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Und schwimmt in einem Freudenmeere,

Weil sie sich ihres Gottes freut.

So wie er nun den Begriff von Gott in ein Gedicht gezwängt hatte, suchte er auch den Begriff von der Welt in Verse zu bringen. – So lief seine ganze Dichtkunst auf allgemeine Begriffe hinaus. – Das Detail der natur in und ausser dem Menschen zu schildern, dahin zog ihn seine Neigung nie. – Seine Einbildungskraft arbeitete beständig, die grossen Begriffe von Welt, Gott, Leben, Dasein usw., die er mit seinem verstand zu umfassen gesucht hatte, nun auch in poetische Bilder zu kleidenund diese poetischen Bilder selbst waren immer das Grosse in der natur, als Wolken, Meer, Sonne, Gestirne usw.

Das Gedicht über die Welt war weit mehr Spekulation als Gedicht und wurde daher das Gezwungenste, was man sich denken kann, es hub sich an:

Der Mensch entschwinget sich dem Staube

Und mit ihm seine Welt

Dem grab wird der Mensch zum Raube

Und mit ihm seine Welt

Philipp Reiser tadelte dies Gedicht durchweg, ausgenommen folgenden Vers, den er erträglich fand:

Der häuft sich seine Welt mit Schätzen

Und der mit Lorbeern an;

Und jeder findet sein Ergötzen

Am Spiel, das er ersann. –

Reisers Phantasie lag jetzt mit seiner Denkkraft im Kampfe; sie wollte bei jeder gelegenheit in das Gebiet derselben eingreifen und die allerabstraktesten Begriffe wieder in Bilder hüllen. – Dies war für Reisern oft ein ängstlicher qualvoller Zustandund in einem solchen Zustande hatte er das Gedicht über die Welt hervorgebracht, das weder eigentliche Spekulation noch Poesie, sondern ein verunglücktes Mittelding von beiden war.

Da nun eine Zeitlang regnigtes Wetter einfiel, so wich Reiser dennoch nicht von seiner einsamen poetischen Lebensart ab.

Er schloss sich in seine kammer ein, wo er ein altes baufälliges Klavier für sich selbst, so gut er konnte, wieder zurecht brachte und es mit vieler Mühe stimmte. – Bei diesem Klaviere sass er nun den ganzen Tag und lernte, da er die Noten kannte, fast alle Arien aus der Jagd, aus dem Tod Abels usw. für sich selber singen und spielendazwischen las er den Tom Jones von Fielding und Hallers Gedichte verschiedenemal durch und brachte einige Wochen in dieser Einsamkeit fast ebenso vergnügt zu als die, wo er in seinem vorigen Logis auf dem Boden Philosophie studierte. – Hallers Gedichte konnte er beinahe auswendig.

Hier besuchte ihn Philipp Reiser einmal eines Nachmittags und gab ihm den Auftrag, eine Chorarie zu verfertigen, die er alsdann in Musik setzen wolle. – Dies war für Anton Reisern ein so ehrenvoller und ermunternder Auftrag, dass er sich, sobald er allein war, zum Dichten hinsetzte, und indem er immer einen Akkord auf dem Klavier dazwischen anschlug, in weniger als einer Stunde folgende Verse hervorgebracht hatte:

Der Herr ist Gott – o falle nieder

Und rausche mächtig hohe Lieder

Dem Ewgen, der dich schuf, natur!

Rauscht eures Gottes Lob, ihr Winde,

Verkündigt es, ihr stillen Gründe,

Ihr Blumen, duftet's auf der Flur!

––––––

Ihr Wolken donnert ihm zu Ehren,

Seid nicht zu seinem Lobe stumm,

Ihr Höhlen und ihr Felsengänge,

Und widerhallt die Lobgesänge

Zu eures grossen Schöpfers Ruhm!

Und was nur lebt und denkt auf Erden,

Das müsse ganz zum Danke werden

Und loben Gott durch Fröhlichkeit

So wird dem Schöpfer aller Wesen

Von dem, was er zum Sein erlesen,

Ein ewigtönend Lied geweiht.

Philipp Reiser setzte also diese Verse in Musik, und sie wurden nun wirklich im Chore gesungen, ohne dass jemand den Verfasser wusste. – Das neue Stück fand viel Beifall, und jedermann war besonders mit dem Text zufriedenes schmeichelte auch Anton Reisern nicht wenig, da er seine eignen Worte von seinen Mitschülern, die ihn so verachteten, singen und sie ihren Beifall darüber bezeigen hörte, – aber er sagte keinem einzigen, dass die Verse von ihm wärensondern genoss lieber bei sich selbst des stillen Triumphs, den ihm dieser ungesuchte Beifall gewährte. –

Seine Gedanken waren es doch, die jetzt zu so oft wiederholten Malen, als das neue Stück gesungen wurde, die Aufmerksamkeit einer Anzahl Menschen, die sangen, und derer, die zuhörten, beschäftigtenwenn irgend etwas fähig ist, der Eitelkeit eines Menschen, der Verse macht, Nahrung zu geben, so ist es, wenn man die Gedanken und Ausdrücke desselben für würdig hält, in Musik gesetzt zu werden. – Jedes Wort scheint dadurch gleichsam einen höhern Wert zu erhaltenund die Empfindung, welche Anton Reisern darüber anwandelte, wenn er seine Arien singen hörte, mag vielleicht bei einem jeden, der einmal sein eigenes Singestück vollstimmig und bei einer beträchtlichen Anzahl Zuschauer aufführen hörte, sich im inneren seiner Seele geregt haben; auch hat man lebende Beispiele davon, was dergleichen Triumphe für unerhörte Ausbrüche der Eitelkeit bei gewissen Personen veranlasst haben. –

Anton Reisers Triumph dauerte nicht langedenn sobald man erfuhr, wer der Verfasser dieser Verse sei, so fand man daran allerlei zu tadeln, und einige von den Chorschülern, welche Kleists Gedichte gelesen hatten, behaupteten geradezu, dass sie aus dem Kleist ausgeschrieben wären. – Nun mochten freilich wohl Reminiszenzien darin sein, aber der letzte Gedanke, von dem, was Gott zum Sein erlesen habe, drehte sich wieder um Reisers metaphysische Spekulation, inwiefern nur den lebenden und denkenden Geschöpfen eigentliches Dasein zugeschrieben werden könne. – Philipp Reiser war mit diesem Gedichte auch insoweit zufrieden, bis