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Gedicht auf den jungen Marquard mehr am Herzen lag als der junge Marquard selbst, war wohl sehr natürlich, obgleich es wieder nicht zu billigen war, dass er Empfindungen log, die er nicht hatteer war auch dabei nicht ganz einig mit sich selber, sondern sein Gewisse machte ihm häufige Vorwürfe, die er denn dadurch übertäubte, dass er sich selbst zu überreden suchte, er empfinde wirklich eine solche Wehmut über den frühen Tod des jungen Marquard, der in der Blüte seiner Jahre allen Hoffnungen und Aussichten auf die Zukunft dieses Lebens entrissen ward. –

Weil nun dies Gedicht im grund Heuchelei war, so gelang es ihm auch wiederum nicht und erhielt auch den Beifall seines Freundes nicht, der fast an jeder Zeile etwas zu tadeln fandauch der Pastor Marquard, dem er das Gedicht überreichen liess, nahm keine besondere Rücksicht darauf, und er erreichte also seinen Zweck dadurch gar nicht. –

Aber es ereignete sich bald darauf ein Vorfall, der ihm Veranlassung gab, sich auf eine weniger affektierte Art in poetische Begeisterung zu versetzen. Es fügte sich nämlich im Anfang des Sommers, dass ein junger Mensch von neunzehn Jahren, der ein ansehnliches Vermögen besass und ein sehr guter Freund von Philipp Reisern war, beim Baden im Flusse ertrank. –

Philipp Reiser trug bei dieser gelegenheit seinem Freunde auf, dass er auf diesen Vorfall ein Gedicht, so gut es nur in seinen Kräften stünde, verfertigen sollteer wollte es drucken lassen, und wenn es auch nicht gedruckt würde, so würde es doch immer, wenn es gut geriete, als ein Produkt des Geistes schätzbar sein.

Dieser Auftrag von seinem Freunde machte Anton Reisers ganzen Ehrgeiz rege; er suchte sich den Vorfall so lebhaft wie möglich vors Auge zu bringen, und nachdem er andertalb Tage lang Ausdruck gegen Ausdruck abgewogen und seine Seelenkräfte angestrengt hatte, um sich den Beifall seines Freundes zu verdienen, waren ihm am Ende folgende Strophen gelungen: Wenn seufzend unterm Druck schwer auf ihn ruh'nder

Jahre

Ein frommer Greis erblasst, wird Wehmut unser Herz; Doch legt ein rascher Tod den Jüngling auf die Bahre, Der kaum zu blühn begannso wird die Wehmut

Schmerz.

Der braunen Nacht entstieg der schönste

Sommermorgen,

Und ruhig atmete noch früh des Jünglings BrustEin sanfter Schlaf verscheucht rund um ihn her die

Sorgen,

Bis ihn Aurora weckt zu einem Tag voll Lust. Er sah diesen Tagund tausend frohen Tagen Sah er entgegen noch voll starker ZuversichtNicht bange Ahndungen, die seinen Tod ihm sagen, Beklemmen seine Brust, die nur von Freuden

spricht. –

Am heitern Himmel glänzt die unumwölkte Sonne Dem Jüngling freundlich zu und winkt ihn auf die

Flur

Da strahlte um ihn her in hoher stiller Wonne Und ernst in ihrer Pracht die feiernde natur. Doch welch ein Schatten bebt dort durch den goldnen

Schimmer? –

Und immer näher bebt's? – o Jüngling, zieh zurück Den allzukühnen Fusszu spät! – Welch ein

Gewimmer! –

Ach Gott! – den Jüngling trifft sein trauriges

Geschick.

Es lauerte der Tod auf ihn in stillen Fluten, Und über seinen Raub rauscht er nun stolz dahinDes Jünglings Freunde sehen's, und ihre Herzen

bluten,

Sie fühlen den Verlust und klagen laut um ihn. Doch welch ein Wonnetod, wo solche Zähren fliessen, Wo sanft ein Auge weint, aus dem der Himmel

lacht

O selig, wenn nun einst sich meine Augen schliessen, Wenn dann auch um mich hier die Freundschaft

zärtlich klagt!

Das letztere bezog sich auf den Umstand, dass ein junges schönes Frauenzimmer, die eine nahe Anverwandtin von dem Ertrunkenen war, und mit deren Bruder sich dieser eben gebadet hatte, auf die erhaltene Nachricht von dem unglücklichen Vorfall sogleich aus der Stadt herbeieilte und bei der Menge Menschen, die am Flusse standen, ihre Tränen nicht verbarg, welches Anton Reiser mit Rührung bemerkte, so dass er den Toten fast beneidet hätte, um den solche Tränen flossen. –

Reiser war nämlich auch in der Absicht, sich zu baden, an den Fluss gegangen, und eben, da er hinkam, war der junge Mensch ertrunken, dessen Gefährte sich noch nicht einmal wieder angekleidet hatte; er sah darauf die gleichgültigen und bei der Sache uninteressierten Zuschauer sich allmählich versammlen, sah den Körper des jungen Menschen, den er selbst durch Philipp Reisern sehr gut gekannt hatte, herausziehen und alle Mittel, ihn wieder zum Leben zu bringen, vergeblich anwendendies alles machte einen so lebhaften Eindruck auf ihn, dass das Gedicht, welches er auf diesen Vorfall verfertigte, eine gewisse Wahrheit im Ausdruck erhielt und sich dadurch von dem Gedicht auf den Tod des jungen Marquard sehr merklich unterschied.

Dies Gedicht fand nun, einige Härten ausgenommen, Philipp Reisers Beifall wieder, welches für Anton Reisern so aufmunternd war, dass er nun auch ohne Veranlassung durch eigne Aufsätze in Prosa und in Versen sich seines Freundes Beifall zu erwerben suchte. –

Allein die Aufsätze und Gedichte ohne eigentliche Veranlassung wollten ihm nie recht gelingener quälte sich vierzehn Tage lang mit einem gegenstand, den er sich zu besingen vorgenommen hatte; dies war eine Gegeneinanderstellung des Weltmanns, dessen Hoffnung sich mit diesem Leben endigt, und des Christen, der eine frohe Aussicht auf die Zukunft jenseits des Grabes hat. –

Diese idee war ein Überbleibsel seiner Lektüre von Youngs Nachtgedanken, und da ihm der Gegenstand, worüber er Verse machen wollte, gleichgültig war, indem er keine