1786_Moritz_073_15.txt

Völker grüsst ihr entgegen,

Jud', und Türke, und Christ, und selbst der schwärzeste

Neger,

Sei von Danke belebt, dass ihm der Sonn' Antlitz

zulächelt

Indem nun Hagebuck noch weiter fortlesen wollte, zog sich auf einmal ein trüber Nebelschleier vor die Sonne, der schon lange im Aufsteigen begriffen war, und sie nun ereilte; dadurch war Hagebucken sein ganzes Koncept verdorbendenn das Gedicht war ganz lokal, und es sollte nun eins nach dem andern daran kommen; Hügel, Bäche und Täler, wie sie allmälich vom Strahl der Sonne vergoldet wurden, und wie nun der Tau auf den Blumen blitzteDas war nun alles vergeblichder Tau blitzte nicht mehr auf den Blumendie Spitzen der Hügel wurden nicht mehr vergoldetHagebuck machte eine lange Pause, und wartete, dass der Nebel sich wieder wegziehen sollteaber der Nebel zog sich nicht wieder wegder alte lahme Pudel des Gastwirts Knapp, der Hartknopfen begleitet hatte, zu nahe kam, so gab er ihm mit dem Fuss einen Stoss, dass das arme schwache Tier nach einem lauten Schrei verschiedDas war also an diesem Morgen des Pudels letzter gang gewesen

Dass er von Hagebuck den unsanften Stoss erhielt, kam bloss daher, well er dem Gastwirt Knapp angehörte, der Hagebucken beständig ein Dorn im Auge gewesen wardenn er warnte das Volkund so oft Hagebuck mit ihm reden wollte, war seine Rede beständig ja! ja! nein! nein! gewesen. Hartknopf hatte in seiner Bucht den Schrei des Hundes vernommen, und der Emeritus hatte den Stoss gesehenDa ergrimmte Hartknopf im geist, und sprang auf, pakte den erschrocknen Hagebuck bei der Brust und sagte: "Unmensch, was hat dir der Hund getan, dass du ihn todtgetreten hast?" – Er ist mir zu nahe gekommen – – er hat mich gebissenstammelte Hagebuck zitternd und zagend – "Er ist dir nahe gekommen, aber er ist dir nicht zu nahe gekommen und hat dich auch nicht gebissen" – erwiderte Hartknopf und schüttelte ihn noch stärkerUm Gottes willen lass mich, flehte Hagebuck, und mach mich nicht zu Schanden vor dem Volk! Ich will dir für den Hund ein Stück Geld bezahlenmusste er denn nicht so bald verrecken – "Dass du verdammt seist mit deinem Gelde!" sagte Hartknopf, und stiess ihn von sich, dass er einige Schritte rückwärts taumelte, dann seinen Haufen um sich her versammelte, und schnell mit ihnen den Berg herunter eilte. –

Und als er unten am Fuss des berges war, mussten sich alle niedersetzen, und er hielt ihnen eine Vorlesung, von der boshaften Nachsucht, und stellte Hartknopfen zum Beispiel aufund von der Grossmut und der süssen Pflicht zu verzeihen, wozu er die Beispiele grösstenteils aus seinem eignen Leben hernahm. –

Oben auf dem Berge war nun das Feld wieder reinHartknopf und der Emeritus nahmen noch eine Weile ihren Platz wieder einund der Nebel verzog sich, sobald Hagebuck verschwunden war, und die Sonne glänzte wieder in aller ihrer klarheit.

Diess wäre nun freilich so etwas zufälliges, das kaum bemerkt zu werden verdientewenn nicht in den Seelen der Menschen eine gewisse Harmonie und Disharmonie mit der sie umgebenden natur statt fändeso dass bei dem einen alle äussere Veränderungen in der natur, in die natürlich auseinander folgenden Veränderungen seines Ichs harmonisch eingreiffenund hingegen bei dem andern eine ewige Dissonanz aller äussern Umstände mit seinen inneren Wünschen und Bestrebungen statt findet. –

Hartknopfs Seele traf immer wie eine richtig gestellte Uhr mit dem Lauf der Sonne, mit Abend und Morgen, mit der Abwechselung der Jahrszeiten, mit Sturm und Regen sowohl, als mit dem Säuseln des Westwindes, auf einen Punkt zusammenund eben so war es auch bei dem Emeritus Eliassie gaben wie nicht zu schlaff und nicht zu stark gespannte saiten in dem grossen Konzert der Schöpfung immer den rechten Ton anihnen konnte nichts mehr unerwartet kommen, nichts den Frieden ihrer Seelen störensie waren in dem grossen Zusammenhange der Dinge, und in sich selbst gesichert. –

Als hingegen Hagebuck seine Hexameter deklamiren wollte, so zog sich auf einmal ein Nebelstreif vor die Sonneund es war auf einmal zwischen ihm und der natur eine gänzliche Dissonanz, die der arme lahme Pudel noch vermehrte, den er auch dafür in den Staub darnieder tratWas hätte er wohl mit der ganzen natur getan, wäre er in diesem Augenblick ihr Herr gewesen? – aber er fühlte seine Ohnmacht, da Hartknopf ihn schüttelteund knirschte in der Tiefe seiner Seele, dass er die Obermacht des Gerechten anerkennen, und vor ihm wieder in Staub versinken musste. –

Wohl dem, wer sich mit der grossen natur so steht wie Hartknopf und der Emeritus! – der darf nicht Pest, nicht Teurung, nicht Ueberschwemmung fürchtennicht Krankheit, nicht Verwesunger schlummert so sicher auf dem Schooss und in dem Schooss der Erde, wie das Kind im Schooss der Mutter – –

Der alte lahme einäugige Pudel lag nun da in süsser Ruheer musste in seinem Leben oft Hunger und Kälte ausstehen, musste manchen Fusstritt erdulden – – aber keiner war ihm doch so hart gefallen, als der von Hagebuck, welcher seinem sinkenden Alter den Rest gab. – Eine Leichenpredigt auf einen alten lahmen und

einäugigen Pudel.

Wohl dir! sagte Hartknopf, da er mit untergeschlagenen Armen, den Kopf gesenkt,