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Sobald sich auch sein Ausdruck dahin lenkte, wurde er natürlich und wahr. – Wie er denn einmal den Auftrag erhielt, für jemanden verliebte Klagen zu dichten. – Eine Situation, in welche er sich mit aller Anstrengung nicht versetzen konnte, denn weil er gar nicht glaubte, dass er von einem Frauenzimmer je geliebt werden könnte – indem er sein ganzes Äussre einmal für so wenig empfehlend hielt, dass er gänzlich Verzicht darauf getan hatte, je zu gefallen; so konnte er sich nie in die Lage eines solchen setzen, der darüber klagt, dass er nicht geliebt wird – was er also hievon wusste, das dachte er sich bloss, ohne es je empfinden zu können. – Demohngeachtet gerieten ihm die verliebten Klagen, die er entwarf, nicht ganz übel, weil er das kurz darin zusammendrängte, was er aus Romanen und Philipp Reisers Unterredungen wusste.
– Zuletzt aber dachte er sich nun den Liebhaber in einem Zustande, wo er vom Überrest seiner Leiden niedergedrückt der Verzweiflung nahe ist, und ohne nun ferner auf die ursache der Verzweiflung Rücksicht zu nehmen, dachte er sich nun den Verzweiflungsvollen und konnte sich wieder in seine Stelle versetzen. – Der letzte Vers dieser verliebten Klagen schien ihm daher auch unter den Händen zu geraten. –
Im tiefsten, schwarzen Hain,
Wohin kein Wandrer kam,
Wo Todes Vögel schrein –
Am ausgehöhlten Stamm
Der Eiche will ich trostlos weinen,
So lange Stern' am Himmel scheinen,
Bis unter meiner Klagen laut
Der Morgen taut. – –
Zuweilen fing ihm nun auch sogar das Zärtliche an zu gelingen, wenn es mit einer gewissen sanften Schwermut vergesellschaftet war – so machte er z.B. für jemanden ein Abschiedsgedicht an dessen Geliebte – das sich nach einer bittern Klage über die Trennung schloss:
Den Abschied? – O ich kann nur weinen –
Mein Herz ist schwer und tränenvoll –
Dir müssen heitre Tage scheinen –
Geliebte – o lebe wohl, lebe wohl!
Und in seiner Rede an der Königin Geburtstage war folgende Stelle, die ich vorher nicht mit ausgezogen habe, eigentlich diejenige, wobei er am meisten und am wahrsten empfunden hatte: – – Sie lächelt – und die Fröhlichen jauchzen – Und die Traurigen trocknen vom nassen Auge die
Zähre,
Heitern den trüben blick auf zur Freud' und lächeln
und segnen
Auch dem Tag entgegen, der ihnen Charlotten zum
Trost gab. –
Auch er rechnete sich in Gedanken mit unter diese Zahl der Traurigen, die den trüben blick zur Freude aufheitern. – Und er fand weit mehr Süssigkeit darin, sich unter der Zahl der Traurigen als unter der Zahl der Fröhlichen zu denken. – Dies war wiederum te Joy of grief (die Wonne der Tränen), wohin von Kindheit an sein Herz hing. –
So brachte er nun den Winter ziemlich glücklich zu – aber da nun einmal seine Phantasie so lebhaft angeregt und sein Gemüt durch so viele sich durchkreuzende Wünsche und Hoffnungen bis auf den stärksten Grad in Bewegung gesetzt war, so musste er notwendig anfangen, das Einförmige in seiner Lage zu empfinden. – Er war in seinem neunzehnten Jahre – fünf Jahre hatte er schon die Schule besucht und wusste noch nicht, wann er die Universität würde beziehen können. – Es fing an, ihm wieder so enge in Hannover zu werden, beinahe wie damals, da ihm die Reise nach Braunschweig zu dem Hutmacher bevorstand. – Alle seine Gedanken fingen allmählich an, ins Weite zu gehen – er träumte sich in eine romanhafte Zukunft hin. –
Und da nun der Frühling herankam, so erwachte auf einmal eine sonderbare Begierde zum Reisen in ihm, die er bis dahin noch nie in dem Grade empfunden hatte. –
Bremen liegt zwölf Meilen von Hannover, und bis an den Ort, wo Reisers Eltern wohnten, war grade die Hälfte Weges bis nach Bremen – und nun von Bremen die Weser hinunter bis nach der See zu fahren – das war das grosse Projekt, womit sich Reiser schon seit einigen Wochen trug – und seine Einbildungskraft spiegelte ihm Wunderdinge von dieser Reise vor. –
Der Anblick der Weser – der Schiffe – einer Handelsstadt – beschäftigten seine Seele im Wachen und im Traume. – Er liess sich von einem seiner Mitschüler an dessen Bruder, welcher in Bremen ein Kaufmannsdiener war, einen Brief mitgeben und trat nun mit einem Dukaten in der tasche seine Reise zu fuss an. –
Dies war nun die erste sonderbare romanhafte Reise, welche Anton Raiser tat, und von der Zeit fing er eigentlich an, seinen Namen mit der Tat zu führen. –
Er hatte sich zu dieser Reise mit einer Spezialkarte von Niedersachsen – einem tragbaren Tintenfass – und einem kleinen buch von weissem Papier versehen, um über seine Reise unterwegs ein ordentliches Journal führen zu können. –
Mit jedem Schritte, den er tat, nachdem er aus den Toren von Hannover war, wuchs gleichsam seine Erwartung und sein Mut – und er war von seiner Reise so begeistert, dass er schon ein paar Meilen von Hannover sich auf einem Hügel an der Landstrasse setzte, sein Tintenfass, das mit einem Stachel versehen war, vor sich in die Erde pflanzte und auf diese Weise halbliegend anfing, in seinem Journal zu schreiben – es fuhren unten einige Kutschen vorbei, und die Leute, denen ein schreibender Mensch auf einem Hügel an der Landstrasse freilich ein sonderbarer Anblick sein musste, lehnten sich weit aus dem Schlage, um ihn zu betrachten – dies beschämte ihn etwas – aber er erholte sich bald wieder von