, waren ganz erfreut, da sie diese plötzliche günstige Wendung seines Schicksals vernahmen und den lateinischen Anschlagbogen erhielten, worauf der Name ihres Sohnes mit grossen Buchstaben gedruckt stand. –
Bei allen diesem äussern Glanz blieb nun Reiser immer noch in seiner alten wohnung, wo sein Wirt, der Fleischer, dessen Frau und Magd und ein paar Soldaten, die dort im Quartier lagen, seine Stubengesellschaft ausmachten. –
Wenn ihn nun, ungeachtet dieser schlechten wohnung, einer von seinen reichen und angesehenen Mitschülern besuchte, so machte ihm dies ein geheimes Vergnügen – dass er auch, ohne ein einladendes Logis oder sonst äussere Vorzüge zu haben, bloss um sein selbst willen gesucht würde. – Dies machte, dass er zuweilen auf seine schlechte wohnung ordentlich stolz war. –
Endlich kam nun der Tag seines Triumphes heran, wo er auf die auffallendste Art, die nur in seiner Lage möglich war, öffentlich Ehre und Beifall einernten sollte – aber eben dies erweckte bei ihm eine ganz besondre schwermütige Empfindung – auf diesen Punkt war nun bisher alle sein Wünschen und Trachten gespannt gewesen – bis auf diesen Punkt heftete sich die Aufmerksamkeit eines grossen Teils von Menschen auf ihn – und wenn nun dies vorbei wäre, so sollte das alles nachlassen, und die ganz alltäglichen Szenen des Lebens sollten dann wiederkommen. – Dieser Gedanke erweckte in Reisern sehr oft den sonderbaren, im Ernst gemeinten Wunsch, dass er am Ende seiner Rede hinfallen und sterben möchte. – Nun fügte es sich, dass gerade an dem Tage, da die Rede gehalten wurde, eine ausserordentliche Kälte einfiel, wodurch mancher zurückgehalten wurde, so dass die Anzahl der Zuhörer etwas kleiner wie gewöhnlich, aber die Versammlung doch immer noch glänzend genug war. – Indes kam Reisern an diesem Tage alles so tot, so öde vor; die Phantasie musste zurücktreten – das Wirkliche war nun da – und eben dass nun dies, wovon er so lange geträumt hatte, schon wirklich und nichts weiter als dies war, machte ihn nachdenkend und traurig – denn nach diesem Massstabe mass er nun die ganze Zukunft des Lebens ab – alles war ihm hier wie im Traume, wie in dunkler Entfernung – er konnte es sich nicht recht vors Auge bringen – mit melancholischen Gedanken bestieg er den Kateder – und während dass die Musik ertönte, ehe er noch anfing zu reden, dachte er an ganz etwas anders als an seinen gegenwärtigen Triumph – er dachte und fühlte die Nichtigkeit des Lebens – die angenehme Vorstellung seines gegenwärtigen wirklichen Zustandes schimmerte nur wie durch einen trüben Flor durch. – Um die Fortschritte, welche er damals in Ansehung des Ausdrucks seiner Gedanken gemacht hatte, zu bezeichnen, ist es vielleicht nicht unzweckmässig, aus der Rede, die er hielt, einige Stellen herauszuheben. Sie hub an: Welch ein Weihrauch steigt so sanft von
Wonnegefilden
Durch den Äter hinauf bis hin zum Trone der
Gotteit? –
O sie sind's – die Gebete glücklicher Völker – sie
wallen
Für Charlotten so sanft hinauf zum Ewgen – und
flammen usw.
– – Georg! – rauscht Harfen! tönet Jubelgesang von ganzen beglückten Nationen laut! – Und verstumme mein Lied! Denn
vergebens
Wagst du's, sein Lob, Georgens Lob zu
erschwingen – so wagts oft
Kühn des Adlers Flug bis zur Sonne sich zu erheben, Schwingt sich hoch über Felsen und Berg' und
Wolken empor, dünkt
Nun sich ihr näher und merkt nicht, dass sein
Schneckenflugimmer
Doch auf der Erde verweilt, die ihm schon
entschwand – welche Töne
Klängen stark und harmonisch genug, Georgens
erhabner
Tugend göttliche Harmonie nur schwach
nachzubilden? – usw.
– – Und Georg hebt sich nun auf den Gipfel Seiner Gröss' empor – denkt ernst an das Wohl seiner
Völker,
Denkt es – und schafft es – Und unerschüttert vom
Donner
Steht er nun da – wie die Zeder Gottes – mit ihrem
wohltätgen
Schatten schützt sie Gevögel und wild – und der
Sturmwind verschwendet
An ihren Blättern sein Toben und kräuselt ihr
laubigtes Haar. – So
Sicher in den Stürmen, die seine Scheitel umdonnern, Steht Georg – Wenn Völker toben – Doch du getreues Volk deinem König, verhülle nur dein Antlitz und
weine!
Siehe nicht, wie dein Bruder im fernen land sich
auflehnt
Gegen seinen König. – – usw. Jedes fühlende Herz wallt heute Charlotten entgegen Und verzeihts dem schwächern Jüngling – der es auch
wagte
Und Charlotten sang – doch still, mein Lied, denn
von fern rauscht
Schon des volkes Frohlocken, das seiner Königin
heute
Seinen Weihrauch streut – und laut: es lebe Charlotte! Ruft, dass Wald und Gebürg' es widerhallen: sie lebe! Reiser hatte sich bei Verfertigung dieser Rede ein Ideal in seinem kopf gebildet, das ihn wirklich begeisterte – wozu denn das kam, dass er von diesen Gegenständen öffentlich reden sollte. –
Der Gedanke füllte gleichsam die Lücken aus, wo seine Begeisterung aufhörte oder ermattete. –
Da er aber nun freilich von seinem gegenstand wenig oder gar nichts wusste, so bemühte er sich, eine Anzahl Lobreden, die auf den König und die Königin schon gehalten waren, in die hände zu bekommen; diese las er durch und abstrahierte sich daraus sein Ideal, ohne sonst aus einer einzigen sich auch nur eines Ausdrucks zu bedienen – dies vermied er so sorgfältig, als er nur immer konnte; denn vor dem Plagiat hatte er die entsetzlichste Scheu – so dass er sich sogar des Ausdrucks am Schluss seiner Rede: 'dass Wald und Gebürg' es widerhallen', schämte,