom Verderben rettete.
An diesen beiden Menschen machte aber auch Knapp ein wahres Meisterstück – denn er hielt selbst ihre Krankheit für unheilbar – den Tauben und Stummen, weil er nicht durch die Sprache auf ihn wirken konnte, und den ehemaligen Seelenverkäufer, weil er schon ein Greiss war, und in seinem Alter die schwere Hand des Schicksals, die ihn darnieder drückte, sein hartes Herz nicht hatte erweichen können.
Knapps unaufhörlichen Bemühungen gelang es, den Seelenverkäufer so weit zu bringen, dass er sich nicht freute, da dem Nachbar ein Haus abbrannte; über einen Dachdecker, der den Tag vor seiner Hochzeit vom dach herunter stürzte, und sich den Kopf zerschmetterte, sogar eine mitleidige Träne weinte; und anfing, ein Vergnügen daran zu finden, mit Knapps einäugigen und lahmen Pudel zuweilen sein Brodt zu teilen.
Der Taube und Stumme war sehr verhärtet; ungeachtet nie in sein Ohr die Sprache des Verführers eindringen konnte, so hatte doch Neid und Eigennutz so tiefe Wurzel bei ihm geschlagen, dass er der Blume den Sonnenschein, und der Heerde die sich unter einen Baum gelagert hatte, den Schatten missgönnete – Alle seine Mienen und Bewegungen waren widerwärtig und liefen auf Zerstörung und Verderben hinaus. –
Es war rührend anzusehen, wie Knapp sich oft Stunden lang mit einer eiserner Geduld damit beschäftigen konnte, diesem Taubstummen durch die Zeichensprache nur erst einigen schwachen Begriff von Sanftmut und Menschenliebe beizubringen, die sein Herz bis jetzt noch gar nicht gekannt hatte.
Diess waren denn die beiden unheilbarschelenden, an deren Herzen Knapp gleichsam eine Art von Wunderkur verrichtet hatte – – Die Art nun, wie er mit ihnen zu Werke gegangen ist, verdiente freilich wohl allgemein bekannt zu werden – allein die Beschreibung davon wütde ein eigenes Buch erfordern, und doch vielleicht unvollkommen und unverständlich bleiben – denn wer kann Knapps Mienen, Knapps Auge, und jede seiner Bewegungen beschreiben, und den sanften liebevollen Händedruck, womit er seine Reden begleitete? –
Wenn in einer bessern Welt dereinst des Taubstummen Zunge gelösst sein wird, mit welchem lauten jubel wird er da noch seinem Erretter danken; und der Seelenverkäufer, dessen Seele durch Knapp vom Verderben gerettet wurde, wo wird er Worte hernehmen, um seinen Dank zu stammeln!
Und alle die getrösteten Betrübten, die traurig und niedergeschlagen in dem Gastofe zum Paradiese einkehrten, und vergnügt und fröhlich wieder von dannen gingen; wenn sie einst auftreten und sagen werden: dieser hat unsre Tränen auf Erden abgetrocknet; – mit welchem gekrönten haupt würde dann der Gastwirt Knapp wohl tauschen?
Wenn die gekrönten Häupter nun da stehen werden, beschämt und niedergeschlagen, und Millionen um sie her, die auf Erden von ihnen mit eisernem Scepter beherrscht, und um alle die unschuldigen natürlichen Freuden des Lebens, um die Rechte der Menschheit gebracht; und wie eine in ihren einzelnen Teilen unbedeutende Masse, in ein Ganzes umgeformt wurden, wie etwa Holz und Steine, behauen und beschnitten werden, um zusammen ein Gebäude auszumachen, wodurch jedes einzelne erst brauchbar wird.
Weh euch dann, die ihr den Menschen ihren einzelnen ächten Wert raubtet, um Lücken mit ihnen auszustopfen; wenn ihr es nötig fandet, Moräste mit ihnen auszudämmen, damit dem stampfenden Ross ein Weg zum Feinde gebahnet sei – die ihr um einer Chimäre, um eines allgemeinen abstrakten Begriffs willen, den ihr Staatskörper nennt, den Menschen nicht mehr um sein selbst, sondern bloss um dieser Chimäre, um dieses abstrakten Begriffs willen, wollt existiren lassen!
Also damit es einen