und Kragen die Treppe hinaufsteigen und seine Mitschüler versammlet und Prämien unter sie austeilen, und dann wie ein jeder wieder nach haus ging und sich alles so im Zirkel drehte – und in dem Umfange der Stadt, die nun hinter ihm lag, und von der er sich immer weiter entfernte, alles das sich durckreuzende Gewimmel. – Alles schien ihm da so dicht, so klein ineinander zu laufen, wie der zusammengedrängte Haufen Häuser, den er noch in der Ferne sah – und nun dachte er sich hier auf dem freien feld die Stille, und dass ihn niemand bemerkte, niemand ihm eine hämische Miene machte – und dort das lärmende Gewühl, das Rasseln der Wagen, denen er aus dem Wege gehen musste, die Blicke der Menschen, die er scheute – das alles malte sich in seiner Einbildungskraft im kleinen und erweckte ein wunderbares Gefühl in ihm, wie am Abend der Tag sich von der Dämmerung scheidet und die eine Hälfte des himmels noch vom Abendrot erhellt ist, indes die andere schon im Dunkel ruht. –
Er fühlte ungewöhnliche Kraft in seiner Seele, sich über alles das hinwegzusetzen, was ihn darnieder drückte – denn wie klein war der Umfang, der alle das Gewirre umschloss, in welches seine Besorgnisse und Bekümmernisse verflochten waren, und vor ihm lag die grosse Welt. –
Aber dann kehrte wieder das wehmütige Gefühl zurück: wo sollte er nun in dieser grossen öden Welt festen Fuss fassen, da er sich aus allen Verhältnissen herausgedrängt sah? – Da wo auf einem kleinen Fleck der Erde die menschlichen Schicksale zusammenlaufen, war es nichts, gar nichts! –
Ihm fiel ein, dass verdrängt zu werden von Kindheit an sein Schicksal gewesen war – wenn er bei irgend etwas zusehen wollte, wobei es darauf ankam, sich hinzuzudrängen, so war jeder andere dreister wie er und drängte sich ihm vor – er glaubte, es sollte etwa einmal eine Lücke entstehen, wo er, ohne jemanden vor sich hinwegzudrängen, sich in die Reihe mit einfügen könnte – aber es entstand keine solche Lücke – und er zog sich von selbst zurück und sah nun in der Ferne dem Gedränge zu, indem er einsam dastand. –
Und wenn er nun so einsam dastand, so gab ihm der Gedanke, dass er dem Gedränge nun so ruhig zusehen konnte, ohne sich selbst hineinzumischen, schon einigen Ersatz für die Entbehrung desjenigen, was er nun nicht zu sehen bekam – allein fühlte er sich edler und ausgezeichneter als unter jenem Gewimmel verloren. –
Sein Stolz, der sich emporarbeitete, siegte über den Verdruss, den er zuerst empfand – dass er an den Haufen sich nicht anschliessen konnte, drängte ihn in sich selbst zurück – und veredelte und erhob seine Gedanken und Empfindungen. –
Dies war nun auch der Fall bei dem einsamen Spaziergange an dem trüben und regnigten Nachmittage, wo er den hämischen Blicken seiner versammleten Mitschüler und der gänzlichen Vernachlässigung und dem unerträglichen Nichtbemerktwerden, das ihm bevorstand, entfloh, indem er aus dem Tore von Hannover dem einsamen wald zueilte. –
Dieser einsame Spaziergang entwickelte auf einmal mehr Empfindungen in seiner Seele und trug mehr zur eigentlichen Bildung seines Geistes bei – als alle Schulstunden, die er je gehabt hatte, zusammengenommen. –
Dieser einsame Spaziergang war es, welcher Reisers Selbstgefühl erhöhte, seinen Gesichtskreis erweiterte und ihm eine anschauliche Vorstellung von seinem eignen wahren, isolierten Dasein gab; das bei ihm auf eine Zeitlang an keine Verhältnisse mehr geknüpft war, sondern in sich und für sich selbst bestand. –
Indem er einen blick auf das Ganze des menschlichen Lebens warf, lernte er zuerst das Grosse im Leben von dessen Detail unterscheiden.
Alles, was ihn gekränkt hatte, schien ihm klein, unbedeutend und nicht der Mühe des Nachdenkens wert. –
Aber nun stiegen andre Zweifel, andre Besorgnisse in seiner Seele auf – die er schon lange bei sich genährt hätte – über den in undurchdringliches Dunkel gehüllten Ursprung und Zweck, Anfang und Ende seines Daseins – über das Woher und Wohin bei seiner Pilgrimschaft durchs Leben – die ihm so schwer gemacht wurde, ohne dass er wusste, warum? – Und was nun endlich aus dem allen kommen sollte. –
Dies erregte in ihm eine tiefe Melancholie. So wie er mühsam über die dürre Heide vor dem wald im gelben Sande fortwanderte, umzog sich der Himmel immer trüber, indes ein feiner Staubregen seine Kleider durchnetzte – als er in den Wald kam, schnitt er sich einen Dornstock und wanderte weiter fort – da kam er an ein Dorf und machte sich eben allerlei süsse Vorstellungen von dem stillen Frieden, der in diesen ländlichen Hütten herrschte, als er sich in einem der Häuser ein paar Leute, die wahrscheinlich Mann und Frau waren, zanken und ein Kind schreien hörte. –
Also ist überall Unmut und Missvergnügen und Unzufriedenheit, wo Menschen sind, dachte er und setzte seinen Stab weiter fort. –
Die einsamste Wüste wurde ihm wünschenswert – und da ihn endlich auch in dieser die tödliche Langeweile quälte, so blieb das Grab sein letzter Wunsch – und weil er nun nicht einsah, warum er sich die Jahre seines Lebens hindurch in der Welt von allen Seiten hatte müssen drücken, stossen und wegdrängen lassen, so zweifelte er endlich an einer vernünftigen ursache seines Daseins – sein Dasein schien ihm ein Werk des schrecklichen blinden Ohngefährs. –
Es wurde früher wie gewöhnlich Abend, weil der Himmel trübe war und es stärker anfing zu regnen – und da er zu haus wieder anlangte, war es schon völlig dunkel –