Da nun hier niemand zu sehen war, so fing Winter an zu rufen ubi? – und eine stimme in der Ferne antwortete hic! – sie gingen darauf in das eigentliche Brauhaus dicht neben dem Revier, wo die Fässer standen, und der Essigbrauer in seinem weissen Kamisol und blauen Schürze mit aufgestreiften Armen stand am Fenster und schrieb – er wäre gleich fertig, sagte er, darauf gab er an Winter ein Papier, worauf einige lateinische Verse standen, die er soeben für ihn verfertigt hatte. –
Der Essigbrauer schien Reisern ein Mann von ungefähr dreissig Jahren zu sein – in jeder Bewegung seiner Muskeln, in dem zuckenden blick seiner Augen schien sich in sich selbst zurückgedrängte Kraft zu äussern. – Gleich der erste Anblick des Essigbrauers flösste Reisern Ehrfurcht ein – dieser aber schien sich erst gar nicht um ihn zu bekümmern, sondern sprach mit Winter über einige neue Musikalien und andere Sachen, wobei er kein Wort anders als plattdeutsch sprach und sich doch dabei so richtig und edel ausdrückte, dass selbst das gröbste Plattdeutsch in seinem mund einen gewissen Reiz gewann, der verursachte, dass man mit Vergnügen und Bewunderung, wenn er sprach, an seinen Lippen hing, wie Reiser nachher oft erfahren hat, wenn dieser Essigbrauer zwischen seinen Fässern Weisheit lehrte. –
Weil es schon ein ziemlich kalter Herbstabend war, so führte der Essigbrauer seine beiden Gäste in seinen geheizten Prunksaal, wo die langen Reihen Fässer standen, und wo er ihnen eine Art von süssem, sehr wohlschmeckenden Bier vorsetzte, wobei denn das Gespräch allgemein wurde; und da die Rede auf einen gemeinschaftlichen Bekannten, einen alten Mann, fiel, der sehr viel Drollichtes und Sonderbares an sich hatte, fing der Essigbrauer an, den ganzen Charakter dieses Mannes mit Sternischer Laune bis auf das kleinste Detail zu schildern. – Hernach las er etwas aus dem Tom Jones mit solchem Ausdruck und einer so wahren und richtigen Deklamation vor, dass Reiser nicht leicht irgendwo eine bessere Unterhaltung gefunden hatte und dem jungen Winter beim Weggehen sein Vergnügen über diese Bekanntschaft nicht genug beschreiben konnte. –
Er besuchte von nun an entweder in Winters Gesellschaft oder allein den Essigbrauer fast alle Abend und fand sich hier, wenn sie bei der hangenden Lampe zwischen den Fässern am warmen Ofen auf ihren hölzernen Schemeln sassen und im Tom Jones lasen oder Charakterschilderungen machten, so glücklich und vergnügt, als er noch nie, ausgenommen mit Philipp Reisern, gewesen war – allein in dem Umgange mit dem Essigbrauer fühlte er sich allemal erhoben und gestärkt, sooft er bei sich erwog, dass ein Mann von solchen Kenntnissen und Fähigkeiten sich mit solcher Geduld und Standhaftigkeit der Seele seinem Schicksale unterwarf, welches ihn von allem Umgange mit der feinern Welt und von aller Nahrung des Geistes, die ihm daraus hätte zuströmen können, gänzlich ausschloss. – Und eben der Gedanke, dass ein solcher Mann so versteckt und in der Dunkelheit lebte, machte Reisern den Wert desselben noch auffallender – so wie ein Licht in der Dunkelheit stärker zu leuchten scheint, als wenn sein Glanz sich unter der Menge andrer Lichter verliert. –
Als Essigbrauer war K ..., so hiess er, wirklich ein grosser Mann, das er vielleicht auch als Gelehrter, nur nicht in dem Mass gewesen wäre – weil ohne diesen Kampf mit seinem Schicksale die erhabene duldende Kraft seiner Seele nicht so hätte geübt werden können. – Es mochte wohl keine menschenfreundliche Tugend geben, welche ihm in seiner Lage auszuüben möglich war, und die er nicht ausgeübt hätte. –
Von seinem sauer erworbenen Verdienst ersparte er immer so viel, dass er einige junge Leute, zu deren Bildung beizutragen die Freude seines Lebens machte, zuweilen des Abends an seinem Tische bewirten und auch wohl manchmal einen Spaziergang mit ihnen machen konnte, wobei er sich allemal das Vergnügen machte, zu bezahlen, was sie verzehrten. – Auch unterstützte er noch überdem eine arme Familie täglich mit einem Groschen, den er sich von seinem geringen Verdienst abzog – denn er war eigentlich nur Knecht in dieser Brauerei, worin sein Vetter, ein alter abgelebter Greis, für den er die Arbeit mit verrichtete, Meister war. –
Winter und Philipp Reiser und der Essigbrauer waren jetzt Reisers vorzüglichster Umgang, wozu noch ein junger Mensch kam, der, durch Reisers Beispiel aufgemuntert, ungeachtet der Armut seiner Eltern auch den Entschluss gefasst hatte, zu studieren. – Auch diesen suchte der Essigbrauer durch Winter an sich zu ziehen, um zu der Bildung seines Geistes beizutragen. – Seine Unterredungen waren grösstenteils wahre sokratische gespräche, die er oft mit dem feinsten Spott über die kindische Torheit oder Eitelkeit seiner jungen Gesellschafter würzte. –
Da nun der Winter herankam, widerfuhr Reisern eine Aufmunterung, die noch mehr als alles Vorhergehende wieder seinen Mut belebte. – Er erhielt nämlich vom Direktor den ehrenvollen Auftrag, auf den Geburtstag der Königin von England, welcher im Januar eintraf, eine deutsche Rede zu verfertigen, die er bei dieser Feierlichkeit halten sollte.
Dies war nun das höchste und glänzendste Ziel, wornach ein Zögling dieser Schule nur streben konnte und wozu nur sehr wenige gelangten: denn gemeiniglich wurden sonst die Reden an des Königes und der Königin Geburtstage nur von jungen Edelleuten gehalten. – Bei dieser Feierlichkeit pflegten der Prinz und die Minister nebst allen übrigen Honoratioren der Stadt zugegen zu sein – welche einem solchen jungen Menschen, der nun als die Hoffnung des staates betrachtet wurde, nach geendiger Rede ordentlich Glück wünschten – ein Anblick, der Reisern oft niederschlug, wenn er dachte, dass er zu