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er setzte sich bei seiner Lampe nieder und schrieb an Philipp Reisern:

'Vom Regen durchnetzt und von Kälte erstarrt kehr ich nun zu dir zurück, und wo nicht zu dirzum toddenn seit diesem Nachmittage ist mir die Last des Lebens, wovon ich keinen Zweck sehe, unerträglich. – Deine Freundschaft ist die Stütze, an der ich mich noch festalte, wenn ich nicht unaufhaltsam in dem überwiegenden Wunsche der Vernichtung meines Wesens versinken will.' –

Und nun erwachte auf einmal wieder der Gedanke, sich den Beifall seines Freundes durch den Ausdruck seiner Empfindungen zu erwerben. – Dies war gleichsam die neue Stütze, woran sich seine Lebenslust wieder festieltund da den Nachmittag alle seine Empfindungen so äusserst stark und lebhaft gewesen waren, so wurde es ihm nicht schwer, sie wieder zurückzurufen. – Er hub also an:

Dir, Freund, will ich mein Leiden klagen,

O könnten dir es Worte sagen:

Ich weiss, du fühltest meinen Schmerz

Mich kränkt nicht hoffnungslose Liebe,

Nicht kränkten unerfüllte Triebe

Nach Ehr und Gold mein Herz. –

Dieser Anfang bezog sich zum teil auf Philipp Reisers verliebte Launen, womit ihn dieser oft quälte, indem er ihm alle die allmählichen Fortschritte erzählte, die er in der Gunst seines Mädchens getan hatteund seine Hoffnungen und Aussichten, die sich alle auf die Erreichung der Gegengunst seines Mädchens beschränkten. – Wofür nun Anton Reiser gar keinen Sinn hatte, dem es nie eingefallen war, sich die Liebe eines Mädchens zu erwerben, weil er es für ganz unmöglich hielt, dass ihm bei seiner schlechten Kleidung und bei der allgemeinen Verachtung, der er ausgesetzt war, je ein solcher Versuch gelingen würde. –

Denn so wie er die Verachtung, welche auf seinen Geist fiel, gleichsam mit zu sich selber rechnete, so rechnete er auch die schlechte Kleidung mit zu seinem Körper, der ihm denn ebenso wenig liebenswürdig als sein Verstand achtungswürdig vorkam. – Kurz, es war ihm der ungereimteste Gedanke von der Welt, dass er je von einem Frauenzimmer geliebt werden sollte. – Denn von den Helden, die in den Romanen und Komödien, die er gelesen hatte, von Frauenzimmern geliebt wurden, machte er sich ein so hohes Ideal, das er nie zu erreichen imstande zu sein glaubte. –

Die eigentlichen Liebesgeschichten waren ihm daher auch höchst langweilig, und am langweiligsten die Erzählungen von den Liebesabenteuern, womit ihn sein Freund Philipp Reiser unterhielt, und die er manche Stunde bloss aus gefälligkeit für ihn anhörte.

übrigens fielen diese Erzählungen seines Freundes immer sehr ins Romanhafte. – Die ganze Prozedur vom ersten freundschaftlichen Händedruck bis zur eigentlichen wechselseitigen Liebeserklärung mit allen Zweifeln, Besorgnissen und allmählichen Fortschritten, die dazwischen liegen, ging ihren vorgeschriebenen gang wie in den Romanenund was nun Anton Reiser in den Romanen gänzlich übergeschlagen oder doch nur flüchtig durchgelesen hatte, das musste er sich jetzt von seinem Freunde der Länge nach erzählen lassen. –

Der Gedanke, dass ihn z.B. nicht hoffnungslose Liebe, sondern ganz andre Dinge kränkten, war also der natürlichste Eingang zu dem Gedicht an Philipp Reisern.

Seine Zweifel und Besorgnisse wegen seines ängstlichen zwecklosen Daseins waren es, die ihn niederdrückten, und er fuhr fort:

Die Qual, die meine Seele fühlet,

Die mörderisch im Herzen wühlet,

Verbannet jede andre Pein

Wer gab, in Tiefen hinzuschauen,

Um selbst mein Elend mir zu bauen,

Mir doch den tollen Vorwitz ein?

Grundlose Tiefen, die den Blicken

Nur Nacht und Graun entgegen schicken,

Und lohnen mit Melancholei

Sie kommt, dass auf dem ehrnen Trone

Sie nun in meiner Seele wohne,

Und rufet ihr Gefolg herbei. –

Nun kam das Gefolge: die Sorgen, der Gram:

Ihm folgt, den Tod in ihren Blicken,

Verzweiflung, ihre Köcher schicken

Die letzten Pfeile auf mich ab

Nun sank die Melodie der aufeinanderfolgenden Empfindungen wieder in sanftes Mitleid mit sich selber zurück:

Ja, jede Lust muss ich nun meiden,

Mir blühen nicht des Lenzes Freuden, usw.

Hievon erhob sich der gang der Ideen zu allgemeinen Betrachtungen über das Leben, die sich aber zuletzt wieder in eben den schrecklichen Zweifeln endigten, von welchen die Melodie ausgegangen war:

Mein Pfad geht über dürre Heide,

Hier flieht mich höhnend jede Freude

Und lässt nur Ekel mir zurück.

Ich wandredoch wohin ich reise?

Woher? – das sage mir der Weise,

Der mehr als ich mich selber kennt

Mein Daseindas sich kaum entschwinget

Dem Augenblick, der es verschlinget,

Und bang nach seinem Ziele rennt;

Wem soll ich dieses Dasein danken?

Wer setzt ihm diese engen Schranken?

Aus welchem Chaos stiegs empor?

In welche greuelvolle Nächte

Sinktswenn des Schicksals ehrne Rechte

Mir winket zu des Todes Tor? – –

Dies Gedicht floss gleichsam aus seiner Seele. – Selbst der Reim und das Versmass machte ihm nur wenige Schwierigkeit, und er schrieb es in weniger als einer Stunde nieder. – nachher fing er bald an, Gedichte zu machen, bloss um Gedichte zu machen, und dies gelang ihm nie so gut. –

Aber der Frühling und Sommer des Jahres 1775 verfloss ihm nun ganz poetisch. – Die angenehmen Shakespearenächte, welche er im Winter mit Philipp Reisern zugebracht hatte, wurden nun durch noch angenehmere Morgenspaziergänge verdrängt. –

Nicht weit von Hannover, wo der Fluss einen künstlichen Wasserfall bildet, ist ein kleines Gehölz, welches man nicht leicht irgendwo angenehmer und einladender finden kann.