besondre Veranlassung zum Dichten als seine Neigung und das Streben nach dem Beifall seines Freundes hatte, so drängte sich ihm das Resultat seiner Lektüre von Youngs Nachtgedanken am ersten auf, dem er noch eine ziemlich vernünftige Wendung gab, indem er seinen Christen alle erlaubten Freuden des Weltmanns geniessen liess und ihm dennoch den Vorteil einer frohen Aussicht in die Ewigkeit dazu gab, so dass er gegen den Weltmann auf allen Seiten gewinnen musste. – Aus dieser zwar richtigen, aber zu gesuchten und gekünstelten idee entstand denn folgendes zweite Gedicht, das wiederum Reisers Beifall nicht erhielt, und womit er auch selbst, ungeachtet der Mühe, die es ihm gekostet hatte, nie zufrieden war:
Der Weltmann und der Christ
Einst gingen übern Blumenwiesen
Ein Christ und Weltmann einen Pfad:
Hier, wo der Freude Bäche fliessen,
Ward jeder süsser Freuden satt.
Der Weltmann nutzte klug sein Leben,
Er hielts für seine Ewigkeit –
Nie konnte sich sein Geist erheben
Bis über sich und Welt und Zeit.
Mit Klugheit nutzt' er jede Freude,
Die die natur umsonst ihm bot:
Ihm lacht die Flur im Blumenkleide,
Ihm glänzet früh das Morgenrot. –
Vor diesen edlern Erdenfreuden
Verschloss auch nicht der Christ die Brust,
Und, nicht geboren nur zu Leiden,
Genoss auch er des Weltmanns Lust.
Nur mit dem kleinen Unterscheide:
Der Freude Anfang war ihm da,
Wo jener seiner kurzen Freude
Furchtbarem ende' entgegen sah. –
Dieser Sommer war also für Anton Reiser ein recht poetischer Sommer. – Seine Lektüre mit dem Eindruck, den die schöne natur damals auf ihn machte, zusammengenommen, tat eine wunderbare wirkung auf seine Seele; alles erschien ihm in einem romantischen bezaubernden Lichte, wohin sein Fuss trat. – Aber ungeachtet seines genauen Umganges mit Reisern liebte er dennoch vorzüglich die einsamen Spaziergänge. – Nun war vor dem neuen Tore in Hannover der gang auf der Wiese längst dem Flusse nach dem Wasserfall zu besonders einladend für seine romantischen Ideen.
Die feierliche Stille, welche in der Mittagsstunde auf dieser Wiese herrschte; die einzelnen hie und da zerstreuten hohen Eichbäume, welche mitten im Sonnenschein, so wie sie einsam standen, ihren Schatten auf das Grüne der Wiese hinwarfen – ein kleines Gebüsch, in welchem man versteckt das Rauschen des Wasserfalls in der Nähe hörte – am jenseitigen Ufer des Flusses der angenehme Wald, in welchem er mit Reisern des Morgens in der Frühe spazieren gegangen war – in der Ferne weidende Herden; und die Stadt mit ihren vier Türmen und dem umgebenden, mit Bäumen bepflanzten Walle, wie ein Bild in einem optischen Kasten. – Dies zusammengenommen versetzte ihn allemal in jene wunderbare Empfindung, die man hat, sooft es einem lebhaft wird, dass man in diesem Augenblicke nun gerade an diesem Orte und an keinem andern ist, dass dies nun unsere wirkliche Welt ist, an die wir so oft als an eine bloss idealische Sache denken. –
Es fällt einem ein, dass man sich bei der Lektüre von Romanen immer wunderbarere Vorstellungen von den Gegenden und Örtern gemacht hat, je weiter man sie sich entfernt dachte. Und nun denkt man sich mit allen grossen und kleinen Gegenständen, die einen jetzt umgeben, z.B. in Vorstellung eines Einwohners von Peking – dem dies alles nun ebenso fremd, so wunderbar deuchten müsste – und die uns umgebende wirkliche Welt bekommt durch diese idee einen ungewohnten Schimmer, der sie uns ebenso fremd und wunderbar darstellt, als ob wir in dem Augenblick tausend Meilen gereist wären, um diesen Anblick zu haben. – Das Gefühl der Ausdehnung und Einschränkung unsers Wesens drängt sich in einen Moment zusammen, und aus der vermischten Empfindung, welche dadurch erzeugt wird, entsteht eben die sonderbare Art von Wehmut, die sich unserer in solchen Augenblicken bemächtigt. –
Reiser fing schon damals an, über dergleichen Erscheinungen bei sich selber nachzudenken und zu untersuchen, wie die Gegenstände solche Eindrücke auf ihn machen könnten – allein die Eindrücke selbst waren noch zu lebhaft, als dass er kaltblütige Reflexionen darüber hätte anstellen können – auch war seine Denkkraft noch nicht geübt und nicht stark genug, sich die aufsteigenden Bilder der Phantasie gehörig unterzuordnen – dazu kam eine gewisse Trägheit und Hinsinken in der Behaglichkeit des Genusses, wodurch ebenfalls seine Reflexionen wieder gehemmt wurden. –
Demohngeachtet aber hatte er schon seit dem vorigen Sommer im Sinn gehabt, einen Aufsatz über die Liebe zum Romanhaften zu schreiben und diesen in das Hannoversche Magazin einrücken zu lassen – er sammlete hiezu beständig Ideen und hatte genug gelegenheit, sie zu sammlen, weil seine eigene Erfahrung sie ihm täglich an die Hand gab. – Allein mit dem ganzen Aufsatze kam er doch nicht zustande.
Auch konnte er damals nicht begreifen, warum die einzelnen auf der Wiese hin und her zerstreuten hohen Bäume mit ihrem Schatten in der Mittagssonne einen so wunderbaren Eindruck auf ihn machten – er fiel nicht darauf, dass eben der einsame Stand derselben in grossen und unregelmässigen Zwischenräumen der Gegend das majestätische feierliche Ansehen gab, wodurch sein Herz immer so gerührt wurde. – Diese einsamen Bäume machten ihm seine eigne Einsamkeit, indem er unter ihnen umherwandelte, gleichsam heilig und ehrwürdig – sooft er unter diesen Bäumen ging, lenkten sich seine Gedanken auf erhabene Gegenstände, seine Schritte wurden langsamer, sein Haupt gesenkt und sein ganzes Wesen ernster und feierlicher – dann verlor er sich in dem naheliegenden niedrigen Gebüsch und setzte sich in den Schatten eines Gesträuchs, wo er denn beim Geräusch des nahen Wasserfalls sich entweder in angenehmen Phantasien wiegte oder las.
Es ging auf die Weise