auf die natur, die wie eine Dame vor Gott niederknieen sollte – welches zu gewagte Bild er tadelte. – Während dass Philipp Reiser also Klaviere machte, um zu leben, beschäftigte sich Anton Reiser damit, Verse zu machen, welche jener ihm kritisieren musste, der selbst nie einen Vers zu machen versucht hatte und also auch nicht eifersüchtig war auf ihn – vielmehr gab er ihm zuweilen selbst ein Tema zu bearbeiten – wie unter andern einmal, dass er Philipp Reisers Zustand, seine verliebten Leiden, sein Emporarbeiten und wieder Sinken in dessen Namen besingen sollte – und ohne dass damals noch an den Mond so viele Seufzer und verliebte Klagen wie nachher im Siegwart und unzähligen Liedern gerichtet waren, hub Reiser seinen Gesang an:
Was blickest du so mitleidsvoll
Vom Himmel, stiller Mond, mich an?
Weisst du vielleicht den Kummer wohl,
Den ich nur leise klagen kann? usw.
Und dann in einem der folgenden Verse in Beziehung auf Reisers Zustand:
Oft will ich mich erheben
Und sinke schwer zurück;
Und fühle dann mit Beben
Mein trauriges Geschick. –
Bei diesem allen versäumte auch Anton Reiser damals seine öffentlichen Schulstunden nicht, wo der neue Direktor, der, wie schon erwähnt ist, bei ein wenig Pedanterie doch im grund ein Mann von Geschmack sowohl als Kenntnissen war, Deklamationsübungen anstellte, die Reisers ganzen Ehrgeiz rege machten. –
Allein derjenige, welcher nun zum Deklamieren öffentlich auftreten wollte, musste wenigstens ein gutes Kleid haben, welches Reisern fehlte, der ausser seinem Kleide von bedientenmässigen grauen Tuche nichts als einen alten Überrock hatte, und in keinem von beiden wagte er es aufzutreten. – Seine schlechte Kleidung war es also, welche ihm hier aufs neue im Wege stand und seinen Mut niederschlug.
Endlich wurde denn doch auch dies Hindernis gehoben, indem der Prinz wieder so viel für ihn hergab, dass ihm ein gutes Kleid konnte geschafft werden. –
Und nun ging alle sein Denken und Trachten dahin, wie er ein Gedicht verfertigen wolle, das er für würdig hielt, es öffentlich zu deklamieren. –
Nun war es gar nicht gewöhnlich, dass irgend jemand ein Gedicht, welches er deklamieren wollte, selbst verfertigte, sondern ein jeder schrieb sich irgendwo eins aus und legte beim Deklamieren das Papier vor sich hin oder gab es dem Direktor, welcher nachlas. –
Reiser hatte sich nun aber einmal darauf gesetzt, das Gedicht, welches er zuerst deklamieren wollte, selbst verfertigt zu haben – er war nun nur noch um einen würdigen Stoff verlegen, vorzüglich wünschte er einen solchen Stoff zu bearbeiten, wobei sich viel Deklamation anbringen liesse. –
Und da er nun einmal an einem schönen Abend bei hellem Mondschein ganz voll von diesem Gedanken um den Wall spazieren ging, so erinnerte er sich an ein Gedicht gegen die Gottesleugner, das er ein paar Jahre vorher wegen des deklamatorischen Ausdrucks, der darin herrschte, fast auswendig gelernt hatte, das ihm aber in Ansehung der Gedanken jetzt höchst abgeschmackt vorkam – indes wurde dieser Gegenstand ihm in dem Augenblick so lebhaft – dass er noch einmal den Spaziergang um den Wall machte und während dieser Zeit sein Gedicht der Gottesleugner in seinem kopf vollendet hatte. –
Seine Gedanken hatten eine eigne Wendung genommen, welche von der alltäglichen in dem Gedichte, das er auswendig wusste, ganz verschieden war. – Er dachte sich den Gottesleugner als den Sklaven des Sturmwindes, des Donners, der tobenden Elemente, der Krankheit und der Verwesung, kurz als den Sklaven aller der unvernünftigen leblosen Wesen, die stärker sind als er, und die nun seine Herren geworden sind, da er den Geist voll ewger Huld nicht verehren will. – Das Bedürfnis, einen Gott zu glauben, erwachte bei dieser gelegenheit, da er erst bloss damit umging, ein Gedicht zu verfertigen und zu deklamieren, so mächtig in Reisers Seele, dass er gegen den, der diesen Trost ihm rauben wolle, gleichsam eine Art von gerechter Erbitterung fühlte und sich in diesem Feuer erhalten konnte, bis sein Gedicht vollendet war, das sich mit der frohen Überzeugung von dem Dasein einer vernünftigen ursache aller Dinge, welche sind und geschehn, anhub und endigte, und bei aller Unregelmässigkeit und dem oftmals Gezwungnen im Ausdruck doch ein Ganzes von Empfindungen ausmachte, welches Reisern bis jetzt hervorzubringen noch nicht gelungen war. – Die Mitteilung dieses Gedichts wird daher in dieser Rücksicht nicht überflüssig sein, wenn es gleich um sein selbst willen keine Aufbewahrung verdiene:
Der Gottesleugner
Es ist ein Gott – wohl mir! Dem Vater meiner Tage, Ihm dank' ich mein Geschick – er wog mir jeden
Schmerz
Und jede Freude zu – er kennet jede Plage, Die ich hier leiden soll – drum weine nicht, mein
Herz!
Wenn sich der Morgen schön aus brauner Nacht
entüllet,
So töne froh dein Lied dem Ewgen, der ihn schuf! Und wenn sein Donner laut in hohlen Lüften brüllet, So töne froh dein Lied dem Ewgen, der ihn schuf! O freue früh und spät dich seiner, meine Seele! Lob' ihn – denn ein Gedank' an ihn ist Seligkeit, Und leben ohne Gott und denken – ist die Hölle, Und jeder Seelenblick ein Quell von ewgem Leid. Du, der du zweifelst, ob ein Gott im Himmel wohnet, Tor, o verbanne schnell den Zweifel aus der Brust – Der dir mit tausend Qual und mit der Hölle lohnet, Und denke einen Gott – und fühle Himmelslust! Du kannst, du willst ihn nicht, den guten Gott,
erkennen