bedeuten sollte, und wozu man die Lumpen und schwarzen Knochen darin aufgehangen hätte? – Uebrigens diente ihm das Bild dieses Galgens in der Folge zum Kommentar über die geschichte Simsons, und kam ihm vor die Seele, so oft er las, dass Simson ein Stadttor ausgehoben, und auf einen Berg getragen habe.
Diese Eindrücke waren so fest bei ihm geworden, dass sich ihm, so oft er einen Galgen sah, das Bild einer reizenden Gegend, und so oft er eine reizende Gegend sah, das Bild eines Galgens unwillkührlich aufdrängte.
Jetzt, da er nun denselben Galgen wiedersahe, an dessen Vorstellung sich alle die süssen Erinnerungen aus seiner Kindheit anknüpften, wurde er plötzlich mit einer unaussprechlichen Wehmut erfüllt – was damals blühte, fing nun schon an zu welken – was damals welkte, war nicht mehr –
Er stand auf, schlug seinen messingnen Kamm in sein Haar, knüpfte seinen Rock von oben bis unten zu, sah, ob sein Vetter noch schlief – und dann liess er ihn ruhig schlafen, und wanderte an seinem Stabe in der kühlen Morgenlust dem geliebten Hügel zu – und der alte einäugige Pudel begleitete ihn.
Es war noch früh am Tage – die Türen waren alle verschlossen und Gellenhausen lag noch im tiefen Schlummer begraben – Da war ein Ziehbrunnen nicht weit von der ehemaligen wohnung seiner Eltern. – Beim Anblick desselben war ihm sonderbar zu Mute – Es war ihm plötzlich, als ob er einen blick hinter den undurchdringlichen Vorhang getan hätte, der irgend ein vergangnes Dasein von seinem gegenwärtigen Dasein trennte. – Er erinnerte sich an einen Zustand, der diesem ganz gleich war, und wusste doch diese Erinnerung nicht an Zeit und Ort zu knüpfen. –
Endlich fiel ihm ein, dass seine Mutter in seiner frühesten Kindheit, ihn, wenn er die Frage tat, woher er gekommen sei, immer den Brunnen nicht weit vom haus, als den Urquell seines Daseins genannt habe. –
So oft er nun die Wörter Brunn oder Brunnquell hörte, entstand jene sonderbare Empfindung in seiner Seele, die man immer zu haben pflegt, wenn man sich an etwas aus den Jahren seiner allerfrühesten Kindheit erinnert.
Nach Hartknopfs Meinung hatte es auch mit diesen Erinnerungen eine ganz eigne Bewandniss, und er hegte hierüber seine ganz besonderen Gedanken –
"Die allerfrüheste Kindheit war ihm gleichsam der Letefluss, aus welchem wir Vergessenheit aller unsrer vorigen Zustände trinken – Der Faden, der unser gegenwärtiges Dasein an irgend ein vergangnes knüpfte, meinte er, sei hier so dünne gesponnen, dass ihn das Auge fast nicht mehr bemerken könnte; durch eine starke Hinsicht aber entdeckte man zuletzt doch etwas davon, so wie man oft am gestirnten Himmel, indem man seine Blicke fest drauf heftet, immer da einen Stern nach dem andern entdeckt, wo man vorher nur das Blaue sah." – Aber nun hat man einen Stern gesehen, und ist fest überzeugt, dass man ihn gesehen hat, und sucht allentalben mit den Augen, ohne ihn wieder finden zu können. – So zählte Hartknopf viele Augenblicke in seinem Leben, wo ihm über gewisse Dinge ein plötzliches Licht in seiner Seele aufging, aber es war auch eben so schnell wieder verschwunden – allein er wusste denn doch, dass er dieses Licht gehabt hatte – und wenn es gleich verschwand, so liess es doch immer einen sanften Schimmer, ein in der Ferne dämmerndes Abendrot zurück, welches über jede Stunde seines Lebens einen stillen Reiz verbreitete, der ihn in süsse Ahndungen und Träume einwiegte, das er sich denn gern gefallen liess, weil er, wie er sagte, doch nichts damit zu versäumen hätte.
Aber das Wiedersehen dieses Ziehbrunnen ging ihm über alles – er betrachtete ihn lange und fest, ob es noch derselbe sei, und es war derselbe, wo er als ein Kind von zwei Jahren auf den niedrigen Rand geklettert war, und seine Mutter mit Geschrei und Schelten herzueilte, um ihn aus der Gefahr zu retten – dieser heilige Brunnen, den sich seine ersten Gedanken, als den Ursprung seines Daseins gedacht hatten, in dessen Bilde gleichsam, alle die folgenden unzähligen Bilder seiner Seele zusammenströmten – Verkleinert schien sich zwar das Bild zu haben: der grosse Ziehbaum, der in der Luft schwebende Eimer, hatten ihm Gegenstände geschienen, die beinahe bis an die Wolken reichten. – –
Mögen nun Hartknopfs Grillen hierüber gewesen sein, welche sie wollen – ein Ziehbrunnen in einer Landschaft angebracht macht immer einen sonderbaren schwer zu erklärenden Effekt. Sei es nun das Einfache in dem Baue, oder sonst etwas, wodurch das Auge auf eine vorzügliche Art gerührt wird, so gibt es immer dem Ganzen das Ansehen des Ländlichen, des Altertums, und der simplen natur.
Eine Zugbrücke hat in der wirkung für mich etwas ähnliches mit jenem Bilde. Ich denke mir dabei weite Reisen – – ferne Stadt – – Anfang, Ende – – Kurz es gibt einige körperliche Gegenstände, bei deren Anblick wir eine dunkle Uebersicht unsers ganzen Lebens, und vielleicht unsers ganzen Daseins erhalten. – Diese gegenstand mögen freilich immer bei einem jeden wieder andre sein. – Was mir Hartknopf oft von Ziehbrunnen erzählt hat, das habe ich ihm wieder von der Zugbrücke gesagt, und unsre beiderseitigen Bemerkungen treffen in Ansehung der wirkung, die diese Gegenstände auf uns taten, richtig zusammen.
Wenn wir oft so miteinander aus dem Innersten unsrer Seelen heraus sprachen, so war es eine Zeitlang, als ob wir unsre Ichheit miteinander vertauscht hätten, wir fühlten uns ineinander – die innerste Folge der Gedanken