die gute Aufnahme seiner Gedichte zu haus. – Den andern Tag verkündigte er Philipp Reisern sein Glück, der sich aufrichtig mit ihm darüber freute, dass man nun einmal aufhören würde, ihn zu verkennen, und nun vielleicht glücklichere Tage auf ihn warteten. –
Nun fügte es sich, dass Reiser in der folgenden Woche am Montag Morgen etwas spät in die erste Lehrstunde kam, welche der Direktor hielt, und in welcher er die lateinischen Aufsätze ohne Nennung der Namen öffentlich zu beurteilen pflegte. – Und da er nun in den Hörsaal trat, hörte er den Anfang seines Gedichts 'Der Gottesleugner' vom Direktor, der auf dem Kateder sass, ablesen und Zeile vor Zeile kritisieren. – Reiser konnte erst kaum seinen Ohren trauen, da er dies hörte – sobald er hereintrat, waren aller Augen auf ihn gerichtet – denn diese öffentliche Kritik war die erste in ihrer Art. –
Der Direktor mischte so viel aufmunterndes Lob unter seinen Tadel und bezeigte über die beiden Gedichte, die Reiser deklamiert hatte, im Ganzen genommen so sehr seinen Beifall, dass dieser von dem Tage an die achtung seiner Mitschüler, deren Spott er so lange gewesen war, erhielt und auf die Weise eine neue Epoche seines Lebens anfing. –
Sein poetischer Ruhm breitete sich bald in der Stadt aus – er bekam von allen Seiten Aufträge, Gelegenheitsgedichte zu machen – und seine Mitschüler wollten alle von ihm in der Poesie unterrichtet sein und das Geheimnis, wie man Verse machen könne, von ihm lernen. – Auch wurden dem Direktor nun so viele Verse ins Haus gebracht, dass dieser es endlich untersagen musste – auch hat er nachher nie wieder öffentlich Verse kritisiert. –
Was Reisern am meisten bei der Sache freute, war der merkliche Fortschritt, den er seit einem Jahre in Ansehung der Bildung seines Geschmacks getan zu haben glaubte, da ihm vor einem Jahre das Gedicht an die Gottesleugner, welches er jetzt höchst abgeschmackt fand, noch so sehr gefallen hatte, dass er es der Mühe wert hielt, es auswendig zu lernen. – Aber in dies Jahr hatte sich auch die Lektüre des Shakespeare, des Werters und der vielen vorzüglichen Gedichte in den neuen Musenalmanachen nebst seinem Studium der Wolfischen Philosophie zusammengedrängt, wozu noch die Einsamkeit und der stille ungestörte Naturgenuss kam, wodurch sein Geist zuweilen in einem Tage mehr als vorher in ganzen Jahren an Kultur gewann. – Man fing nun auch an, wieder auf ihn aufmerksam zu werden, und diejenigen, welche bisher geglaubt hatten, dass nichts aus ihm werden würde, fingen nun wieder an zu glauben, dass doch noch wohl etwas aus ihm werden könnte. –
Bei dieser bessern Wendung seines Schicksals behielt Reiser demohngeachtet noch immer seine schwermütige Laune bei, woran er nun einmal ein besonderes Behagen fand; und selbst an dem Tage, da ihm die unerwartete Ehre der öffentlichen Kritik seiner Gedichte widerfahren war, ging er den Nachmittag einsam und schwermütig bei dem trüben und regnigten Wetter in der Stadt umher – und wollte am Abend zu Philipp Reisern gehen, um diesem sein Glück zu sagen. – Da er nun hinkam, fand er ihn nicht zu haus, und alles war ihm nun so tot, so öde – er konnte sich seines Glücks, die achtung der Menschen, die ihn zunächst umgaben, in gewissem Masse gewonnen zu haben, nicht recht freuen, weil er es seinem Freunde nun nicht hatte erzählen können. –
Und da er nun traurig vor sich hin wieder nach haus kehrte, verfolgte er die idee des Nichtzuhausefindens, des Rückkehrens mit kummerbeladenem Herzen, wenn er seinem Freunde ein Leiden hätte klagen wollen, bis zu dem fürchterlichen Gedanken, dass er ihn tot gefunden habe und nun verzweiflungsvoll selbst sein Glück verwünschte, weil er das grösste Glück des Lebens, einen treuen Freund, verloren hatte. – Daraus bildeten sich denn wieder folgende Verse, die er aufschrieb, als er zu haus kam –
Ich suchte meinen Freund,
Wollt' ihm sagen meine Leiden
Und fand ihn nicht – –
Da ging ich bekümmert
Mit schwerem Herzen
In meine Hütte zurück. – –
Ich suchte meinen Freund,
Wollt' ihm sagen meine Freuden
Und fand ihn nicht – –
Da ward ich so traurig,
Als freudig ich vor war,
Und ging und schwieg. –
Ich suchte meinen Freund,
Wollt' ihm sagen mein Glück
Und fand ihn tot – –
Da verflucht' ich mein Glück
Und tat einen Schwur,
So lange mein Auge noch Tränen weint,
Zu trauren um diesen einen Freund,
Denn diesen einen Freund hatte' ich nur. –
Um diese Zeit machte er nun auch durch den Sohn des Kantors Winter eine sehr interessante Bekanntschaft mit dem philosophischen Essigbrauer, womit ihn dieser schon vor einem halben Jahre hatte bekannt machen wollen und immer nicht dazu gekommen war. –
Winter holte ihn also eines Abends ab, und Reiser war voller Erwartung – unterwegs unterrichtete ihn Winter, wie er sich bei dem Essigbrauer nehmen, dass er nicht guten Abend und, wenn er wegginge, nicht gute Nacht sagen solle. – Dann kamen sie auf der langen Osterstrasse, die voller altfränkischen Häuser ist, durch den grossen Torweg über einen langen Hof in das Brauhaus, wo der Essigbrauer hinten hinaus sein abgesondertes Revier hatte, in welchem die Fässer in einem grossen Verschlage, wo beständig eingeheizt ist, reihenweise nebeneinander standen, so dass sie eine Art von langen Gängen bildeten, in welchen man sich verlieren konnte. – Wenn man hier sprach, so schallte es dumpf wieder. –