Häusern allemal die schon vorher beschriebene wirkung auf ihn. –
Seitdem er nun die Verse deklamiert hatte, wurde er fast von allen seinen Mitschülern geachtet. – Das war ihm ganz etwas Ungewohntes – er hatte in seinem Leben so etwas noch nicht erfahren – ja, er glaubte kaum, dass es möglich sei, dass man ihn noch achten könne – nach allen den bisherigen Erfahrungen bildete er sich ein, es müsse wohl etwas in seiner person oder seinen Mienen liegen, wodurch er vielleicht, so lange er lebte, lächerlich und ein Gegenstand des Spottes sein würde. – Diese Empfindung der achtung erhöhte sein Selbstbewusstsein und schuf ihn zu einem andern Wesen um – sein blick, seine Miene verwandelte sich – sein Auge wurde kühner – und er konnte, wenn jemand seiner spotten wollte, ihm jetzt so lange gerade ins Auge sehen, bis er ihn aus der Fassung brachte. –
Seine ganze äussere Lage änderte sich auch nun auf einmal. –
Durch die Verwendung des Rektors und des Pastor Marquard, die nun beide wieder die beste Hoffnung von ihm geschöpft hatten, bekam er bald so viele Unterrichtsstunden, dass ihm eine für seine damaligen Bedürfnisse ziemlich beträchtliche monatliche Einnahme daraus erwuchs, welche ihm denn freilich auch eine ganz ungewohnte Sache war, womit er nicht gehörig umzugehen wusste. – Keiner seiner reichen und angesehenen Mitschüler schämte sich nun mehr, mit ihm umzugehen und ihn in seiner schlechten wohnung zu besuchen. – Er sah sich auch noch in diesem Jahre gedruckt, indem er verschiedene kleine Neujahrwünsche in Versen für einen Buchdrucker verfertigte, welcher dergleichen gedruckte Wünsche verkaufte – ob nun gleich sein Name nicht hiebei bemerkt war und niemand wusste, dass die Verse von ihm waren, so machte ihm doch der Anblick dieser ersten gedruckten Zeilen von seiner Hand ein unbeschreibliches Vergnügen, sooft er sie ansah. – Und als nun gar einige Tage vorher, ehe die Rede gehalten wurde, auf einem lateinischen Anschlagbogen sein Name nebst den Namen noch zweier seiner Mitschüler von den angesehensten Eltern öffentlich gedruckt stand; und er nun auf diesem Anschlagbogen wirklich 'Reiserus' hiess, wie ihn der vorige Direktor einst genannt hatte; und die Zwischenzeit zwischen jener mündlichen und dieser gedruckten Benennung 'Reiserus' mit alle dem, was er darin verschuldet oder unverschuldet gelitten hatte, sich ihm lebhaft darstellte – so presste ihm dies Tränen der Freude und der Wehmut aus – denn von dieser plötzlichen Wendung seines Schicksals hatte er sich vor einem Jahre, vor einem halben Jahre noch nichts träumen lassen. – Dieser lateinische Bogen mit seinem Namen war nun am schwarzen Brette vor der Schule und an den Kirchtüren öffentlich angeschlagen, so dass Leute, die vorbeigingen, still standen, um ihn zu lesen. –
Nun war es üblich, dass die jungen Leute, welche bei dergleichen Vorfällen Reden hielten, die Honoratiores der Stadt selbst einige Tage vorher dazu einladen mussten. – Welch eine Veränderung, da Reiser, den sonst wegen seiner schlechten Kleider selbst seine Mitschüler nicht einmal auf der Strasse anzureden oder mit ihm zu gehen würdigten – nun mit dem Hut unterm Arm und den Degen an der Seite ordentlich seine Cour bei dem Prinz machte und ihn zu der Feier des Geburtsfestes seiner Schwester, der Königin von England, einlud – und wie er nun bei diesem Einladungsgeschäft sich den vornehmsten Einwohnern der Stadt zeigen konnte und von allen mit den aufmunterndsten Höflichkeitsbezeugungen aufgenommen ward. – Er hatte also, ehe er sichs versah, und da er schon gänzlich Verzicht darauf getan hatte, das ehrenvollste Ziel erreicht, nach welchem ein Primaner in Hannover nur streben konnte, und welches nur von wenigen erreicht wurde. –
Diese den jungen Leuten selbst übertragene Einladungen haben wirklich etwas sehr Aufmunterndes und sind in mancher Absicht zur Nachahmung zu empfehlen ... – Reiser ward durch diese Einladungen während einer Zeit von wenigen Tagen in eine Welt geführt, die ihm bisher ganz unbekannt gewesen war – er unterhielt sich mit Ministern, Räten, Predigern, Gelehrten, kurz mit Personen aus allerlei Ständen, die er bisher nur in der Entfernung angestaunt hatte, Mund gegen Mund; und alle diese Personen liessen sich mit Höflichkeitsbezeugungen zu ihm herab und sagten ihm etwas Angenehmes und Aufmunterndes, so dass Reisers Selbstgefühl in diesen wenigen Tagen mehr als vorher in Jahren gewann. – Er lud auch den Dichter Hölty ein, den er aber bei dieser gelegenheit nur wenig kennen lernte; denn Reisers Schüchternheit konnte nur durch eine gewisse Zutraulichkeit, die man ihm bewies, gehoben werden, und diese war Höltys Sache nicht, der bei der ersten Unterredung mit einem Unbekannten allemal etwas verlegen war. – Reiser nahm diese Verlegenheit für Verachtung, die ihn desto mehr kränkte, je grösser seine achtung für Hölty war, und so wagte er es nicht, ihn wieder zu besuchen. –
Wenn er nun den Tag über seine glänzende Rolle ausgespielt hatte, so ging er des Abends zu seinem Essigbrauer, wo denn auch Philipp Reiser und Winter und der andre junge Mensch, den sein Beispiel zum Studieren aufgemuntert hatte, waren, die ihn mit offenen Armen empfingen – und denen er von seinen Besuchen und den Personen, die er kennen gelernt hatte, erzählte – und auf die Weise die Freude über seinen Zustand mit ihnen teilte. –
Die Frau Filter und sein Vetter, der Perückenmacher, und alle die Leute, welche ihm Freitische gegeben hatten, bewetteiferten sich nun, ihm ihre Freude und Teilnehmung zu bezeigen. – Seine Eltern, die lange nichts von ihm gehört und ihre Hoffnung auf ihn schon längst aufgegeben hatten