Traume erwacht sei, und ich habe im Traume über meinen gehabten Traum nachgedacht – und beim Erwachen konnte' ich über beides nachdenken. – Der Traum war wegen seiner grösseren Deutlichkeit eine Art von Erwachen gegen den ersten – diess anscheinende Erwachen aber war doch wieder nur ein Traum gegen das ordentliche Erwachen – und diess ordentliche Erwachen, wer sagt uns, dass es gegen eine noch deutlichere Einsicht in den Zusammenhang der Dinge, uns nicht wieder wie ein Traum dereinst vorkommen wird. –
Jemehr Zusammenhang, jemehr Wahrheit – jemehr Ordnung, jemehr Licht. – Wie vieles ist uns hier noch dunkel und verwirrt – es kann unmöglich das rechte Wachen sein. – –
Indem der Emeritus noch so sprach, wurde auf einmal sein Auge starr, und seine Lippen bewegten sich nicht mehr – Hartknopf erschrak – allein der entzückte Greis kam bald wieder zu sich, drückte Hartknopfen die Hand, und sagte:
Das war eine sonderbare Empfindung – indem ich eben jetzt so lebhaft dachte, dass diess unmöglich das rechte Wachen sein könnte – so war es mir gerade als wenn einem im Traume einfällt, dass man träumt; man pflegt denn zu erwachen – mir däucht, ich war jetzt auf dem Wege zu erwachen, aber well ich dich vor mir sah, so war mir der Traum zu süss; ich mochte ihn noch nicht fahren lassen, und der Faden, welcher zu zerreissen drohte, ist noch einmal wieder angeknüpft – – Ich gab dir aber doch die Hand, wenn er etwa reissen sollte – bald wird er reissen, das fühl' ich wohl, mein Lieber!
Hartknopf vergoss wiederum keine Träne, da er diess hörte, sondern sein Antlitz schien sich bei diesen Gesprächen zu verklären, so wie das Antlitz seines Lehrers und Meisters –
Hier war wohl ein rechtes Tabor – obgleich ein Galgen die höchste Spitze des berges schmückte; so hätte man doch wohl sagen können, hier ist gut sein, hier lasset uns Hütten bauen – denn das Verwessliche war hier im Begriff anzuziehen das Unverwessliche – und der unsterbliche Geist durchbrach hier seine Hülle, und strahlte aus Auge und Stirn hervor – Der Emeritus schwieg, und Hartknopf hub mir halb gedämpfter stimme an zu singen:
Wenn ich einst aus jenem Schlummer,
Welcher Tod heisst aufersteh,
Und von dieses Lebens Kummer
Frei, den schönern Morgen sehe –
O, dann wach' ich anders auf,
Schon am Ziel ist dann mein Lauf,
Träume sind des Pilgers Sorgen,
grosser Tag, an deinem Morgen!
Diess war schon seit einiger Zeit Hartknopfs Morgenlied gewesen – und diess Lied war nun gleichsam die Musik zu dem grossen Text, den der Emeritus so eben abgehandelt hatte. Darum schlug es in dessen Seele Feuer – er liess es sich zu dreienmalen von Hartknopfen wieder vorsingen – da war es seinem Gedächtniss eingeprägt, das lange schon Neues zu fassen aufgehört hatte, um nur das Alte noch mühsam zusammen zu halten. –
Die erhabne Melodie zu diesem Gesange scheint wie das Feuer des Prometeus einer andern höhern Sphäre entwandt zu sein, mit solchen unbekannten Empfindungen füllt sie die Seele, und macht das Herz
Erst hebt sie sich sanft und stuffenweise, bis sie sich bald in höhern Regionen zu verlieren scheint, aus denen sie nun beruhigt, gestärkt, und getröstet mit festem Tritt wieder herabsteigt, um sich aufs neue im höhern Fluge mit Jauchzen emporzuschwingen – sanft hinwegzugleiten über diese niedre Welt – mit Lächeln herabzuschauen auf die Sorgen und mühevollen arbeiten der Bewohner dieser Erde – und dann in einem einzigen grossen Gefühl der erweiterten Ichheit allen Kummer des Lebens mit einemmal zu versenken.
O es liegt ein grosses geheimnis in dem Fall dieser melodischen Töne, die, so wie sie auf und absteigen, die Sprache der Empfindungen reden, welche Worte nicht auszudrücken vermögen – Welch ein weitläuftiges Gebiet von Ideen liegt hier ausser den Grenzen der Sprache: wo ist der neue Kolumbus, der diesen bisher noch leeren und unbeschriebnen Raum auf der grossen Charte der menschlichen Kenntnisse, durch neue Entdeckungen ausfüllt? – –
Wo ein Aas ist, versammeln sich die Adler.
Indem Hartknopf und der Emeritus noch im tiefen Gespräch begriffen waren, hörten sie Fusstritte den Berg herauf, und wunderten sich, dass sie schon so früh Gesellschaft bekamen – als sie von der westlichen Seite die beiden Weltreformatoren Küster und Hagebuck hinaufklimmen sahen, welche mit einem Trupp der Gellenhausischen Jugend die Sonne wollten aufgehen sehen – sie waren aber ein wenig zu spät gekommen.
Sie kamen mit viel Geräusch und Lerm, und Hartknopf und der Emeritus zogen sich in eine kleine Bucht am Abhange des Hügels zurück – und überliessen ihren Platz den Weltreformatoren – diese nahmen ihn denn auch feierlich in Besitz; Hagebuck liess seine Zöglinge sich im Kreise umherstellen, und zeigte ihnen von dieser Höhe alle Herrlichkeit der Welt – darauf stellte er sich hin, und hielt eine Rede an den ganzen Erdkreis, den er aufforderte, das Licht, welches ihm nun so wohltätig aufgesteckt würde, willig anzunehmen, und die Nacht der Vorurteile fahren zu lassen – hierauf redete er von dem Berge die Stadt Gellenhausen an, dass sie doch ihr wahres Wohl nicht verkennen, und sich dem wohltätigen Einfluss der allgemein sich verbreitenden Aufklärung nicht widersetzen möchte – dann redete er die Gellenhausische Jugend an, dass sie diess erhabne Schauspiel des Aufgangs der Sonne doch recht empfinden sollten – Und nun fing er an, ein Gedicht in Hexametern auf den Sonnenaufgang vorzulesen, welches sich anhub:
O seht, wie die blitzende Sonn' im Strahlengewande
emporsteigt,
In majestätischer Pracht, ihr