1786_Moritz_073_17.txt

Heimat, von seiner verlobten Braut, und von den Gespielen seiner Jugend auf eine Anzahl Jahre verbannendamit er einst bei seiner Zurückkunst von der grossen Glocke in Erfurt, von dem Münster in Strasburg, und dem grossen Fasse zu Heidelberg zu erzählen wisse. –

Diese, und höchstens etwa einmal ein Fuhrmann, oder irgend ein in Fortunens Ungnade gefallner Erdensohn, den vielleicht in bessern Tagen selbst der goldne Hirsch und die drei Kronen eine zu schlechte Herberge gewesen wären, kehrten jetzt hier im Paradiese ein, und nahmen willig mit einer Streue vorlieb, die ihnen der Gastwirt Knapp, so gut und bequem, wie irgend einer, machen liess, und ihnen, wenn der Schläfer nicht zu viele waren, gern noch ein Kopfküssen dazu gab.

In welchem Lichte aber wird der Gastwirt Knapp erscheinen, wenn ich sage, dass von allen denen, die je bei ihm herbergten, keiner war, der nicht besser wieder aus dem Paradiese ging, als er hereingekommen warDa war kein Bettler, kein Zigeuner, den Knapp nicht mit liebevollen Augen sah; keiner, den er als einen wildfremden Menschen nicht seiner Aufmerksamkeit wert geachtet hätte. –

Knapp hätte nicht dürfen ein Gastwirt werden, wenn er nicht gewollt hätte; es standen ihm in seiner Jugend tausend Wege offenauch fehlte es ihm nicht an Kopfer hatte die lateinische Schule besuchtder Emeritus, der jetzt Gevatter zu seinem Sohne war, war auch sein Lehrer gewesenund mit dem hatte er überlegt, was er für eine Lebensart wählen wollte

Und sein Hang floss über von Mitleid gegen den armen verachteten Wandrer, gegen den herumziehenden Erdensohn, um den sich niemand bekümmertdem niemand mit Rat und Trost zu hülfe eilet; gegen den Bettler am Wege, dem der mitleidige Vorübergehende eine Gabe in den Hut wirst, aber ihn seines Zuspruchs nicht würdigt, oder nicht Zeit hat, sich aufzuhalten, weil seine Geschäfte ihn zu etwas andern rufen, als der im Elend versunknen Menschheit wieder aufzuhelfen. –

Mögen andre für die Glücklichen sorgen, sagte Knapp zu sich selber, dass sie noch glücklicher werden, durch schöne Gemählde, schöne Statüen, und schöne Gedichtewenn ich nur etwas dazu beitragen kann, dass die Unglücklichen nach ihrer Art ein wenig glücklicher werden, durch Gesundheit, Zufriedenheit, und ArbeitDas grosse Gebäude der menschlichen Glückseligkeit müssen doch auch einige von unten angreifen, wenn es nicht einmal plötzlich zertrümmern soll. –

Gesundheit, Arbeit, und Zufriedenheit sind doch die grosse feste Basis, worauf alle die leichtern Zierraten von schönen Gemählden, Statüen, und Gedichten ruhen müssen, wenn wir uns ihrer mit gutem Gewissen freuen sollen

So dachte Knapp oft in einsamen Stunden, und so hatte ihn der Emeritus denken lehren. – Nun fasste er bald seinen Entschluss, kaufte sich den Gastof zum Paradiese, dessen voriger Eigentümer gestorben war, und mit dem sich keiner gern wieder befassen wollte, weil er gemeiniglich die Bettelherberge genannt wurdeund hier stellte er sich nun freudig an seinen Posten, fing das grosse Geschäft seines irrdischen Lebens an, und wartete den täglichen Zufluss der verworfensten und verachtetesten Menschenklasse, mit der Treue und Gewissenhaftigkeit eines vom Himmel bestellten Wächters der menschlichen Glückseligkeit ab

Wo er noch einen Funken nicht ganz erstorbenen Menschengefühls entdeckte, den suchte er wieder aufzublasenund durch Uebung brachte er es in dieser Kunst gewiss sehr weit; ob er gleich noch kein Adept war, wie Hartknopf und der Emeritus, und die andere Hälfte zu dem grossen Worte nicht deutlich hatte buchstabieren könnenund obgleich seine Rede ja! ja! nein! nein! war, so bald er nicht mehr Worte nötig fand – – das Wort war ihm so heilig, wie es Hartknopfen nur immer sein konnte, ob er es gleich nicht, als die vierte person in der Gotteit verehrtedarum war er so sparsam mit seinen Worten, um sich gleichsam alle Kraft und allen Nachdruck der Rede zu dem Augenblicke aufzusparen, wo er in der Seele eines Menschen gleichsam eine neue Schöpfung bewirken, und das Licht von der Finsterniss scheiden wollte. –

Wie es bei einem Meisterwerke, wenn es vollkommen sein soll, fast mehr darauf ankömmt, dass der Künstler die wenigen Flecken, die etwa noch darin sind, auszutilgen wisse, als dass er noch immer mehr neue Schönheiten hinzufügt, wodurch vielleicht das Ganze mehr verliert, als gewinnt, so scheint derjenige auch den sichersten Weg gewählt zu haben, dessen Bemühung in seinem Leben dahin geht, in dem grossen Meisterstücke des grössten Künstlers, mehr dem entgegen zu arbeiten, wodurch das Ganze entstellt zu werden scheinet, als neue künstliche Verzierungen zu demselben hinzuzufügen. – Denn was ist Pracht und Zierrat gegen Reinlichkeit? – heisst doch Mundus nicht umsonst die Welt. – Wer auf die Weise bloss negativ zu Werke gehet, wird freilich nicht den Ruhm eines Weltreformators davon tragenaber ihn wird das selige Gefühl beglücken, dass er mit seinen Bestrebungen in den Plan der ewigwürkenden Liebe harmonisch einstimmtEr fühlt es, dass jeder Stein des Anstosses, den er weggeräumt hat, Gewinn für das Ganze istund weiss es, dass ein einziger ausgetilgter Fleck aus diesem grossen Gemählde es der Vollkommenheit näher bringt, als der zierlichste Rahmen, worin es eingefasst wird.

O ihr Menschenfreunde, die ihr den Willen und die Kraft habt, ausser euch zu wirken, stellt euch doch wie Knapp, und Hartknopf, und der Emeritus, und wie der gute Pestalozze in der