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Hügel and diese Täler bedeckt, und ist wieder von den Strahlen der Sonne hinweggeschmolzen, seit ich dich nicht gesehen habedennoch ist der Faden, womit sich meine Gedanken an die deinigen knüpften, nicht abgerissenwir sprachen, da wir vor ein und zwanzig Jahren zuletzt auf diesem Hügel voneinander Abschied nahmenvon meiner alten messingnen Studierlampe mit dem grünen Schirmda wollen wir also wieder anfangen: – wie doch so ein Ding ausdauren kanndie Lampe steht dir noch unversehrt auf dem Schrank hinter der tür, und meine alte Haushälterinn scheuert sie alle acht Tage so blank, dass sie wie ein Spiegel glänzt, und doch ist sie noch wenig oder gar nichts abgenutztwie manchen Abend hat sie uns beiden, Weissheit und Wahrheit durch das Auge in die Seele geleuchtet, und der grüne wohltätige Schirm milderte ihren Schein, dass unser Auge nicht ermüdeteDu hast nachher wohl bei mancherlei Lampen gesessenaber ich bin dieser einen getreu gebliebenDu sollst sie auch wieder sehen! – Lieber Andreas, was ist diese Hülle von Staub? Dieser hinfällige Körper, den eine alte Studierlampe überlebtEs ist doch Schade, dass dieser kunstreiche Bau des Auges, durch welches Licht und Wahrheit in die Seele strömt, eher wieder in Staub versinken soll, als die Lampe, die ihm leuchteteDiese Hand liess es ihr nie an Oehl und Tacht gebrechen, und in kurzem wird sie verwesst seinwas wären wir, lieber Andreas, wenn das, was wir unsre Hülle nennen, unser ganzes Ich wäre? – Aber es kann nicht so sein, und es ist nicht sodu sollst mich auf meinem Todtbette beobachten, wenn meine Augen brechen, und meine Lebensgeister hinsinken, und indem meine Brust zu atmen aufhört, werde ich dir noch einen Druck mit der Hand gebender soll dir sagen, dass ich noch bin, in dem Augenblick, da ich aufhöre zu leben. (Er gab drauf Hartknopfen die Hand auf die Art, wie er sie ihm auf dem Todbette geben wollteund Hartknopf vergoss keine Träne, da er den Emeritus so reden hörte, sondern es leuchtete vielmehr eine himmlische Heiterkeit und Zuversicht aus seinem Auge hervorDer Händedruck hatte etwas Erhabenes, Nerven- und Seelenerschütterndes, und eine überzeugende Kraft, die mehr als der bündigste Syllogismus wirkte.)

Hartknopf. O mein Elias! – diess war sein Taufnahme, und da sie den Bund schlossen, hatte der Rektor Hartknopfen, ihn immer so zu nennen befohlenlass deinen Geist zwiefach auf mir deinem Jünger ruhn, wenn du auffährest! – Ich will dir nachblicken, so weit ich kann, aber lass auch deine Gedanken mit meinen sich zusammen finden! – wenn du noch bist, so muss das geschehen, – wenn ich dich nicht mehr höre und nicht mehr sehe, so muss doch mein Geist mit deinem geist noch Umgang pflegenwenn ich rede, musst du mir antworten, wenn ich dich rufe, musst du nicht ferne sein – –

Der Emeritus. Ja, um wieder auf die Lampe zu kommen, weisst du auch, wie wir einmal beim Shakespear sassender schönen Shakespearabende hast du dich gewiss oft erinnertwir lasen den Otello. – Wir sahen eine Welt von Leidenschaften vor unsrer Seele aufsteigenund unsre Erwartung der schrecklichen Katastrophe war aufs höchste gespannt, als plötzlich die Lampe verloschund wir konnten sie nicht wieder anzündendas ganze erhabne Zauberwerk war verschwunden, bloss weil eine armseelige Lampe verloschwir legten uns missvergnügt zu Bette. – Und wenn nun das Oehl in dieser Lebenslampe versiegt, und der Tocht vertrocknet ist, und die leuchtenden Sterne dieser Augen auf immer verloschen sinddann ist auf einmal der sonst feste Zusammenhang so vieler Dinge für uns abgeschnittenwir legten uns damals missvergnügt zu Bette, als die Lampe verloschen warweil wir den Zusammenhang einer blossen Phantasie, einer Schöpfung der Einbildungskraft nicht weiter verfolgen konnten. – O mein Freund, wie gut ist es, sich nicht zu tief in den Lebenstext hereinzulesenimmer auf der Warte zu stehenum bereit zu sein, sobald die Ordre zum Aufbruch gegeben, und das grosse Feldsignal aufgesteckt wird, dass wir kennen. –

Ist es dir nicht oft im Traume gewesen, mein lieber Andreas, als ob du das Erwachen fürchtetest; und wenn du erwachtest, wünschtest du denn nicht manchmal wieder einzuschlafen, um nur den Faden von dem abgerissnen Traume wieder anzuknüpfenaber wenn du recht erwacht, und deiner selbst dich völlig wieder bewusst warest, musstest du da nicht über dein Beginnen lächeln?

Sieh, so lange, bis wir erst recht und vollkommen von diesem Lebensschlaf erwacht sind, werden wir auch noch immer wünschen den schönen Traum wieder anzuknüpfen, der durch den Tod unterbrochen wirdaber wenn uns erst die Schlummerkörner aus den Augen gewischt sinddann werden wir ins Freie schauendann werden wir uns in der Wahrheitswelt erst wieder zu orientieren suchen, so wie wir beim Erwachen aus dem Schlafe nach irgend einem Fenster oder einer tür fest hinblicken, und uns die Gegenstände rund um uns her merken, um uns zu überzeugen, dass wir nicht mehr träumen sondern wachendann wird der Zusammenhang der Dinge, den wir durchschauen, den gegenwärtigen eben so sehr übertreffen, als wie der Tag die Nacht an klarheit übertrift. –

Warum sollte diese Stufenfolge nicht statt finden, mein Lieber? – mir hat oft geträumet, dass ich aus einem