des einen war für den andern nicht mehr verschlossen. –
Auf diese Weise unterhielten wir uns ohne Sprache – Es herrschte zwischen uns ein bedeutendes geistvolles Stillschweigen, das der Engländer a Silent Conversation nennt – und welches man aus unsern faden Gesellschaftszirkeln immer mit Gewalt zu verscheuchen sucht – indem man dieses heilige Stillschweigen für eine Beleidigung des Wohlstandes hält. –
O mein Hartknopf, wenn ich einst aus diesem fieberhaften Traume des Lebens zu deiner Umarmung wieder erwache, durch was für unbekannte geheimnissvolle Wege werden dann unsre Gedanken zueinander gelangen, und sich miteinander unterreden? wenn das Gewölbe des Ohrs in Staub zerfallen, dieser feuchte Crystall des Auges vertrocknet, und diese Lippe verwesst ist? – Wenn diese Brust nicht mehr atmet um mit dem sanften Hauche der Luft den Gedanken zu bekleiden, dass er sich mitteilt von aussen, und in dem geist des Hörenden sich vervielfältigt? – Sollte dann eine ewige Kluft zwischen unsern Gedanken befestigt sein? – sollte es unmöglich sein, dass sie unmittelbar zu einander gelangen könnten – o mein Hartknopf, dann wärest du für mich verlohren, und für mich wäre eine ewige melancholische Einsamkeit – – aber wir haben uns einst ohne Sprache verstanden, da selbst unsre Augen verschlossen waren – – diese Minuten sollen mir heilig sein, an der Stütze will ich mich festalten, wenn manchmal in trüben Stunden meine Zuversicht und mein Glaube wankt! –
Hartknopf eilte nun weiter dem Tore zu, welches auf den Galgenberg führte – er sah die breite Heerstrasse vor sich, auf welcher er seine erste Wanderschaft, als Schmiedeknecht, angetreten hatte. – Hier fühlte er sich in seiner ganzen jugendlichen Stärke wieder – die weite Welt lag wieder vor ihm, wie damals – auch führte der Weg zum Galgen gerade nach Osten zu – er war auch auf seiner ersten Wanderschaft schon einige Meilen nach Osten fortgerückt, hatte sich aber nachher wieder weit gegen Westen geschlagen – da ging ihm denn die Sonne seines Glücks unter, aber sie ging in seiner Seele desto herrlicher wieder auf. –
Das Erdreich fing sich an zu heben, der Horizont wurde immer weiter – Türme von Dorfkirchen und einzelne Häuser, die Hartknopfen alle bekannt waren, stellten sich nacheinander seinem Auge wieder dar; die ganze Gegend schien ihn, wie ihren alten Freund und Bekannten wieder zu begrüssen – Gellenhausen lag tief im Tale, und er konnte bis in die Strassen hinabsehen –
Endlich wälzte sich die Sonne mit einem Feuerberge umgeben, am Himmel herauf, und rötete zuerst die Spitze des Galgens auf dem Hügel, und dann die Spitze des hohen Turms in Gellenhausen – Endlich kam sie nun gerade hinter den Galgen zu stehen, der Hartknopfen wieder, so wie ehemals in seiner Kindheit, wie Simsons grosses Tor vorkam, und eine Ehrenpforte zu sein schien, wodurch die majestätische Sonne ihren feierlichen Durchzug halten wollte.
Gerade unter dem Galgen war der weiteste Pro
spekt, und mit welchen Entzücken nun Hartknopf da stand, und die Wonne des Wiedersehens und der Wiedererinnerung genoss, vermag ich nicht zu beschreiben. – Er faltete seine hände zu Gott empor, der ihn bis hieher geführt habe. –
So stand Hartknopf und betete, sein Gesicht gegen
Osten gekehrt, zu dem Erhalter des Weltalls – in der stillen Einsamkeit, unter dem Hochgerichte bei Gellenhausen – Dieser Hügel war sein Altar, und die ganze natur sein Tempel.
Auf den Altären in den Kirchen, die mit Menschen
händen gebauet sind, steht zum Schmuck ein Creutz; diesen grossen Altar schmückte ein Galgen, an welchem vielleicht schon mancher, als ein Opfer der unerbittlichen strafenden Gerechtigkeit, unschuldig gelitten hatte. Und hätte auch nur ein einziger unschuldig daran gelitten, so war diess Holz dadurch schon eingeweiht.
Ach, und die Schuldigen – die hier einen schmähli
chen und schändlichen Tod fanden – wer hat das Labyrint ihrer von Kindheit auf verflochtnen Schicksale durchschaut? welcher Richter in die innersten Falten ihres Herzens geblickt? wer den Uebergang von dem Gedanken zur Tat bemerkt? bemerkt, von welchen Gegenständen, während dieses Uebergangs, Lichtstrahlen ins Auge, Töne ins Ohr sich stahlen? ob der Himmel heiter oder trübe war, die Sonne sich hinter einer Wolke verbarg oder sanft dem noch nicht gewordnen Verbrecher ins Auge glänzte? – Wie manchen hat der Anblick der vollen natur, der Anbruch des Morgens von einer Tat zurückgehalten, worüber seine Seele in nächtlicher Stille gebrütet hatte? – – Ja, wer hat sein eigenes Herz durchschaut, um ein Richter seiner eignen Handlungen sein zu können? – Verzeihe mir, Herr, die verborgnen Fehler! sagte Hartknopf, indem sah er sich um, und hinter ihm stand sein aller Vektor Emeritus, der sich eben von einem Husten erhohlte, den ihm das Aufsteigen auf den Berg, und die kühle Morgenluft verursacht hatte. – Sie setzten sich nieder, und fingen, ihr Antlitz gegen Osten gekehrt, folgendes Gespräch an: Hartknopfs Unterredung mit seinem alten Lehrer
unter dem Galgen von Gellenhausen.
Der Emeritus. Ich glaubte dich hier zu finden, mein lieber Andreas, und ich sehe, dass ich mich nicht geirrt habe – mit Entzücken lese ich heute noch wie gestern, in deinem Auge, in deinen blühenden Wangen, auf deiner heitern Stirn, dass unser Bund der Weissheit und der Tugend noch fest steht, und dass er fest stehen wird, wenn diese meine morsche Hütte längst zerfallen ist – Sonnen sind aufgegangen und Sonnen sind untergegangen, seit ich dich nicht gesehen habe, Menschen sind in Staub gesunken, und Menschen sind geworden, der Schnee hat oft diese