oder Horaz las. –
Allein die zu oft wiederholte Lektüre des Werters brachte seinen Ausdruck sowohl als seine Denkkraft um vieles zurück, indem ihm die Wendungen und selbst die Gedanken in diesem Schriftsteller durch die öftere Wiederholung so geläufig wurden, dass er sie oft für seine eigenen hielt und noch verschiedene Jahre nachher bei den Aufsätzen, die er entwarf, mit Reminiszenzien aus dem Werter zu kämpfen hatte, welches der Fall bei mehrern jungen Schriftstellern gewesen ist, die sich seit der Zeit gebildet haben. – Indes fühlte er sich durch die Lektüre des Werters ebenso wie durch den Shakespeare, sooft er ihn las, über alle seine Verhältnisse erhaben; das verstärkte Gefühl seines isolierten Daseins, indem er sich als ein Wesen dachte, worin Himmel und Erde sich wie in einem Spiegel darstellt, liess ihn, stolz auf seine Menschheit, nicht mehr ein unbedeutendes weggeworfenes Wesen sein, das er sich in den Augen andrer Menschen schien. – Was Wunder also, dass seine ganze Seele nach einer Lektüre hing, die ihn, sooft er sie kostete, sich selber wiedergab! –
Nun fiel auch in diesen Zeitpunkt gerade die neue Dichterepoche, wo Bürger, Hölty, Voss, die Stollberge usw. auftraten und ihre Gedichte zuerst in den Musenalmanachen drucken liessen, die damals ihren Anfang genommen hatten. – Der diesjährige Musenalmanach entielt vorzüglich vortreffliche Gedichte von Bürger, Hölty, Voss usw. –
Die beiden Balladen Leonore von Bürger und Adelstan von Hölty lernte Reiser sogleich auswendig, wie er sie las – und diese beiden auswendig gelernten Balladen sind ihm nachher auf seinen Wanderungen oft sehr zustatten gekommen. Schon damals versammlete er öfters in der Dämmerung des Abends entweder bei seinem Wirt zu haus oder bei seinem Vetter, dem Perückenmacher, einen Zirkel um sich her und deklamierte Leonore oder Adelstan und Röschen – und teilte auf die Weise mit den Verfassern das Vergnügen des Genusses von dem Beifall, den ihre Werke erhielten – denn so gut war er gesinnt, dass er diesen Beifall immer in ihrer Seele fühlte und sie sich in denselben Zirkel wünschte. – Aber seine Verehrung gegen die Verfasser solcher Werke, wie die Leiden des jungen Werters und verschiedene Gedichte im Musenalmanach waren, fing auch nun an, ausschweifend zu werden – er vergötterte diese Menschen in seinen Gedanken und würde es schon für eine grosse Glückseligkeit gehalten haben, nur einmal ihres Anblicks zu geniessen. – Nun lebte Hölty damals in Hannover, und ein Bruder desselben war Reisers Mitschüler – und hätte ihn leicht mit dem Dichter bekannt machen können. – Aber so weit ging damals noch Reisers Selbstverkennung, dass er es nicht einmal wagte, Höltys Bruder diesen Wunsch zu entdekken, und sich selbst mit einer Art von bitterm Trotz dies ihm so naheliegende und so sehr gewünschte Glück versagte – indes suchte er jede gelegenheit auf, mit Höltys Bruder zu sprechen, und jede Kleinigkeit, welche dieser ihm von dem Dichter erzählte, war ihm wichtig – und wie oft beneidete er diesen jungen Menschen, dass er der Bruder desjenigen war, welchen Reiser fast unter die Wesen höherer Art zählte; dass er mit ihm vertraulich umgehn, ihn, sooft er wollte, sprechen und ihn 'du' nennen konnte.
Diese ausschweifende Ehrfurcht gegen Dichter und Schriftsteller nahm nachher mehr zu als ab; er konnte sich kein grösseres Glück denken, als dereinst einmal in diesem Zirkel Zutritt zu haben – denn er wagte es nicht, sich ein solches Glück anders als im Traume vorzuspiegeln. –
Seine Spaziergänge wurden ihm nun immer interessanter; er ging mit Ideen, die er aus der Lektüre gesammlet hatte, hinaus und kehrte mit neuen Ideen, die er aus der Betrachtung der natur geschöpft hatte, wieder herein. – Auch machte er wieder einige Versuche in der Dichtkunst, die sich aber immer um allgemeine Begriffe herumdrehten und sich wieder zu seiner Spekulation hinneigten, die doch immer seine Lieblingsbeschäftigung war. –
So ging er einmal auf der Wiese, wo die hin und her zerstreuten hohen Bäume standen, und seine Ideen stiegen auf einer Art von Stufenleiter bis zu dem Begriff des Unendlichen empor. – Dadurch verwandelte sich seine Spekulation in eine Art von poetischer Begeisterung, wozu sich denn die Begierde, den Beifall seines Freundes zu erhalten, gesellte – er dachte sich ein Ideal eines Weisen, eines Menschen, der so viele Ideen hat, als einem Sterblichen nur möglich sind – und der dennoch immer eine Lücke in sich fühlt, die nur durch die idee vom Unendlichen ausgefüllt werden kann, und so brachte er dann wieder mit einigem Zwang wegen des Ausdrucks folgendes Gedicht zuwege:
Die Seele des Weisen
Des Weisen Seel' in ihrem Fluge
Erhub sich über Wolken hoch;
Und folgte kühn dem inneren zug,
Der mächtig himmelan sie zog. –
Sie strebt, das Leere auszufüllen,
Das sie in sich mit Ekel sieht,
Und forscht, um die Begier zu stillen,
Nach Wahrheit, die ihr stets entflieht.
Sie türmt Gedanken auf Gedanken,
Durchschauet kühn der Himmel Heer,
Erschwingt den Weltbau ohne Schranken,
Doch der Gedanke lässt sie leer. –
Sie wagt es nun, sich selbst zu denken,
Sich, die so oft sich selbst enflieht;
Wagt's, in ihr Sein sich zu versenken,
Und sieht, dass sie sich selbst nicht g'nügt. –
Da hub sich hoch mit Adlerschwingen
Des Weisen Seele über sich –
Zu dir, den alle Wesen singen,
Und dachte, Gott, Jehova, dich.
Und nun fühlt sie die weite Leere
In sich erfüllt mit Seligkeit