1785_Moritz_072_92.txt

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Den Geist voll ewger Huld, zum Herren über dir? – Wohl! – so erkenne denn die Qualen, die dich

brennen,

Der Elemente Wut zu Herren über dirDroht dir am Himmel hoch ein schwarzes

Donnerwetter,

Braust dort das hohle Meerruft hier ein offnes

Grab

Dann, Frevler, bete an! – denn das sind deine Götter, Die dir Vernünftigen dein toller Wahnsinn gab! Und droht die Krankheit dir mit schreckendem

Gefieder

Nagt nun am Herzen dirund grinset dann der Tod, Des Grabes Schreckenbild dich anso falle nieder Vor ihm und bet ihn an! – Verwesung ist dein Gott! Dann sinke in dein Grabvereine mit dem Staube Die Seele, die dein Wahn hier in dir selbst begrubUnd werde, wenn du kannst, dem ewgen Nichts zum

Raube,

Du, den zum denkenden Geschöpfe Gott erhub. – Wer seinen Gott verkennt, dem wird die Welt zur

Hölle

Er selbst ist nur ein Traum, und um ihn her ist

Wahn

Doch denke einen Gott, und schnell wirds um dich

helle

Und deine Seele schwingt sich mächtig himmelan. – Durch die Empfindungen, welche während der Zeit, dass er dies Gedicht verfertigte, in ihm abwechselten, war wirklich seine ganze Seele erschütterter bebte vor dem schrecklichen Abgrunde des blinden Ohngefährs, an dessen rand er schon stand, mit Schaudern und Entsetzen zurück und schmiegte sich gleichsam mit allen seinen Gedanken und Empfindungen in die tröstende idee von dem Dasein eines alles regierenden und lenkenden gütigen Wesens hinein. –

Da nun dies Gedicht auch seines Freundes völligen Beifall fand, so lernte er es auswendig, und den nächsten Tag in der Woche, da Deklamationsübung war, nahm er sich vor, es zu deklamieren. – Er erschien hierbei mit seinem neuangeschafften Kleide, das sich ziemlich gut ausnahm und das erste feine Kleid war, welches er in seinem Leben trugdas war ein nicht unbedeutender Umstand bei ihm. – Das neue Kleid, wodurch er sich nun seinen Mitschülern, von denen er so lange durch seine schlechte Kleidung ausgezeichnet gewesen war, wieder gleichgesetzt sah, flösste ihm Mut und Zutrauen zu sich selber ein; und was das Sonderbarste war, so schien es ihm auch mehr achtung bei andern zu erwerben, die nun erst mit ihm sprachen, da sie sich vorher gar nicht um ihn bekümmert hatten. –

Und da er nun vollends in dem Hörsaale, wo er so lange ein Gegenstand der allgemeinen Verachtung gewesen war, auf dem Kateder vor seinen versammleten Mitschülern öffentlich auftrat, um sein von ihm selbst verfertigtes Gedicht zu deklamieren, so erhob sich sein niedergedrückter Geist zum ersten Male wieder, und es erwachten wieder Hoffnungen und Aussichten auf die Zukunft in seiner Seele. –

Er hatte dem Direktor eine Abschrift von dem Gedichte zum Nachlesen gegeben, die ihm dieser wieder zurückgab, ohne dass Reiser in Versuchung geriet, ihm zu sagen, dass er das Gedicht selbst verfertigt habeer war mit dem inneren Bewusstsein davon zufrieden, und es war ihm angenehm, wenn seine Mitschüler sich bei ihm erkundigten, wo das Gedicht, das er deklamiert hätte, stünde, und er ihnen dann irgendeinen Dichter nannte, woraus er es abgeschrieben habe. –

Reiser bat sich vom Direktor die Erlaubnis aus, in der künftigen Woche noch einmal deklamieren zu dürfen, und da er diese erhielt, änderte er das Gedicht an Philipp Reisern:

Dir, Freund, will ich mein Leiden klagen

etwas um und gab ihm die Überschrift: 'Die Melancholie.' – Er liess dies Gedicht nun anfangen:

Der Seele Leiden will ich klagen

Könnt ihr es, Worte, halb nur sagen,

O sagts und lindert meinen Schmerz!

Die letzte Strophe:

Wem soll ich dieses Dasein danken?

Wer setzt ihm diese engen Schranken?

Aus welchem Chaos stiegs empor?

In welche greuelvolle Nächte

Sinkts, wenn des Schicksals ehrne Rechte

Mir winket zu des Todes Tor?

deklamierte er mit einem wirklichen Patos, das er in stimme und Bewegung äusserte, und blieb, nachdem er schon stillgeschwiegen hatte, noch einen Augenblick mit emporgehobnen Arm stehen, der gleichsam ein Bild seines fortdaurenden unaufgelösten schrecklichen Zweifels blieb.

Da er nun von dem Direktor die Abschrift seines Gedichts wieder zurückerhielt, gab ihm dieser seinen Beifall mit seiner Deklamation zu erkennen und sagte zugleich, die beiden Gedichte, welche er deklamiert hätte, wären sehr gut ausgewählt. –

Dies war denn doch zu viel für Reisern, als dass er länger der Versuchung hätte widerstehen können, den Direktor wissen zu lassen, dass die Gedichte von ihm selber wären, und den Beifall, der jetzt nur seine Auswahl traf, für seine Arbeit einzuernten.

Indes schwieg er jetzt noch stille und wartete ein paar Tage, bis er ohnedem zu dem Direktor gehen musste, um ihm einen lateinischen Aufsatz, den er, so wie seine Mitschüler, wöchentlich zur Übung im Stil verfertigen musste, zur Durchsicht zu bringen; und bei dieser gelegenheit überreichte er denn dem Direktor eine Abschrift von den beiden Gedichten, die er deklamiert hatte, und sagte ihm, dass er selbst der Verfasser davon wäre. –

Des Direktors Mienen, der ihn sonst ziemlich gleichgültig angesehen hatte, heiterten sich sichtbar gegen ihn auf, da er dies sagte, und von dem Augenblick an schien dieser Mann sein Freund zu werdener liess sich mit ihm in ein Gespräch über die Dichtkunst ein, erkundigte sich nach seiner Lektüre, und Reiser ging mit freudenvollen Herzen über