Karl Philipp Moritz
Andreas Hartknopf. Eine Allegorie
Non fumum ex fulgore
Sed ex fumo dare lucem.
Vorbericht.
Der Buchstabe tödtet,
aber der Geist macht lebendig.
Hier will ich still stehen – – sagte mein lieber Andreas Hartknopf, da er sich plötzlich, auf seiner Wanderschaft an einem breiten Graben befand, und weder Weg noch Steg sah, der ihn hinüberführen konnte; und doch war es schon beinahe dunkle Nacht, und der Wind wehte scharf aus Norden ihm einen seinen Staubregen ins Gesicht, der schon seine Kleider bis auf die Haut durchnetzt hatte – – er hat nun ausgewandert, der gute Hartknopf – – aber mir däucht, ich sehe ihn noch da stehen mit seinem langen Knotenstocke, den messingnen Kamm in sein dickes schwarzbraunes Haar geschlagen, und seinen Rock mit den steifen Schössen von oben bis unten zugeknöpft –
Er war eine gute Seele – ob er gleich in der Gotteit vier Personen annahm, und glaubte, dass die ganze Welt aus alkalischem Salz geschaffen sei – Diess öffentliche zeugnis von seinem Charakter und seinem Herzen, das gewiss ein Unparteiischer fällt, möge ihn gegen die Beschuldigungen retten, womit Bosheit und Verläumdung seinen Nahmen oft ge
Du guter Andreas Hartknopf magst wohl nicht gedacht haben, dass deine besten Freunde, die auch wie du an die Viereinigkeit, und an die Schöpfung der Welt aus alkalischem Salze glaubten, und mit dir, wie du meintest, ein Herz und eine Seele waren, dass diese dein Gedächtniss nach deinem tod so schändlich verunglimpfen würden.
Ach, es war dir auch nicht bei der Wiege gesungen, wie es dir einmal in der Welt ergehen sollte – dass du verstossen, verjagt, von aller Welt verlassen, umherirren, irgendwo ein freundliches Obdach suchen und es nicht finden solltest – dass du an die Türen deiner Brüder, deiner Freunde klopfen, und sie dir nicht aufgetan werden sollten – dass du – o nichts weiter! meine Seele ergrimmt gegen die Menschen, wenn ich bedenke, dass sie den Edelsten unter sich ausstiessen, den Diamant, der auf diese harten Kieselsteine seinen unnachahmlichen Glanz hätte werfen können, wodurch sie auch bemerkt worden wären, wenn man ihn unter ihnen gesucht hätte!
Oft unterhält sich meine Seele in einsamen Stunden mit dir in Gesprächen; ich sehe dich in meine kleine kammer treten; wir sehen uns und sehen den Himmel aus dem eröfneten Fenster an – und ob wir gleich nur gegen ein altes Gemäuer blicken, so erhebt sich doch unser Herz, wenn die Sonne darauf scheint, und unsre Seelen ergiessen sich gegeneinander in Liebe und Wärme, in süssen Gesprächen von Zukunft und Vergangenheit – –
Ich soll von dir reden, mein Guter! und rede mit dir – Steh' ich muss wieder Abschied von deinem geist nehmen, wenn ich von dir reden soll – das wird mir schwer – o habt Geduld mit mir meine Leser! es ist mir schwer geworden, mich von meinem Freunde zu trennen – ich sprach mit ihm, da ich mit euch sprechen sollte – denn ich wollte euch doch seine geschichte erzählen.
Hier will ich still stehen! sagte er also, da er plötzlich an dem breiten Graben stand, über den kein schmaler Steg ihn führte – er ging eine weite Strecke auf und ab, und fand keinen Weg hinüber – die Nacht brach immer tiefer herein – der Wind ging immer schärfer, und jagte schon den Regen in grossen Tropfen meinem Wandrer ins Gesicht – hinter ihm war ein meilenlanger Wald – Hier will ich still stehen, sagte er noch einmal – weil ich nicht weiter kann – und das will sagte er mit einem gewissen Trotz, aber auch zugleich mit einer Erhabenheit der Seele, womit er dem Regen und dem Sturmwinde zu befehlen und über die Elemente zu herrschen schien.
Ich will, was ich muss, war sein Wahlspruch bis an den letzten Hauch seines Lebens – Es war seine höchste Weissheit, der er bis zum tod getreu blieb – die ihn über die Dornenpfade seines Lebens sicher hinleitete, die ihm am rand des Grabes noch einmal ihre freundschaftliche Rechte bot.
Weil ich das nun alles weiss, und ich mich fast eben so in seine Seele hineindenken kann, als in meine eigne Seele – so genau waren wir miteinander verwebt – so kann ich nun auch das alles von ihm erzählen, was gewiss sonst niemand leicht von ihm würde erzählen können: wie seine ganze Seele dabe arbeitete, als er die Worte sagte – hier will ich still stehen bleiben! Er fühlte dabei einen unwiderstehlichen Mut, womit er der Kälte, dem Regen, dem Winde, der Dunkelheit der Nacht, und der Ohnmacht der menschlichen natur selbst Troz bot – er zog sich in sich selbst zurück, wie der Igel in seine Stacheln, wie die Schildkröte in ihr felsenfestes Haus; seine Brust war mit ehernem Mute gestählt, sein Körper zum Leiden abgehärtet – die rauhen Elemente noch immer seine Freunde, denn sie behandelten ihn gütiger, wie die Menschen.
Legen konnte er sich nicht, denn der Boden war vom Regen durchnässt – Er stand und ging am Graben auf und nieder, dann stand er wieder eine Weile, und pfiff die halbe Nacht hindurch im Winde sein Leibstückchen, dass es weit in die Ferne schallte, wo es der Wind hintrug – Ein paar Eulen auf den nahen Bäumen fingen an, statt der Nachtigall, ihn zu akkompagnieren, und ein paar Fledermäuse schwirreten statt der Lerchen ihm um den Kopf – und er ward nicht böse darüber, sondern liess sich, da er es nicht