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die Gemüter, die Hartknopfen angebohren zu sein schien.

Man stand nun vom Tische auf, die Gesellschaft zerstreute sich nach und nachund ganz zuletzt taumelten denn die beiden Jünger von Emaus auch wohlbezecht von dannen.

Hartknopf und sein Vetter blieben auf dem Kirchhof alleinder Mond ging auf und beleuchtete die hohe Spitze des Kirchturms und die alten langen Fenster der Kirche. – Die beiden Vettern suchten den Grabhügel, wo Hartknopfs Eltern lagen. Sie fanden ihn endlich unter vielen herauser war schon beinahe durch die Zeit geebnet; der Staub darunter war eingesunken, und der Hügel mit

Nahe dabei lag ein alter, abgehauener Baumstamm, sie wälzten ihn heran, und setzten sich darauf

Nicht weit von hier sagte Knapp, und zeigte über zwei fremde Gräber weg, nicht weit von hier liegt meine Fraufunfzehn Jahre lang habe ich mit ihr glücklich gelebt, und von den funfzehn Jahren gereuet mich auch kein einziger Tagich habe sie doch gehabt, sagte er, sollte ich denn nun murren, dass ich sie nicht mehr habe?

Eben so wenig wie er murren kann, dass es heute nicht mehr gestern ist, antwortete Hartknopf. – Was heisst haben? – Wir haben den Tag nicht eher bis er vorbei ist. Niemand schätze sich glücklich, bis seine letzte Stunde da istWohl dem, der denn sagen kann: ich habe gelebtSeine Frau hat gelebt, lass er sie in Frieden ruhn!

Mir ist so wohl ums Herz, da ich mit ihm rede, erzähl' er mir doch nun auch seine Lebensgeschichte, wie es ihm zeitero gegangen ist, sagte Knapper geht doch nun wohl schon stark in die Vierziger, – und in Zeit von zwanzig Jahren kann einem schon vielerlei begegnendenn er mochte doch wohl ungefähr ein Bursche von neunzehn Jahren sein, da er als Geselle hier auswanderteaber das muss ich sagen, viel sorge und Kummer muss er die Zeit her nicht gehabt haben, sein Gesicht hat sich fast gar nicht verändertja! ja! ein Handwerk hat einen güldnen Boden, es lässt niemanden sinken, das habe ich immer gesagt, wenn sein Vater sich die Grille in den Kopf setzte ihn studieren zu lassenhätte sein Vater weniger über Büchern gesessen, und das verwünschte Laboriren unterwegs gelassen, so wäre ihm Haus und Hof nicht mit in Rauch aufgegangen, so hätte er nicht zuletzt in der alten Hütte wohnen, und in Kummer und Elend sterben müssen. – Er hätte denn auch nicht auswandern dürfen, lieber Andreas, und hätte bei fremden Leuten nicht sein Brodt suchen dürfen. – Doch das ist im grund einerlei, – er hat sich doch nun was versucht, und wird sich schon durchgeschlagen haben. – Aber Jammer und Schade ist es, um die schöne Schmiede, die sein Vater hier hatteGut war es, dass meine Schwester es nicht erlebte, wie sie verkauft wurde, es war ein schmuckes Mädchen, da sie seinen Vater heiratete.

Indem sie noch so miteinander sprachen, kam ein alter Greis gebückt auf einem Stabe im Mondschein daher geschlichen, bot ihnen einen guten Abend, gesellte sich zu ihnen, und setzte sich auf den Grabhügel bei ihnen nieder.

Es war der Rektor Emeritus von der lateinischen Schule in Gellenhausen, Hartknopfs ehemaliger Lehrer, der jetzt von einem Gnadengelde von jährlich funfzig Talern kümmerlich lebte. – Die Belohnung seiner treuen Dienste erwartete ihn dort oben, und nicht hienieden auf Erden. –

Er erkannte sogleich seinen ehemaligen Schüler, und eilte mit offnen Armen auf ihn zu: – so sehe ich dich denn wieder, mein Getreuer, und sehe dich weise und glücklich, das sagt mir dein blick und deine Farbe! – "und dieser Händedruck!" sagte Hartknopf, und der alte Rektor Emeritus erkannte das Zeichen ihres ehemaligen Bundes der Weissheit und Tugend, den sie ohngeachter der Verschiedenheit des Alters, zu einer ewigen Freundschaft geschlossen hattenin dem Augenblick fühlte er sich hoch begeistertdie Vergangenheit stand mit diesem Zeichen plötzlich in ihrer ganzen klarheit vor seiner Seele wieder da

Es ist voll Mittag! sagte Hartknopf und

Es ist hoch Mitternacht! antwortete der Greis.

Und Knapp sagte: es ist Zeit, dass wir zu haus gehen; denn die Luft fängt an, kühl zu werden.

Seine geschichte, Vetter, ein andermal! Morgen Abend wollen wir uns hier wieder finden, sagte der Emeritus, und zu Knapp:

Gute Nacht Herr Gevatter! denn Knapps zehnjähriger Sohn war sein Pate.

Darauf schieden sie voneinander.

Und Knapp und Hartknopf gingen zu haus und legten sich nieder.

So ward aus Morgen und Abend Hartknopfs erster Tag in seinem Geburtsorte.

Hartknopfs erstes Erwachen in seinem

Geburtsorte.

Als Hartknopf am andern Morgen die Augen aufschlug, stand ein kleines Kammerfenster offen, und er konnte durch dasselbe in der Ferne einen Hügel sehen, worauf das Gellenhausische Hochgericht stand. –

Von diesem Hügel hatte man in der ganzen Gegend umher die reizendste Aussichtgleichsam als wenn man dem Verbrecher, der hier das Ende seiner Tage finden sollte, noch zur doppelten Strafe, vorher alle Herrlichkeit der Erde zeigen wollte, die er nun auf einmal mit gesundem leib verlassen musste.

Auf diesem Hügel unter dem Galgen hatte Hartknopf oft gespielt, und mit den andern Knaben des Orts Ball geschlagen. – Von diesem Galgenhügel hatte er zuerst in Gottes schöne Welt geblickt, und seinen Vater oft gefragt, was dieser offne Torweg unter freiem Himmel